Markus Lanz

Sebastian Fiedler sprach über die Probleme bei den Ermittlungen im Bereich Kindesmissbrauch. Bild: screenshot zdf

Kriminalbeamter prangert Umgang mit Kindesmissbrauch an: "Man muss das aussprechen"

Der Missbrauchsfall von Münster schockiert ganz Deutschland. Immer mehr Details und Opfer werden bekannt. In der Talk-Runde von Markus Lanz wurde am Dienstagabend ebenfalls über das Thema diskutiert. Zu Gast war der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler, der sehr deutlich machte, wo die Probleme bei der Ermittlung von Tätern liegen und was auch in der Politik schiefläuft. Und es kam die Frage auf: Haben Kinder in Deutschland keine Lobby?

Das zeichnet sich vor allem mit Blick auf die Corona-Krise immer deutlicher ab. Denn während selbst die Bundesliga wieder spielen darf, sitzen viele Kinder noch immer zu Hause und betreiben Homeschooling. Mit SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und Serap Güler, der Staatssekretärin für Integration in NRW, hatte sich Lanz zwei Gäste eingeladen, die zu Schulöffnungen ganz unterschiedliche Ansichten vertreten.

Gestartet wurde allerdings mit den schrecklichen Taten aus Münster. Ein Thema, das vor allem Sebastian Fiedler deutlich werden lässt. Denn seiner Meinung nach würde viel zu "verblümt" über das Thema Kindesmissbrauch gesprochen. Man müsse dabei viel "deutlicher" werden und auch aussprechen, dass Missbrauch nicht erst bei Zwei- oder Dreijährigen anfängt, sondern auch schon bei Säuglingen.

16.000 Fälle von sexuellen Missbrauchs jährlich

Auf einer Pressekonferenz sei kürzlich berichtet worden, dass im vergangenen Jahr 16.000 Fälle von sexuellem Missbrauch polizeilich registriert worden seien – ohne das Dunkelfeld. "Wir können von weit über 100 Fällen pro Tag ausgehen", machte Fiedler sehr eindringlich deutlich. Er prangert an, dass sich über solche Zahlen viel zu wenig aufgeregt wird, es viel zu wenig Nachfragen gibt. Das Thema müsse auf die "Dauer-politische-Agenda" kommen, mahnt er an.

Warum in der Bevölkerung so ungern über das Thema gesprochen wird? Lanz versucht dafür eine Erklärung zu finden:

"Wir wollen uns als Menschen nicht mit so einer Art von Sexualität auseinandersetzen. Das sind solche Abgründe."

Aber Fiedler macht klar, "es muss wehtun". Und dann zählt er in drastischen Worten auf, was die Täter den Kindern antun. "Man muss das mal so offen aussprechen, damit wir wirklich die Schmerzen in der Gesellschaft erzeugen, um zum Besseren was zu verändern", erklärt er.

Und nicht nur sexueller Missbrauch sei ein Problem, sondern auch jeglicher anderer Missbrauch und Misshandlungen von Kindern. Er sagt, es gebe eine Rechtslücke und macht auf das Problem "Ärztehopping" aufmerksam. Erziehungsberechtigte, die von Arzt zu Arzt wechseln, um die Kinder behandeln zu lassen. So wird ein Missbrauchsproblem oft nicht erkannt, denn die Ärzte dürfen sich ohne Zustimmung nicht untereinander austauschen – auch nicht, wenn es einen Verdachtsfall gibt.

Fiedler fordert zentrale Anlaufstelle für Kinderschutz

Lanz will daraufhin wissen, warum die Politik da nichts dagegen unternehme und richtet sich direkt an Lauterbach. Der stimmt Fiedler sogar ohne Umschweife zu. Grundsätzlich sei es richtig, dass sich Ärzte nicht ungefragt über einen Patienten austauschen dürfen, aber wenn so etwas "wie ein Vorverdacht da ist, weil die Kinder können sich ja nicht wehren", sollte es Ausnahmen geben, sagt er. "Zum besonderen Schutz der Kinder müsste man diese Rechtslücke schließen", fordert auch er. Und das sollte möglichst schnell geschehen, "sonst kriegen wir das Problem nie in den Griff". Dass es möglich sei, wisse er, darüber habe er sich im Vorfeld informiert.

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Karl Lauterbach hält das Strafmaß in Bereich Kindesmissbrauch für nicht angemessen. Bild: screenshot zdf

Wenn dann endlich ein Täter ermittelt wurde, gehen die Probleme allerdings weiter. Vor allem das teils niedrige Strafmaß, das Täter zu erwarten haben, prangert Fiedler an. Der Ermittler fordert, ähnlich wie bei Steuerhinterziehung, dass ab einer bestimmten Anzahl von Missbrauchsmaterial, der sich in Besitz befindet, keine Bewährungsstrafe mehr gegeben werden kann. Auch Lauterbach hält das Strafmaß für absolut nicht angemessen, es würde den Taten nicht gerecht werden.

Generell fordert Fiedler eine zentrale Anlaufstelle für Kinderschutz in jedem Bundesland. Bestenfalls sitze dort ein Psychologe am Telefon und nimmt die Nachfragen oder Beobachtungen der Anrufer entgegen. Von dieser zentralen Stelle aus, sollen die Fäden gesponnen werden, um "unsere Kinder vor solchen üblen Taten zu schützen". Auch bei Lauterbach stößt das auf Zustimmung.

Am Ende hatte Lanz nur noch ein "Puuuh" übrig. Aber das Thema wolle er nun häufiger in seiner Sendung aufgreifen, versprach er, eher er auf das zweite große brandaktuelle Thema überleitete: die Schulöffnungen nach dem Corona-Lockdown.

Öffnung von Schulen wird zum Streitthema

Einige Bundesländer, dazu zählt auch Nordrhein-Westfalen, planen die Rückkehr zum Regelbetrieb ab der kommenden Woche – allerdings nur für zwei Wochen, dann stünden bereits die Sommerferien an. Das stößt vor allem bei Lauterbach auf Unverständnis, auch wenn Lanz anführt, dass unter den Covid-19-Erkrankten keine drei Prozent Kinder seien. Von diesen Zahlen hält Lauterbach wenig. Er führt das Beispiel Göttingen an. In dem Hochhaus, in dem eine große Zahl an Infizierten lebe, sei ein Drittel der Erkrankten Kinder. Auch in Israel sei das Verhältnis von Kindern zu Erwachsenen, die sich bei der nächsten Welle infiziert hätten, ein anderes.

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Zwischen Lauterbach und Serap Güler wurde es hitzig. Bild: screenshot zdf

Es sei ein Trugschluss, dass Kinder niemanden anstecken würden, meint der SPD-Gesundheitsexperte. Das Problem sei: "Am Anfang werden die Kinder kaum jemanden anstecken, weil wir haben wenig Fälle. Der richtige Test ist der, was passiert mit den Kindern, wenn ich nicht wenige Fälle habe", erklärt Lauterbach. Zum Beispiel wie es in Schweden oder Israel der Fall ist. Dort würde man sehen, dass Kinder eben sehr wohl andere Kinder und auch Erwachsene anstecken würden. Dass Lauterbach ausgerechnet auf Schweden verweist, hält Lanz für schwierig: "Schweden ist kein gutes Beispiel in dem Zusammenhang", meint der Moderator. Aber Lauterbach sieht das anders, denn auch dort habe es Ansteckungen unter den Kindern und Lehrern an Schulen gegeben, es habe nur einfach kaum eine entsprechende Auswertung dazu gegeben. Lauterbach wurde deutlich:

"Die Staatsepidemiologen in Schweden haben aus meiner Sicht auf voller Linie versagt."

Lauterbach: "Das halte ich für völlig unverantwortlich"

Und er ist überzeugt: "Von dem, was in den nächsten zwei Wochen passiert, können wir nichts ableiten für den Herbst." Durch die niedrigen Fallzahlen würde nicht viel passieren, sagt er. Aber man müsse sich besonders gut auf den Herbst vorbereiten, "das schulden wir den Kindern". Wenn wir verhindern wollen, dass die Schulen sofort wieder geschlossen werden, müsste mit mehr Gründlichkeit und mit mehr Respekt für die Kinder und mit mehr Intelligenz an die Aufgabe herangegangen werden, macht der Politiker deutlich. Angesichts der ausgeklügelten Konzepte von Bundesliga oder manchen Betrieben, sei es schon erschreckend, wie die Länder bei den Schulöffnungen verfahren. "Es soll einfach nur das Signal gegeben werden, es geht wieder los", kritisiert er. Aber 30 Schüler in einer Klasse, keine Masken – "das halte ich für völlig unverantwortlich", macht Lauterbach deutlich.

Allerdings sagt er auch: "Niemand, ich auch nicht, hat jemals gesagt: keine Schule." Nur vom Regelbetrieb mit 30 Kindern in einer Klasse rät er weiter ab. Das sei auch "respektlos" in Anbetracht des Risikos.

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Bei Markus Lanz diskutierten Karl Lauterbach und Serap Güler über dei Schulöffnungen. Bild: screenshot zdf

Kritik an anbgeblichem Gutachten

Lauterbach und Serap Güler waren bereits vergangene Woche bei Lanz zu Gast. Schon da ging es in der Diskussion über Öffnung von Schulen heiß her. Was auch der Grund für die erneute Einladung war. Güler sagte damals, es sei "elitär", wenn man verlange, dass Kinder noch länger mit Tablets zu Hause lernen. Denn nicht alle Kinder hätten überhaupt Zugriff auf ein Tablet. Sie spricht sich für die Schulöffnungen aus – auch bei Grundschulen. Das gerade bei Letzteren auf das Tragen von Masken oder die Abstandsregeln verzichtet werden könne, begründet sie damit, dass es sich dort um feste Klassenverbunde handele. Das hätten auch Experten in einem Gutachten empfohlen. Lauterbach wirft sie gleichzeitig vor, das Thema aus rein epidemiologischer Sicht zu betrachten.

Markus Lanz

Lauterbach fühlte sich von Güler angegriffen. Bild: screenshot zdf

Der wehrt sich vehement "gegen die Message, Herr Lauterbach denkt nicht daran, die Kinder haben einen großen Schaden, wenn sie nicht zur Schule kommen". Seine Tochter sei ebenfalls monatelang nicht in der Schule gewesen. "Ich bekomme das bestens mit", meint er. "Wir Mediziner, wir Epidemiologen, sind auch nicht so blöde, dass wir nicht an die Kinder denken." Und er macht deutlich, dass das angebliche Gutachten, auf das sich Güler bei der Abschaffung von Abstandsregeln in Grundschulen bezieht, lediglich eine Stellungnahme sei – an der außerdem nicht einmal nennenswerte Virologen beteiligt gewesen seien. Selbst Lanz fand das "ein bisschen dünn" als Grundlage.

Aufgrund einer "gutgemeinten Stellungnahme" die Grundschulen wieder zu öffnen, halte Lauterbach für den völlig falschen Weg.

(jei)

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