Deutschland
ARCHIV - 27.04.2016, Niedersachsen, Garrel: Schweineh

Mitarbeiter in einem Schlachthof in Niedersachsen. Bild: dpa / Ingo Wagner

"Rumänen und Bulgaren" hätten Virus mitgebracht: Was es mit Laschets Aussage auf sich hat

Schlachtereien scheinen sich als neue Corona-Hotspots durchzusetzen: Nach einigen Ausbrüchen in deutschen Schlachtbetrieben, unter anderem in Coesfeld und Oer-Erkenschwick, ist nun ein Betrieb von Tönnies im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück, Kreis Gütersloh, betroffen. Bislang wurden mehr als 650 von 983 Mitarbeitern positiv auf Sars-CoV-2 getestet.

Mit seiner jüngsten Reaktion auf den neuen Ausbruch hat sich NRWs Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nicht gerade beliebt gemacht. Auf die Frage hin, ob die steigenden Fallzahlen mit Lockerungsmaßnahmen in seinem Bundesland zusammenhingen, antwortete er:

"Das sagt überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da das Virus herkommt. Das wird überall passieren. Wir haben in ganz Deutschland ähnliche Regelungen."

Zwar hat Laschet mittlerweile betont, dass es sich verbiete, "Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben". Dennoch steht der CDU-Politiker in der Kritik, sich zunächst rassistisch gegen osteuropäische Gastarbeiter geäußert zu haben.

Was genau an seinen Aussagen problematisch ist und auf welche Missstände sie zurückzuführen sind – das beantwortet watson.

Eure Fragen unsere Antworten

Bild: watson

Was ist rassistisch an Laschets Aussage?

Das Problem ist, dass er in seinem Satz die Herkunft der Menschen ("Rumänen und Bulgaren") direkt mit dem Virus geknüpft ("und da das Virus herkommt") hat. Laschets Aussage war die Antwort auf die Frage der ZDF-Reporterin Nicole Diekmann, was der Covid19-Ausbruch in dem Tönnies-Betrieb über die bisher in Nordrhein-Westfalen erlassenen Corona-Lockerungen aussagt. Laschets Antwort beginnt mit dem umstrittenen Zitat – und geht dann mit Erklärungen dazu weiter, warum der Ausbruch in dem Tönnies-Betrieb aus Laschets Sicht eben nichts mit den allgemeinen Lockerungen zu tun hat. Laschet verweist auf die Arbeitsbedingungen in den Betrieben und auf die Unterbringung der Beschäftigten.

Für den Satz zu "Rumänen und Bulgaren" wurde Laschet nun von mehreren Seiten heftig kritisiert. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby schrieb etwa auf Facebook: "Wer suggeriert: Es gebe einen direkten Zusammenhang zwischen ethnischer Herkunft und Erkrankung, bedient sich rassistischer Denkmuster."

Aus seiner eigenen Partei wird Laschet verteidigt: NRW-Innenminister Karl-Josef Laumann (CDU) sagt, der Ministerpräsident habe eben nur sagen wollen, dass wegen des Ausbruchs kein Grund zur Panik im ganzen Bundesland bestehe – weil es ein lokal begrenzter Ausbruch sei.

Armin Laschet gilt in der CDU als liberaler Politiker. Er kandidiert derzeit – neben Norbert Röttgen und Friedrich Merz – für den Parteivorsitz, den derzeit noch Annegret Kramp-Karrenbauer innehat. Sollte Laschet gewählt werden, soll Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sein Stellvertreter werden.

Laschet selbst hat die Rassismus-Vorwürfe gegen ihn am Donnerstag, wie bereits erwähnt, entschieden zurückgewiesen: "Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich. Mir ist wichtig klarzumachen, dass das für mich wie für die gesamte Landesregierung selbstverständlich ist", teilte er am Donnerstag mit. Es gebe "eine Vielzahl von Risiken für die Verbreitung von Viren, dazu gehören auch die Bedingungen und die Form des Reiseverkehrs innerhalb Europas. Wir wollen ja aber gerade offene Grenzen und einen europäischen Arbeitsmarkt."

Warum kann sich das Virus unter Gastarbeitern leicht verbreiten?

Erst Spargelhöfe, dann Schlachtbetriebe: In den vergangenen Monaten ist es mehrfach zu Coronavirus-Ausbrüchen an Orten gekommen, an denen besonders viele Arbeitnehmer aus Osteuropa arbeiten – Menschen, die zu einem großen Teil nur kurzfristig in Deutschland leben und deshalb auch als Gastarbeiter bezeichnet werden. Viele davon haben nur prekäre Arbeitsverhältnisse: In der Fleischindustrie arbeitet nach Angaben von Gewerkschaftern die große Mehrheit der Beschäftigten für Subunternehmen, mit Werkverträgen ohne richtigen Kündigungsschutz und schlechter Bezahlung. Auf Spargelhöfen sind es überwiegend Saisonarbeiter, die auf den Feldern arbeiten. Und in beiden Fällen leben die Menschen meist in Sammelunterkünften, die direkt vom Arbeitgeber gestellt werden.

"Die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen scheinen mit den aktuell notwendigen Hygienemaßnahmen nicht gut vereinbar zu sein."

Virologin Isabelle Eckerle

Diese Sammelunterkünfte sind das eine Problem: In ihnen leben und schlafen oft mehrere Menschen in einem Zimmer, teilweise fünf oder sechs. Es gibt Gemeinschaftsbäder. Abstandsregeln sind dort im Alltag kaum einzuhalten. Das bedeutet auch: Wenn sich eine Person mit dem Coronavirus ansteckt, dann kann es sich in den Sammelunterkünften rasant verbreiten.

Das zweite Problem liegt in den Fleischbetrieben selbst: Die Räume, in denen geschlachtete Schweine oder Rinder zerteilt und verarbeitet werden, sind stark gekühlt, meist herrschen dort Temperaturen zwischen vier und sieben Grad. Die Kühlkette darf dann nicht mehr unterbrochen werden, sonst verdirbt das Fleisch. Die kalte Luft verhindert zwar die Verbreitung von Keimen – doch sie erleichtert laut mehreren Studien die Verbreitung von Sars-CoV-2. Bei kühlen Temperaturen hält es sich viel länger als bei wärmeren. Auch Virologe Christian Drosten hat auf die Verbindung zwischen niedrigen Temperaturen und der längeren Haltbarkeit des Virus hingewiesen.

Außerdem wird immer wieder kritisiert, dass die zur Virus-Eindämmung nötigen hygienischen Bedingungen in den Betrieben nicht immer eingehalten werden. "Die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen scheinen mit den aktuell notwendigen Hygienemaßnahmen nicht gut vereinbar zu sein", sagte Isabelle Eckerle, Virologin und Leiterin der Forschungsgruppe "Emerging Viruses" an der Uni Genf der Nachrichtenagentur dpa.

Haben Lockerungen dazu beigetragen, dass sich das Virus bei Tönnies ausbreiten konnte?

Mit Corona-Lockerungen im öffentlichen Leben in Deutschland hängen die Fälle wohl nicht zusammen. Die wiederholten Ausbrüche in Betrieben der Fleischindustrie weisen eher auf die eben beschriebenen Missstände dort hin. Die kürzlich festgestellten Corona-Infektionsherde in großen Wohnanlagen in Göttingen und Berlin-Neukölln deuten außerdem darauf hin, dass beengte Wohnverhältnisse die Verbreitung des Virus begünstigen – und dass auch in Deutschland Menschen mit geringerem Einkommen ein größeres Infektionsrisiko haben.

Dass Heimatbesuche der Mitarbeiter in den Tönnies-Betrieben am vergangenen Wochenende mit dem Ausbruch zusammenhängen, ist laut Expertin Isabelle Eckerle dagegen "extrem unwahrscheinlich". Die Inkubationszeit betrage "im Mittel fünf Tage, sodass ein Wochenendbesuch kaum so eine große Anzahl an Personen erklären kann", sagte Eckerle der Nachrichtenagentur dpa.

Wie können Ausbrüche unter solchen Umständen vermieden werden?

Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie werden seit den jüngsten Ausbrüchen stark kritisiert. Mehrere Politiker, darunter auch NRW-Innenminister Laumann, fordern ein Verbot von Werkverträgen. Im Mai hat die Bundesregierung schon einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, durch den Werkverträge in der Fleischindustrie ab 2021 weitgehend verboten werden sollen.

NRW-Innenminister Laumann griff die Fleischindustrie auch wegen der Verhältnisse in den Sammelunterkünften für Beschäftigte an. Und ergänzte im Gespräch mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger": "Da die Fleischindustrie offenbar nicht willens ist, die Missstände zu beseitigen, muss nun die Politik handeln."

Ministerpräsident Laschet wies am Donnerstag ebenfalls auf nötige Änderungen in der Fleischindustrie hin. Er teilte laut mit: "Wir müssen davon ausgehen, dass die Arbeitsbedingungen und die Unterbringung der Menschen dazu beigetragen haben, dass sich das Coronavirus unter den Mitarbeitern des Schlachtbetriebs in Gütersloh derart ausbreiten konnte."

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte den NRW-Ministerpräsidenten im watson-Interview jedoch dafür, diese Missstände nicht bereits behoben zu haben. "Da die meisten Corona-Ausbrüche in NRW waren, zeigt sich: Laschet hat da nicht rechtzeitig gehandelt. Die Werksverträge haben weiterhin Bestand", prangerte Lauterbach an.

Osteuropäische Gastarbeiter

Seit Jahren arbeiten in Deutschland hunderttausende Menschen aus Osteuropa – oft in prekären Verhältnissen – jeweils wochen- oder monatsweise in Deutschland. Das Bündnis "Faire Mobilität", das der Gewerkschaftsbund DGB verantwortet und vom Bundesarbeitsministerium gefördert wird, schätzt die Zahl dieser Gastarbeiter des 21. Jahrhunderts auf jährlich "deutlich über fünf Millionen Menschen", wie Dominique John, Leiter von "Faire Mobilität", kürzlich "Zeit Online" sagte.

(ak/se)

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    Alle Leser-Kommentare
  • kdirnbach 19.06.2020 11:15
    Highlight Highlight Vorsicht mit solchen Behauptungen! Zum einen ließe es sich durchaus mittels einer DNA-Analyse nachweisen, welchen Weg das Virus jetzt genau genommen hat. Zum andern ist es nicht sonderlich ruhmreich, von der unmoralischen und unerträglichen Ausbeutung dieser Menschen ablenken zu wollen. Abschreckender und deutlicher zeigen sich die negativen Folgen von politischem Lobbyismus wohl selten! Und nur mit einem "Zurückrudern" kann es für mich nicht getan sein - der Nachweis einer "Nicht-Käuflichkeit" wird jetzt zum Maßstab für seine Kanzlertauglichkeit werden. Klassisches Eigentor - blöd gelaufen...
  • Jaisalmer 18.06.2020 22:38
    Highlight Highlight Diese Aussage ist unterste Schublade. Mehr braucht man dazu gar nicht sagen.
    Ich hoffe, dass sich seine mögliche Kanzlerschaft damit jetzt erledigt hat.

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