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Die SPD und ihr Hartz-IV-Trauma: Ein Drama in 4 Akten

BERLIN, GERMANY - MARCH 09:  Workers dismantle giant letters of the logo of the German Social Democrats (SPD) following the presentation of the SPD members of the next German government cabinet at SPD headquarters on March 9, 2018 in Berlin, Germany. The SPD and the German Christian Democrats (CDU/CSU) have agreed to form a government coalition that will face confirmation in the Bundestag and by German President Frank-Walter Steinmeier on March 14.  (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Bild: Getty Images Europe

Man könnte es als Ironie der Geschichte bezeichnen: Ausgerechnet ein Sozialdemokrat löste das größte sozialpolitische Erdbeben der Nachkriegszeit aus. Vor gut 15 Jahren war das, als der damalige Kanzler Gerhard Schröder mit den Hartz-Gesetzen eine der umfangreichsten Arbeitsmarktreformen in der Geschichte Deutschlands auf den Weg brachte.

Seither ist viel passiert. Vor allem mit der SPD:

Gegner von Hartz IV fühlen sich bestätigt. Befürworter argumentieren, dass die Hartz-Gesetze für den Rückgang der Arbeitslosigkeit gesorgt und Deutschland in Europa und der Welt wieder wettbewerbsfähig gemacht hätten (Exportweltmeister). Effekte, von denen die Regierungen unter Kanzlerin Merkel seit Jahren profitieren. Warum also das  Trauma nicht als Erfolgsgeschichte verkaufen?

Hartz IV aber bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung ein Unwort. Ganz besonders in der SPD. Heute wollen viele Genossen von ihrem ureigenen Projekt nichts mehr wissen. Heute ist Hartz IV so eine Art buckelige Verwandtschaft. Man schämt sich. Meidet sie auf Familientreffen. Und geht ganz sicher nicht sonntags mit ihr spazieren.

Der Hartz-IV-Geist soll wieder in die Flasche: Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller forderte "Schluss mit Hartz IV" in der "Berliner Morgenpost" und sprach sich für ein solidarisches Grundeinkommen aus. Sozialminister Hubertus Heil sprang auf den Debattenzug auf, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Manu Dreyer legte nach.

Was folgt ist altbekannt: Die Distanzierung von der Distanzierung. Vizekanzler Olaf Scholz will die Hartz-IV-Abtrünnigen in den eigenen Reihen wieder einfangen und rudert zurück. Das "Kernprinzip der Arbeitsmarktreform" stehe für die SPD nicht infrage, sagte Scholz, Co-Architekt und SPD-Generalsekretär in der Schröder-Ära, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Da schlagen sie wieder: Die zwei Herzen in der Brust der SPD.  Hartz IV und SPD – es bleibt ein Nichtverhältnis, ein Trauma in 4 Akten.

Das Trauma der SPD in 4 Akten

Die Ausgangslage: Der „kranke Mann Europas“ und die Agenda 2010

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Es ist die vielleicht berühmteste Diskette der jüngeren Geschichte: Der Vorsitzende der Hartz-Kommission, Peter Hartz (l), überreicht am 16.8.2002 in Berlin Bundeskanzler Gerhard Schröder den Datenträger mit den Vorschlägen zum Abbau der Arbeitslosigkeit. Bild: dpa

Deutschland im Jahre 2002. Das Land gilt als „kranker Mann Europas“. Die Arbeitslosenzahl liegt konstant bei 4,4 Millionen. Die Wachstumsraten befinden sich im Promillebereich. Rot-Grün verstößt wiederholt gegen die Stabilitätskriterien. Und Gerhard Schröder hat mit einer ganz eigenen Hypothek zu kämpfen: Vier Jahre zuvor wurde er mit dem Versprechen, die Arbeitslosenzahl auf 3,5 Millionen zu senken, Bundeskanzler. Er muss handeln.

Noch vor der Bundestagswahl 2002 beauftragt Schröder VW-Personalvorstand Peter Hartz, ein Konzept gegen die Massenarbeitslosigkeit zu entwickeln. Eine 15-köpfige Kommission legt der Bundesregierung im August 2002 einen Plan vor, die Hartz-Gesetze sind geboren.

Die Chronologie der Gesetze

Im November 2002 stimmt Rot-Grün den Hartz-Gesetzen I bis II zu. (Sie verschärfen die Zumutbarkeitsregelungen für Arbeitslose, beinhalten den Ausbau des Leih- und Zeitarbeitsektors und die sogenannten Minijobs werden geschaffen.) 
Im Oktober 2003 wird Hartz III mit rot- grüner Mehrheit veraschiedet. (Hartz III regelt die Umorganisation der Bundesanstalt für Arbeit.)
Besonders umstritten ist das vierte Hartzgesetz. (Es regelt Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II (ALG II).) 
Erst im Juli 2004 geht Hartz IV durch den Bundesrat – die ostdeutschen Länder stimmen dagegen.

Schröder verkündet die Agenda 2010: „Fördern und Fordern“

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Auf der Montagsdemonstration gegen "Hartz IV" und "Agenda 2010" demonstrieren mehrere tausend Menschen am Montag (13.09.2004) in Leipzig. Bild: dpa

Am 14. März 2003 präsentiert Gerhard Schröder seinen Plan einer breiten Öffentlichkeit. In seiner Regierungserklärung stellt er die Agenda 2010 unter der Überschrift „Fördern und Fordern“ vor.

Die Folge: Die Regierung gerät unter Druck. Es kommt zu Protesten. In sogenannten "Montagsdemos" gehen vor allem in Ostdeutschland Zehntausende auf die Straße und fordern den Stopp von Hartz IV. 

Der Start: Mit Hartz IV beginnt der Fall der SPD

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Er konnte einfach nicht loslassen: Gerhard Schröder bezeichnete sein Auftreten in der Elefantenrunde nach verlorener Wahl 2005 selbst als "suboptimal". Bild: dpa

Hartz IV tritt am 1.1.2005 in Kraft. Arbeitsämter werden mit den damaligen Sozialämtern zusammengelegt. Aus Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger werden "Kunden" beim neugründeten Jobcenter. Das Arbeitslosengeld I wird auf 12 bis maximal 18 Monate begrenzt. Im Anschluss folgt das Arbeitslosengeld II, besser bekannt unter dem Begriff Hartz IV. 

Es kommt zum Hartz-IV-Effekt: Die Arbeitslosigkeit steigt auf Rekordniveau, gegenüber dem Vorjahr um 10,9 Prozent auf 4,86 Millionen.

5.000.000 Arbeitslose – titelt die „Bild“-Zeitung im Januar 2005.

Schuld an dieser Entwicklung ist die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. In der Folge kommt es zu einer Verschiebung aus der sogenannten Stillen Reserve in die registrierte Arbeitslosigkeit. Sozialhilfeempfänger tauchen jetzt in der Arbeitslosenstatistik auf.  

Damit hat Hartz IV von Anfang an vor allem ein Imageproblem. Und gleichzeitig sein Erfinder: die SPD. Wie ein Reformprojekt erklären, dass unmittelbar zu einer statistischen Verschärfung der Arbeitslosigkeit führt? 

Spaltung und Abwahl – die Folgen für die SPD:

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Angela Merkel im Kanzleramt. Von hinten grüßt das Schröderporträt. Bild: dpa

Hartz IV wird zum Kampfbegriff. Kritiker beklagen die  Ausweitung der prekären Beschäftigung und die Schaffung eines Niedriglohnsektors. Handwerkliche Fehler schleichen sich ein. Die Ämter sind überfordert.

Vor allem innerhalb der SPD brodelt es. Es kommt zur Spaltung: Die "WASG" unter Führung Oskar Lafontaines spaltet sich von der SPD ab. Später wird sie zusammen mit der "PDS" in der Partei "Die Linke" aufgehen.

2005 gehen Landtagswahlen verloren. Die Niederlage im SPD-Land NRW führt schließlich zu einem politischen Erdbeben. An diesem Wahlsonntag wird um 18:28 das Schicksal der Ära Schröder besiegelt. Der damalige SPD-Parteivorsitzende Franz Müntefering tritt ans Mikrofon und kündigt an, die Neuwahl des Bundestages anzustreben. Schröder geht All-In.   

Die SPD verliert, Schröder geht, Rot-Grün ist Geschichte. Der Aufstieg Merkels beginnt. Sie wird von den Reformen der Vorgänger profitieren.

Und die SPD hat sich über die Agenda und Hartz IV erschöpft - bis heute. 

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