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Markus Lanz hatte Virologe Hendrik Streeck zu Gast. Bild: screenshot zdf

Virologe Streeck erklärt, warum die Fallzahlen sinken

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist in Deutschland zuletzt immer langsamer angestiegen. Doch nun kommt ein neuer Infektionsherd hinzu: der Schlachtbetrieb Tönnies in Nordrhein-Westfalen. Dort sind mehr als 650 Infektionen nachgewiesen worden – mit massiven Folgen. Kitas und Schulen in der Region wurden wieder geschlossen, rund 7000 Menschen befinden sich in Quarantäne.

Zeigt sich hier ein neues Heinsberg, fragte Markus Lanz in seiner Talk-Sendung den Virologen Hendrik Streeck. Und er sprach auch mit Karoline Preisler. Die Juristin hat selbst eine schwere Covid-19-Erkrankung überlebt und noch immer mit den Auswirkungen der Krankheit zu kämpfen.

Streeck ist überzeugt: "Aus diesem Ausbruch können wir sehr viel lernen." Er hoffe, dass auch Hygieniker in den Betrieb gehen, um den Ausbruch besser zu verstehen. Interessant sei es, weil die Infektionen bei einer Routineuntersuchung aufgefallen seien und eben nicht dadurch, dass Menschen vermehrt im Krankenhaus gelandet sind. Und interessant auch, weil es wieder in einem Schlachtereibetrieb geschehen ist. Man wisse über diese Betriebe, wie er sagte:

"Sie sind kalt und sie sind laut. Man muss schreien und wir wissen, dass sich durch die Kälte Aerosole, Feuchtigkeitströpfchen und auch Viren viel besser in der Luft halten können und dadurch auch besser eine Übertragung stattfinden kann. Durchs Schreien werden diese Tröpfchen größer und die Übertragung ist wahrscheinlich."

Streeck: "Es ist ein größeres Heinsberg"

Man habe immer angenommen, dass sich das Wetter und die Temperatur auf das Virus auswirkten, sodass man anhand des jetzigen Geschehens wahrscheinlich sehr gut nachvollziehen könne, was Kälte und trockene Jahreszeit mit dem Virus macht. Bevor Lanz überhaupt auf das Thema zu sprechen kommen konnte, warf Streeck es bereits ein: In Brasilien sei das Problem ein anderes. Hohe Luftfeuchtigkeit und Regen führen zu häufigeren Übertragungen der Grippe, das wisse man. In puncto Tönnies müsse man jetzt erst einmal abwarten und schauen, wie verbreitet das Virus tatsächlich in der Region sei.

Natürlich zog Lanz direkt den Vergleich mit Heinsberg, wo sich zur Karnevalszeit das Virus massiv verbreitet hatte. "Es ist sogar ein größeres Heinsberg, wenn man so will", meinte Streeck dazu. Doch unabhängig davon mahnte der Virologe an: "Ich glaube, es ist wichtig zu realisieren, dass das Virus wahrscheinlich bleiben wird." Man werde es nicht austreiben können, es werde Teil des Alltags werden.

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Prof. Hendrik Streeck war für die Heinsberg-Studie verantwortlich. Bild: screenshot zdf

Corona-Übertragung vor allem in geschlossenen Räumen

Streeck erklärte, dass zehn Prozent der Infizierten für 80 Prozent der Infektionen verantwortlich seien. Das nenne man Cluster-Ereignisse und betonte deshalb auch, wie wichtig es sei, viele Menschen an einem Ort zu vermeiden. Lanz verwies dabei auch auf die jüngsten Menschenansammlungen in Berlin. Dort hatten sich zu Pfingsten zahlreiche junge Leute bei schönem Wetter zu einer "Demonstration", die eher zu einer Schlauchboot-Party ausartete, auf dem Landwehrkanal getroffen. Was der Virologe beim Anblick dieser Bilder denken würde, wollte er wissen.

Gutheißen konnte der die Menschenansammlung natürlich nicht. Man müsse nun sehen, ob es zu vermehrten Ausbrüchen in Berlin komme und ob diese dann damit zusammenhängen würden. Es sei so gesehen auch ein schönes Experiment. Allerdings sagte Streeck auch, dass man momentan davon ausgehe, dass die Übertragungen vor allem im geschlossenen Raum und nicht im Freien stattfinden.

Streeck erläutert Virusmutationen

Lanz wagte in seiner Sendung aber auch einen Blick nach China, speziell auf den neuen Corona-Ausbruch in Peking. Von Streeck wollte er deshalb wissen, wie groß ist die Gefahr sei, dass das Virus mutiert und gefährlicher wird. Streeck:

"Jedes Virus mutiert und es ist auch wahrscheinlich – und wir wissen es auch –, dass das Coronavirus sich weiterentwickelt."

Aber der Virologe beruhigte auch: "Wir gehen eher davon aus, und das sehen wir für fast alle Viren, dass sie im Laufe der Evolution schwächer geworden sind." Es könne zum Beispiel mehr in die Nase gehen, wie auch Virologe Christian Drosten bereits vermutet hat. Dadurch sei es zwar leichter übertragbar, aber dafür auch weniger tödlich. Es nerve nur länger, wie Streeck sagte.

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Markus Lanz hatte Hendrik Streeck und Karoline Preisler zu Gast. Bild: screenshot zdf

Warum die Fallzahlen fallen

Für die in vielen Länder immer weiter sinkenden Corona-Fallzahlen hat Streeck folgende Erklärung: Zum einen liege es am Wettereffekt, zum anderen daran, dass man weltweit gelernt habe, mit dem Virus umzugehen. Hygieneregeln, Abstand, keine Großveranstaltungen – "das ist eher der Effekt, den wir sehen". Dass die sinkenden Zahlen hingegen mit den Mutationen des Virus zu tun haben, glaubt er nicht.

Er wagt in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf den Sonderweg, den Schweden eingeschlagen hat. "Wenn man Schweden und Norwegen mit Deutschland vergleicht, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen", meinte Streeck und betonte:

"Keiner weiß den richtigen Weg, keiner weiß die richtige Wahrheit. Der Mittelweg ist vielleicht auch der richtige, den keiner so gegangen ist."

Deswegen sei es auch noch zu früh zu sagen, der schwedische Sonderweg sei gescheitert.

Virus dürfe nicht bagatellisiert werden

Das Virus dürfe man nicht bagatellisieren, aber man dürfe es auch nicht überdramatisieren. Die Bilder aus Italien, New York oder Brasilien lassen keinen unbeeindruckt, sagt er und betont deshalb nun auch, dass es die richtige Entscheidung der Regierung gewesen sei, mit dem Hammer draufzuhauen und erst mal alles zu stoppen und zu lernen, was das Virus sei.

CDU-Politiker Wolfgang Bosbach konnte sich da nur bei dem Virologen bedanken. Dafür, dass er jetzt eben nicht die Entscheidung des Lockdowns von damals in Abrede stellt. Denn es gehe ja immer um die damalige Sicht, selbst, wenn man mit dem heutigen Kenntnisstand anders reagiert hätte.

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Karoline Preisler hat eine schwere Covid-19-Erkrankung überlebt. Bild: screenshot zdf

Am Ende kam Lanz noch auf ein ganz entscheidendes Thema zu sprechen: die Impfstoffentwicklung. Streeck betonte, dass bislang nur einen Impfstoff gegen ein RNA-Virus wirkt, nämlich gegen die Grippe. Auch gegen alle anderen Coronaviren gebe es keinen Impfstoff bislang. Streeck gab sich nur verhalten hoffnungsvoll:

"Es kann sein, dass es funktioniert. Es kann sein, dass wir nächstes Jahr einen Impfstoff haben. Es wäre zu wünschen. Aber gegen keinen großen infektiologischen Killer – Tuberkulose, Malaria, HIV, Dengue – haben wir einen Impfstoff bisher."

Es war aber nicht nur Virologe Streeck, der zum Thema Coronavirus zu Wort kam. Karoline Preisler berichtete von den Auswirkungen ihrer schweren Covid-19-Erkrankung, mit denen sie noch heute zu kämpfen hat.

Mittlerweile gehe es ihr größtenteils wieder gut, aber ihr würden nun büschelweise die Haare ausfallen – eine der möglichen Spätfolgen der Erkrankung, wie man aus China weiß. Auch ihre Lunge sie noch immer in Mitleidenschaft gezogen. Zwar habe sie mittlerweile einen sehr guten Lungenfunktionstest absolviert, dennoch fiele ihr beispielsweise das Singen noch immer schwer. Nach der Krankheit müsse man sein Zwerchfell wieder trainieren und viel üben. Aber: "Es wird besser."

Problematischer seien für sie die sozialen Auswirkungen gewesen. Sie sei angefeindet worden. Nach der Quarantäne sei sie in den Supermarkt gegangen und dort von einer unbekannten Frau, die sie erkannt hatte, als diejenige beschimpft worden, die die Seuche in die Stadt gebracht habe. Das habe sie "richtig fertig gemacht". Mittlerweile stehe sie aber über den Dingen – für sie sei schon jetzt "nach Corona".

(jei)

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