Deutschland
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Image

Kann es die Stadt von unten noch geben? Unterwegs mit einem Berliner Hausbesetzer

Für Mathias Sander ist die Sache klar: „Wenn du ein Haus besetzt, dann musst du auch begründen, warum das ok ist.“ Und Gründe fallen dem Endzwanziger einige ein.

Wenn er an der Grenze der Berliner Stadteile Neukölln und Kreuzberg entlangspaziert, sagt Sander wenig über sich selbst.  Stattdessen zeigt er immer wieder auf die Gebäude am Straßenrand. An vielen von ihnen prangenTransparente und Graffittis, die den großen Immobilien-Firmen den Kampf ansagen: "Wir bleiben alle" steht da, oder: "Reclaim your City".

Dort leisteten die Menschen noch Widerstand, erzählt Sander.

Am Wochenende hat dieser tägliche Widerstand nationale Aufmerksamkeit bekommen. Sander und zahlreiche Aktivisten riefen in Berlin den "Karneval der Besetzungen" aus.

Insgesamt 9 leerstehende Gebäude nahmen er und seine Mitstreiter ein. Zum Teil geschah das symbolisch, mit Bannern und Spruchbändern. Zum Teil verschafften sich die Besetzer aber auch tatsächlich Zugang. Kritiker würden sagen: Sie begingen Hausfriedensbruch.

In der Borndorfer Straße 37 B in Neukölln eskalierte die Situation zwischen 57 Besetzern und der Polizei.

Seitdem diskutiert man in Deutschland darüber, was Anwohner dürfen, um sich gegen die explodierenden Mietpreise und den schwierigen Wohnungsmarkt in Deutschland zur wehren – und was sie nicht dürfen. 

Die Situation hat sich verschlechtert

Die sozialen Unterschiede in deutschen Städten nehmen gerade deutlich zu. Erst am Mittwoch hat das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung eine Studie veröffentlich, die zeigt: In 74 deutschen Städten leben Arme und Reiche immer seltener Tür an Tür. Besonders ausgeprägt ist die soziale Spaltung in Ostdeutschland.

Auf der einen Seite stehen die teuren Innenstädte, auf der anderen spricht die Studie von zunehmender Ghettoisierung.  Wer die Miete nicht mehr zahlen kann, muss rausziehen aus der Stadt.

Aber dürfen Bürger leere Häuser einfach besetzen?

Die Meinungen darüber gehen auseinder, nicht nur zwischen den politischen Lagern.

Grünen-Chef Robert Habeck etwa kritisierte die Aktivisten vom Wochenende in einem interview mit der Welt heftig – und holte sich prompt selbst eine verbale Ohrfeige vom Altgrünen Hans-Christian Ströbele ab. Der vertrat als Anwalt schon oft Hausbesetzer in Berlin.

Habeck sagte:

"Wer als Hausbesetzer in Häuser eindringt, weiß, dass das Unrecht ist und entsprechende Konsequenzen hat. Da muss man nicht um den heißen Brei herumreden: Dass das Rechtsbruch ist, ist klar wie Kloßbrühe."

welt

Ströbele sagte:

"Die Leute am Wochenende haben die Häuser aus Demonstrationszwecken besetzt, das ist dann auch legitim. Wahrscheinlich muss ich den Robert Habeck mal zu einem Gespräch einladen und ihn fragen, wie er das genau sieht. Er liegt da falsch."

"spiegel"

Das sagen die Besetzer selbst

Mathias Sander sieht ein generelles Problem beim Thema Eigentum an Grund und Boden. "Wieso darf nur jemand bestimmen, was mit einem Ort passiert, der viel Geld hat", fragt er.

Es steckt viel Wut in diesen Aussagen. Seit fünf Jahren ist er in der Szene aktiv, in Kontakt mit den anderen Besetzern kam er über gemeinsame Koch-Abende. Das klingt abwägig, passiert in der Szene aber oft.

Gegenüber der Öffentlichkeit spricht Sander für den Kiezladen in der Friedel 54 in Neukölln. Den hatte die Polizei im Sommer 2017 gewaltsam geräumt. Zuvor waren die Bewohner daran gescheitert, das Gebäude zu kaufen. Ein Investor hatte sie überboten. "Unsere Bewegung besteht aber natürlich weiter", sagt Sander.

Sie kämpfe jetzt  für einen neuen Laden und dafür, dass sich die Rechtslage zum Thema Besetzung ändert. Denn die wird in den Augen von Sander den Menschen in der Stadt nicht mehr gerecht.

Er sagt:

"Wir haben hier ein gesellschaftliches und kein rechtliches Problem."

Dem entsprechend groß sei der Zurspruch für die #besetzen-Bewegung. Nach eigenen Angaben der Aktivisten kommen Zuschriften aus ganz Deutschland. "Dort gibt es noch leere Räume und dort", heißt es darin.

Lässt sich also eine Alternative finden?

Für Sander sind ungenutzte Gebäude nur ein Teilaspekt. Selbst wenn man all diese Räume nutze, würden die Kieze dennoch weiter Stück für Stück von großen Immobilien-Unternehmen aufgekauft. 

Der linke Gentrifizierungsforscher und ehemalige Berliner Staatssekretär für Wohnen, Andrej Holm, rechnete gerade bei Spiegel Online vor:

Solche Trends lassen sich nicht nur in Berlin beobachten. Auch in Städten wie Leipzig oder Halle fließt gerade enorm viel Kapital in den Wohnungskauf. Die Mieten dort sind noch niedrig, aber für Aktivisten wie Sander ist das nur eine Frage der Zeit.

Er will ein Gegenkonzept:

"Die Frage ist doch, wie schafft man eine Stadtentwicklung von unten?"

Seine Gruppe plant schon die nächsten Aktionen, etwa will sie ein neues Soziales Zentrum in Neukölln gründen.

Es soll:

Je mehr es von diesen Zentren gibt, so ist Sander überzeugt, desto stärker könne das Bürgertum in den Kiezen wieder Einfluss nehmen. Die Devise heißt: Netzwerke gegen den Ausverkauf. "Vor allem in den Rändern der großen Städte braucht es solche Strukturen."

Es geht dem Aktivisten nicht nur um die Wohnungen und Räume an sich. Er will offene öffentliche Räume erzeugen, die keine Seite einseitig einnehmen kann und in denen es trotzdem Platz für Privatsphäre gibt.

"Ob wir das neue Zentrum anmieten oder wieder besetzen wollen, wissen wir noch nicht", sagt er.

Mehr aktuelle politische Debatten:<br>

Warum dieser Bundestagsabgeordnete aus der SPD austritt

Link to Article

FDP-Influencer Lindner hat jetzt einen Podcast – und der könnte... gut werden

Link to Article

Ein Tag mit Boris Palmer, dem schwarzen Schaf der Grünen

Link to Article

Merz stellt das Grundrecht auf Asyl zur Debatte – Rechtsexperten halten das für "Unsinn"

Link to Article

Rückkehr-Aktionswochen beim BAMF: Freiwillig steht drauf, Rechtsverzicht steckt drin

Link to Article

Frankreich gibt Raubkunst an Afrika zurück – das schlummert in deutschen Museen

Link to Article
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

An guadn, Herr Imam – von Schweinefleischhäppchen auf der Islamkonferenz

Eine lange Tafel bei Kerzenschein, irgendwo in Berlin. Die Stimmung ist besinnlich, im Hintergrund läuft leise arabische Loungemusik, Horst Seehofer faltet die Servietten. Irgendwo in der Nachbarschaft lacht leise ein Kind. Die Zeichen stehen auf Versöhnung.

Und dann das: Blutwurst.

Die Zutaten? Speck, Schweineblut und Schweinefleisch.

Ausgerechnet auf einer Islamkonferenz, zu der Seehofer verschiedene Vertreter der Islamverbände, Imame und andere Vertreter der muslimischen Gesellschaft geladen …

Artikel lesen
Link to Article