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Olaf Sundermeyer sprach am Dienstagabend bei "Markus Lanz" über die Corona-Demo. Bild: screenshot zdf

Rechtsextreme bei Demo: Experte klärt bei "Lanz" über "Sturm" auf

Nach Polizeischätzungen hatten am Samstag rund 38.000 Menschen in der Berliner Innenstadt weitgehend friedlich gegen die Corona-Politik demonstriert, doch dann drohte die Lage innerhalb eines Teilnehmerfeldes plötzlich zu skalieren. Nach Angaben der Polizei überranten etwa 300 bis 400 Demonstranten die Absperrgitter am Reichstagsgebäude, bauten sich lautstark vor dem verglasten Besuchereingang auf. Dabei wurden vor dem Sitz des Bundestags unter anderem schwarz-weiß-rote Reichsflaggen geschwenkt. Zunächst hatten sich drei Beamte der Masse entgegengestellt, dann drängte die Polizei die Menschen zurück.

Am Dienstagabend ließ ZDF-Talker Markus Lanz mit seinen Gästen die Ereignisse noch einmal Revue passieren. Ex-Grünen-Parteichef Cem Özdemir (der laut einer aktuellen Umfrage nach dem bestmöglichen Kanzlerkandidaten der Grünen vorne liegt) mahnte an, nicht gleich alle Corona-Demonstranten über einen Kamm zu scheren, ihnen ähnliche Absichten wie den im Verhältnis wenigen Reichstag-Stürmern zu unterstellen oder sie automatisch als Verschwörungstheoretiker anzusehen: "Die Mehrheit der Bürger glaubt nicht, dass die Erde eine Scheibe ist. Da wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen." Und weiter: "Ich rate da zu Gelassenheit."

Er forderte stattdessen von Politik und Polizei, Erkenntnisse aus dem Zwischenfall zu ziehen: "Was vor dem Reichstag passiert ist, das muss aufgearbeitet werden." Man müsse schauen, dass so etwas nicht nochmal passiere, dass "fanatische Antisemiten, Rassisten vor dem Reichstag ihre Fahnen hissen können." Özdemir hoffe, dass "viele von denen verurteilt werden können."

Rechtsextremismus-Forscher: Sturm auf Reichstag war Fantasie der Szene

Rechtsextremismus-Forscher und Autor Olaf Sundermeyer war ebenfalls in der Lanz-Runde mit von der Partie und erklärte die möglichen Ursprünge für die drastischen Szenen auf der Berliner Corona-Demo, die nicht mehr an eine friedliche Veranstaltung mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung, sondern eher an einen politischen Aufstand erinnerten:

"Dieser Sturm auf den Reichstag ist etwas gewesen, das über Tage im Internet in der rechtsextremistische Szene als Fantasie aufgebaut wurde. Davon träumen sie immer."

Seit vielen Jahren würden Rechtsradikale auf ein Momentum warten, von dem sie glaubten, "der Staat ist schwach".

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Olaf Sundermeyer (l.) sprach über die Corona-Demo, neben ihm Journalist Roman Deininger. Bild: Screenshot ZDF

Der Experte weiter: "Ihnen ist mit diesen Tagen tatsächlich ein Coup gelungen. Es suggeriert, als sei der Staat ins Wanken geraten." Doch dies sei in der Realität natürlich nicht geschehen. Gastgeber Lanz sah in dieser Tatsache eine gute Nachricht, attestierte den deutschen Bürgern: "Wir erleben ein Land, das sehr gefestigt ist."

Özdemir sieht Corona-Demonstranten in Pflicht, sich von Rechtsradikalen zu distanzieren

Cem Özdemir rief im weiteren Verlauf des Gesprächs alle Menschen, die sich einer Demonstration gegen die Corona-Einschränkungen anschließen, zur Vernunft und auch zum kritischen Hinterfragen der Veranstaltung auf: "Man darf demonstrieren, weil man die Auflagen der Regierung falsch findet. Das ist alles legal. Aber wer da mitdemonstriert, muss auch schauen, an wessen Seite man demonstriert. Diese Leute mit der Fahne [der Reichsfahne, Anm. d. Red.] führen anderes im Schilde, die wollen diese Republik kaputt machen." Er erwarte, sich glasklar von den Antisemiten, die eben auch in so einem Umfeld anzutreffen seien, zu distanzieren: "Da kann es keine Toleranz geben."

Zu viel Aufmerksamkeit für Demonstranten?

Gastgeber Lanz fragte sich derweil, ob man mit der Debatte über die Corona-Demonstranten nicht etwas größer mache, als es eigentlich sei. "38.000 versus 82 Millionen das ist nichts, was mir Sorgen machen würde", urteilte er. Rechtsextremismus-Forscher Sundermeyer konnte ihm in dieser Hinsicht nicht hundertprozentig zustimmen, erklärte: "Ich würde schon sagen, dass sich dort eine Bewegung im Moment zusammentut." Diese sei "nicht zu unterschätzen". Aber man müsse sich natürlich auch vergegenwärtigen, dass ein Großteil der Bevölkerung den Maßnahmen der Regierung zustimmen würde – wie auch Markus Lanz es zuvor anklingen ließ.

Grünen-Politiker Özdemir wies abschließend zu dieser Debatte noch einmal mit Nachdruck darauf hin, dass ihm das Demonstrationsrecht "heilig" sei. Und weiter: "Das gilt auch für Zwecke, die ich persönlich absolut nicht teile – sofern man sich an die Regeln hält."

(ab/mit Material von dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • stahlbau-grauerwolf 02.09.2020 11:06
    Highlight Highlight 38000 sind schon eine Armee und die dann noch
    bewaffnet sind oder sich bewaffnen, dann wirds aber
    kreutzgefährlich.
    Und dann gibts noch welche die zündeln, und das Haus
    brennt.
    Sieht die Staatsmacht weg ?
    Brauchen wir 33 ?

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