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Michael Meyer-Hermann, Systembiologe vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum, am Mttwochabend bei "Markus Lanz". Bild: Screenshot ZDF

Forscher teilt Erkenntnis bei "Markus Lanz": "Das Virus reagiert, wenn wir lockern"

Zwei Monate nach dem Lockdown bewegt sich das Leben inmitten der Corona-Pandemie auf eine gefühlte Normalität zu. Viele Restaurants sind wieder offen, die Menschen gehen unter Auflagen wieder zum Sport, Kinder und Enkel besuchen ihre Angehörigen im Altersheim. Doch wiegen sich die Deutschen fälschlicherweise in Sicherheit oder sind weitere Lockerungsmaßnahmen absehbar?

Prof. Michael Meyer-Hermann, Systembiologe vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum, versuchte sich dieser Frage am Mittwochabend bei "Markus Lanz" anzunähern. Der Forscher erstellt Risikoeinschätzungen zum Verlauf von Epidemien und analysiert mit seinen Kollegen die aktuellen Corona-Infektionszahlen.

Zunächst konnte er die Runde im ZDF-Studio beruhigen und erklärte: "Die Zahlen sind sehr beruhigend, wir sind auf einem guten Weg." Er sei sehr erleichtert, dass die Corona-Lockerungen seit dem 20. April keine Katastrophe verursacht hätten, sondern nur eine leichte Schwankung in der Reproduktionszahl. In der Woche mit Maskenpflicht sei diese leicht zurückgegangen.

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Gastgeber Markus Lanz. Bild: Screenshot ZDF

Markus Lanz, in den vergangenen Wochen ein emsiger Befürworter der Maskenpflicht, warf sofort ein: "Masken funktionieren also?" Es wäre zumindest "die naheliegende Interpretation", so Meyer-Hermann. Mittlerweile sei die Reproduktionszahl allerdings wieder schlechter als vor dem 20. April. Besorgniserregend sei dies aber nicht. Denn, so der Forscher, aus dieser Entwicklung hätten er und seine Kollegen zwei wichtige Dinge gelernt:

"Erstens: Wir können lockern, ohne dass wir völlig auf Grund gehen. Und zweitens: Das Virus reagiert, wenn wir lockern. Denn wir sehen einen Effekt. Es ist sensitiv."

Eine Feststellung, die Lanz sehr bekannt vorkam: "Das hat Hendrik Streeck bei seinem allerersten Auftritt hier auch gesagt – wir müssen mit einzelnen Maßnahmen dem Virus Zeit geben."

Dies bejahte der Forscher und betonte, dass zu beachten sei, dass die Auswirkungen von neuen Corona-Maßnahmen erst gut zwei Wochen nach deren Inkrafttreten ausgewertet werden könnten. Deshalb wisse er im Moment auch noch nicht, was die Lockerungen vom 6. Mai gebracht hätten. An diesem Tag hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel weitreichende Maßnahmen wie die Öffnung von Geschäften oder die Wiederaufnahme des Bundesliga-Spielbetriebs verkündet.

Forscher: "Es ist in Ordnung, von den Corona-Maßnahmen die Schnauze voll zu haben"

Der Ansicht des Forschers nach sei es auch in Ordnung, von den Corona-Maßnahmen "die Schnauze voll zu haben." Er würde sich in seiner Arbeit jetzt vor allem mit der Frage beschäftigen, "wie wir am schnellsten wieder aus dieser Nummer rauskommen." Meyer-Hermann: "Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Da kann man schon argumentieren, lieber ein bisschen länger durchhalten und die Sache hinter sich bringen."

Und wenn Deutschland den Schritt zurück zur Normalität wagen würde, wollte Markus Lanz wissen. "Wir wissen nicht, was das Virus macht, wenn wir alles wieder öffnen. Ich denke, dass es dann auch Nachwirkungen gibt", gab der Forscher zu bedenken. Zumindest wäre das Bewusstsein für das Virus da. Er erklärte: "Abstandregeln, sind die effektivsten Maßnahmen, die wir haben. Die werden wir auch psychologisch beibehalten."

Fehler bei Corona-Lockerungen: Psychologisches Problem ist entstanden

Die Lockerungen vom 20. April – zu diesem Zeitpunkt durften Geschäfte über 800 Quadratmeter wieder öffnen – seien zumindest "für die Wirtschaft wahrscheinlich perfekt", resümierte Meyer-Hermann. Und welche Effekte hat der neue Kaufrausch auf das Infektionsrisiko? "Die Läden sind nicht das Problem. Die Leute verhalten sich so, dass sie sich gegenseitig nicht anstecken und gut ist."

Der 20. April sei aber auch "ein Fehler gewesen, insoweit er die klare Haltung der Bevölkerung aufgeweicht hat." Und weiter: "Im Moment der Lockerungen waren die Lockerungen gar nicht das Problem, sondern das psychologische Problem." Der Konsens der Menschen hätte "angefangen zu bröckeln". Der Grundgedanke: "Wenn man das eine aufmacht, kann man noch mehr öffnen."

Schulöffnungen sind ein "riskantes Spiel"

So hält der Experte auch die komplette Öffnung der Schulen, die in den vergangenen Wochen mit Nachdruck gefordert wurde, für bedenklich. Denn: "Epidemiologisch gesehen ist das ein extrem riskantes Spiel, weil die Kinder so unglaublich viele Kontakte haben." Erwachsene Menschen seien in der Lage, Abstandregeln einzuhalten, bei Kindern könnte dies nicht gewährleistet werden.

Zu den jüngsten Lockerungen der Bundesregierung und der Länder konnte Michael Meyer-Hermann noch keine Aussage machen: "Ich sehe nichts in den Zahlen, ich sehe keine Veränderung. Was erst einmal gut ist, was aber auch nicht überraschend ist, weil es noch zu früh ist." Er hoffe das Beste.

(ab)

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