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"Mit freundlichen Grüßen, Horst Seehofer" – und was noch in dem Brief an die EU stand

13.07.18, 17:52 13.07.18, 20:16

Jonas Mueller-Töwe

Der umstrittene Brief des Innenminister an die EU-Kommission zum Brexit ist öffentlich. Vergangene Woche hatte Horst Seehofer mit dem nicht abgestimmten Schreiben in die Brexit-Verhandlungen interveniert – und damit für Irritationen und Empörung gesorgt. Die Europäische Union vertritt in Fragen des Brexits eine harte Linie gegenüber Großbritannien, will sich nicht auseinander dividieren lassen – da kam der Brief zur Unzeit.

Jetzt ist der komplette Brief online:

Bundesregierung und EU-Kommission distanzierten sich deutlich von der Seehofer-Position, über die zuerst die "Financial Times" berichtete. Nun hat das Internetportal "Frag den Staat" den kompletten Brief veröffentlicht. "Frag den Staat" hat sich auf Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) spezialisiert und will Bürgern zur Durchsetzung ihrer Informationsansprüche verhelfen.

Der komplette Brief im Wortlaut

"Sehr geehrter Herr Vizepräsident, die Verhandlungen über den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der europäischen Union sind in eine entscheidende Phase eingetreten. Während bis zum Abschluss eines Austrittsabkommens mit der Nordirlandfrage und der Rolle des EuGH weiterhin zentrale Hürden zu nehmen sind, haben auch die Gespräche über die Rahmenbedingungen der künftigen Beziehungen der EU zum Vereinigten Königreich begonnen.

Für letztere hat der Europäische Rat in seinen Leitlinien vom März 2018 Vorgaben gemacht auf die nun auch im Entwurf der Leitlinien für den ER Ende dieses Monats verwiesen wird.

Die Leitlinien verdeutlichen, dass die EU eine enge Partnerschaft mit dem Vereinigten Königreich in allen Politikbereichen anstrebt, einschließlich der Inneren Sicherheit. Der Tenor der Leitlinien und die von der Kommission in den Verhandlungen verfolgte Linie legen jedoch durch den Verweis auf den künftigen Status des Vereinigten Königreichs als Drittstaat ein Verhältnis nahe, das zwangsläufig ein Minus im Vergleich zur EU-Mitgliedschaft und damit ein Minus im Rahmen der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit bedeutet.

Es ist nicht meine Intention, die Verhandlungen der Kommission mit dem Vereinigten Königreich und deren strategische Ausrichtung zu kommentieren. Ich erlaube mir jedoch als Innenminister eines europäischen Mitgliedstaates darauf hinzuweisen, dass die Sicherheit der Bürger höchste Priorität auch in der Europäischen Union genießen muss. Diese sollten wir nicht zu Disposition stellen.

Keine Lust mehr auf den Brief? Seehofer hat noch weitere Probleme...

Aus diesem Grund halte ich eine uneingeschränkte Sicherheitszusammenarbeit mit dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit für unverzichtbar. Auf Grundlage unserer gemeinsamen Wertebasis ist das Vereinigte Königreich als vertrauensvoller Partner unter anderem beim Kampf gegen den Terrorismus und gegen die organisierte Kriminalität unverzichtbar. Abstriche in dieser Zusammenarbeit sollten wir nicht akzeptieren.

Es ist selbstverständlich, dass das Vereinigte Königreich nach dem Austritt nicht mehr Teil der Union ist, dies darf jedoch nicht zu einem Sicherheitsverlust unserer Bevölkerung führen. Insbesondere sind aus mitgliedstaatlicher Sicht die EU-Sicherheitsinformationssysteme, wie SIS II, PNR, Europol und ECRIS, von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Der hierüber gewährleistete schnelle und direkte Datenabgleich der Polizei- und Sicherheitsbehörden lässt sich nicht gleichwertig durch an traditioneller Drittstaatenkooperation orientierten Strukturen ersetzen. Ich bin daher der Überzeugung, dass sich ein dauerhaft hohes Sicherheitsniveau in Europa nur gewährleisten lässt, wenn die gesamte EU-Sicherheitsarchitektur für das Vereinigte Königreich adäquat in eine neue umfassende Sicherheitspartnerschaft mit der EU überführt wird.

Dich erinnert Seehofer auch manchmal an Trump?

In unmittelbarer Auswirkung in DEU müssten ohne umfassende Neuregelung der Sicherheitspartnerschaft sämtliche GBR-Daten aus unserem Bestand gelöscht werden. eine solche Entscheidung ist kaum revidierbar.

Auch im Bereich der Cyber-Sicherheit wurde 2016 zur Förderung rascher und wirksamer operativen Zusammenarbeit der MS mit der NIS-RL das CSIRTs-Netzwerk etabliert. Eine fehlende institutionelle Einbindung GBRs wurde auch hier die EU-weite operative Kooperation langfristig erschweren.

Unser gemeinsames Ziel, die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger in Europa, sollte dabei vor die Klammer der Austrittsverhandlungen gezogen werden. Verluste in der europäischen Sicherheitsstruktur würden alle Bürgerinnen und Bürger in den Mitgliedstaaten in einem Grundbedürfnis nach Sicherheit beeinträchtigen. Die allgegenwärtigen grenzüberschreitenden Bedrohungen durch Terroranschläge verdeutlichen die Notwendigkeit für eine zukünftig uneingeschränkte Kooperation.

Mit freundlichen Grüßen, Horst Seehofer"

Warum ist der Brief so problematisch?

Die EU pocht strikt auf eine einheitliche Linie aller bleibenden 27 Staaten, und die stellte Seehoferzum Teil in Frage. Aus Sicht von Chefunterhändler Michel Barnier kann die Zusammenarbeit nach dem Brexit nicht mehr so eng sein wie bisher, denn Großbritannien ist dann – auf eigenen Wunsch – kein EU-Mitglied mehr. In Brüssel war am Freitag, als Seehofers Schreiben bekannt wurde, deutliches Murren über den Alleingang des Ministers vernehmbar.

Dieser Artikel erschien zuerst auf t-online.de

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