12.02.2021, Berlin: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) redet in einer Pressekonferenz zur aktuellen Situation in der Corona-Pandemie zu den Journalisten. Foto: Tobias Schwarz/AFP/POOL/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Jens Spahn warnt vor der neuen Corona-Mutation. Bild: dpa / Tobias Schwarz

Spahn: Neuer Corona-Typ breitet sich schnell aus

Neue ansteckendere Varianten des Coronavirus breiten sich in Deutschland schnell aus – und könnten die Hoffnung auf größere Lockerungen von Alltagsbeschränkungen dämpfen. Nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) stieg der Anteil des zuerst in Großbritannien entdeckten Typs binnen zwei Wochen von knapp 6 auf mehr als 22 Prozent. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte am Mittwoch in Berlin: "Wir müssen mit Blick auf die Mutationen sehr vorsichtig sein, wenn wir jetzt langsam den Lockdown verlassen." Zugleich trat er Zweifeln am Impfstoff von Astrazeneca entgegen.

Die Diskussion um weitere Öffnungsschritte ging auch beim politischen Aschermittwoch weiter. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte, wenn die Zahlen stabil blieben, könnten bald mehr Kontakte erlaubt werden. Der Lockdown gilt vorerst bis 7. März. Grundschulen und Kitas sowie Friseure sollen schon zuvor wieder öffnen. Weitere Lockerungen sollen dann bei stabil 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen möglich sein. Bundesweit sind es nun 57. Die Spanne reicht von 44 in Baden-Württemberg bis 112 in Thüringen.

Vormarsch der Mutationen:

Sorgen vor neuen Virustypen gibt es schon länger. Von Dänemark oder Italien ist eine rasante Ausbreitung der britischen Variante B.1.1.7 bekannt – nun verdoppelt sich ihr Anteil auch hierzulande jede Woche. Spahn: "Wir müssen damit rechnen, dass die Variante bald auch bei uns die dominierende werden könnte." Eine zuerst in Südafrika aufgetretene Mutation hat nun einen Anteil von 1,5 Prozent. Dies ermittelte das RKI Spahn zufolge in einer repräsentativen Stichprobe von 23 000 positiven Testergebnissen.

Der Minister dämpfte denn auch Erwartungen an rasche Lockerungen anhand eines festen Plans. Es sei richtig, als erstes Kitas und Schulen stärker zu öffnen. Die Wirkung auf die Virus-Verbreitung sei aber abzuwarten. Alle zwei Wochen sei zu überprüfen, "wo wir stehen". Er rief dazu auf, weiter Abstand zu halten und Masken zu tragen. "Das Sinken der Infektionszahlen sei ermutigend". Aus Sicht des Braunschweiger Infektionsforschers Michael Meyer-Hermann reichen aber schon die jetzigen Einschränkungen nicht, das exponentielle Wachstum der britischen Variante zu stoppen. Sie gilt als mindestens 35 Prozent ansteckender als das alte Virus.

Fragezeichen beim Impfen:

Die Corona-Impfungen sollen mehr Tempo aufnehmen. Um den Impfstoff von Astrazeneca ist aber eine Diskussion aufgekommen – auch nach einzelnen Rückmeldungen, dass Impfberechtigte Termine womöglich wegen Bedenken platzen ließen. Astrazeneca hat eine geringere Wirksamkeit als die Mittel von Biontech/Pfizer und Moderna – bezogen darauf, wie viele Geimpfte in Studien im Vergleich zu Nicht-Geimpften erkranken. Spahn trat aber Zweifeln entgegen. Man müsse aufpassen, dass man sich nicht "in etwas hineinrede" und eine Impfung mit einem zugelassenen und wirksamen Stoff infrage stelle.

Inzwischen sind fast 740.000 Astrazeneca-Dosen ausgeliefert – verwendet wurden dem RKI zufolge aber erst 88.000. Dies laufe je nach Bundesland unterschiedlich, erläuterte Spahn. Nicht alle hätten am ersten Tag mit Impfungen begonnen. So hatte Brandenburg nach RKI-Daten bis Dienstag noch keine einzige Dosis eingesetzt. In Baden-Württemberg waren es 309, in Nordrhein-Westfalen aber 34.100. Spahn versicherte, Impfstoff bleibe nicht liegen. "Wenn Leute, die ihn angeboten bekommen, ihn nicht nehmen, werden wir ihn eben dem nächsten anbieten." Inzwischen sind Spahn zufolge 6,8 Millionen Dosen da, bis Ende nächster Woche sollen es zehn Millionen sein.

EU will in Offensive:

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen will nach Kritik an ihrer Impfstoffstrategie für den Kampf gegen die neuen Virus-Varianten mobil machen. Das Ziel: rasch angepasste Impfstoffe in großen Mengen. "Neue Varianten des Virus entwickeln sich schnell, aber wir müssen in unserer Reaktion noch schneller sein", sagte sie in Brüssel. Dafür legte sie einen Plan vor, der an drei Stellen ansetzt: Entdeckung der mutierten Viren, schnelle Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen und mehr Produktion in der EU.

So will die Kommission 75 Millionen Euro in die Entwicklung neuer Tests und den Ausbau von Virustyp-Analysen (Sequenzierung) stecken, die Varianten aufspüren können. Zur Erforschung der Varianten sollen 150 Millionen Euro hinzukommen. Ein Netzwerk aus 16 EU-Staaten und fünf weiteren Ländern soll klinische Tests beschleunigen, auch bei Kindern und Jugendlichen. Zugleich orderte die Kommission nochmals bis zu 300 Millionen Dosen des bereits zugelassenen Impfstoffs des US-Herstellers Moderna.

(lfr/dpa)

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