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Münster

Bild: dpa

Die Amokfahrt in Münster – Protokoll einer Tragödie

08.04.18, 17:43 08.04.18, 19:04
Julia Dombrowsky
Julia Dombrowsky

Samstag war der erste schöne Frühlingstag in vielen Teilen Deutschlands, doch er endete in einer Tragödie, als ein 48-Jähriger einen Campingbus vor einem Münsteraner Traditionsrestaurant in eine Menschengruppe steuerte.

Viele Menschen in Münster stehen am Tag danach unter Schock. Die Frage nach dem Motiv des Täters bleibt auch am Sonntag unbeantwortet: Warum mussten eine Frau und ein Mann sterben, ehe sich der Täter selbst in dem Wagen erschoss?

Die Ereignisse im Überblick:

Die Tat

Am Samstagnachmittag um 15:27 Uhr fuhr ein silbergrauer Campingbus in der Altstadt von Münster direkt in eine Personengruppe auf der Restaurantterasse der Gaststätte "Großer Kiepenkerl". Da es sich um den ersten richtig sommerlichen Tag in der nordrhein-westfälischen Stadt handelte, war das Lokal gut besucht. 

Zwei Menschen wurden getötet, 20 weitere teilweise lebensgefährlich verletzt. Der Täter erschoss sich unmittelbar danach in seinem Auto

In der Vergangenheit gab es bereits mehrere Amokläufe dieser Art:

Polizei und Rettungskräfte waren innerhalb kürzester Zeit vor Ort und sperrten den Tatort weiträumig ab. Ermittler hatten am Tatfahrzeug mehrere Drähte erkannt, die auf einen Sprengsatz hätten hindeuten können. Sie wollten eine weitere Gefährdung von Passanten ausschließen.

Experten des Landeskriminalamts prüften das Fahrzeug und fanden neben der bereits sichergestellten Tatwaffe auch noch eine Schreckschusswaffe, sowie mehrere sogenannte Polenböller im Campingbus. Die Spurensicherung war nachts um 1.30 Uhr mit der ersten Arbeit am Tatort fertig. 

Der Täter

Münster

Bild: dpa

Den Ermittlern zufolge handelt es sich bei dem Amokfahrer um Jens R., einen 48-jährigen Industriedesigner aus dem Sauerland. Demnach besaß er vier Wohnungen – zwei davon in Münster, zwei weitere in Dresden und Pirna. Diese Wohnungen waren noch Samstagnacht durchsucht worden.

In der Wohnung in Münster fanden die Ermittler mehrere Gasflaschen sowie Kanister mit Bioethanol und Benzin. Zu welchem Zweck der Täter die Stoffe in seiner Wohnung aufbewahrt hat, ist Gegenstand der Ermittlungen. Außerdem fanden die Beamten eine weitere, jedoch unbrauchbar gemachte Waffe – eine Maschinenpistole vom Typ AK47.

Schon am Samstag hieß es, dass die Tat nach ersten Erkenntnissen keinen terroristischen oder islamistischen Hintergrund habe. Ermittler und Politiker bekräftigten das am Sonntag. Mittäter schließt die Polizei derzeit aus.

Jens R. war der Polizei in Münster bereits bekannt. Gegen ihn waren 2015 und 2016 Verfahren eingeleitet und wieder eingestellt worden, wie die leitende Oberstaatsanwältin Elke Adomeit berichtete. Die Vorwürfe gegen ihn: Bedrohung, Sachbeschädigung, Verkehrsunfallflucht und Betrug.

Nach dpa-Informationen war der Täter psychisch labil. Die Ermittler gehen davon aus, "dass die Motive und Ursachen in dem Täter selber liegen".

Demnach hatte sich Jens R. Ende März per E-Mail unter anderem bei einem Nachbarn gemeldet. Aus dem Inhalt hätten sich "vage Hinweise auf suizidale Gedanken ergeben, aber keinerlei Anhaltspunkte für die Gefährdung anderer Personen", heißt es in einer Mitteilung. Daraufhin hätten Beamte versucht, R. an seinen verschiedenen Wohnorten anzutreffen – vergeblich. 

Die Stadt Münster hat mitgeteilt, dass der Täter zu dieser Zeit Kontakte zum Gesundheitsamt hatte. 

"Wir konzentrieren uns jetzt mit unseren Untersuchungen insbesondere darauf, ein möglichst umfassendes Bild über das Verhalten des Täters in den Vorwochen zu erhalten, um dessen Motivation für die schreckliche Tat zu ermitteln"

Polizeipräsident Hajo Kuhlisch

Die Opfer

Jens R. riss zwei Menschen in den Tod, bevor er sich selbst tötete. Die Todesopfer sind eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg und ein 65-jähriger Mann aus dem Kreis Borken. 

20 weitere Menschen wurden – zum Teil lebensgefährlich – verletzt. Das Uniklinikum Münster hatte am Samstagnachmittag alle verfügbaren Mitarbeiter (250 Ärzte und Pfleger) zur Arbeit gerufen. Auch die Anwohner von Münster waren direkt nach dem Amoklauf zahlreich am Krankenhaus erschienen, um Blut zu spenden.

Die Ärzte führten mehrere Notoperationen an den Betroffenen durch, vier von ihnen waren schwer verletzt. Der kritische Zustand dieser Patienten sei bislang leider noch unverändert, meldete die Klinik.

Die Reaktionen der Politiker:

Am Sonntag erschienen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, Landesinnenminister Herbert Reul und Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (alle CDU) am Tatort, um den Opfern des Anschlags zu Gedenken und Stellung zu den Geschehnissen zu nehmen. Sie legten Blumen nieder und trugen sich ins Kondolenzbuch der Stadt ein.

Laschet lobte die Besonnenheit der Anwohner und wünschte sich, dass "diese Erfahrung einer Friedensstadt auch alle die erreicht hätte, die gestern ganz schnell bei Twitter und anderswo wieder das Hetzen begonnen haben".

Seehofer sagte, die Tat habe einmal mehr gezeigt, "dass bei allen Bemühungen einer staatlichen Gemeinschaft leider eine absolute Sicherheit nicht möglich ist."

Seehofers Statement am Tatort:

Video: YouTube/phoenix

Weltweit sprachen Politiker und Prominente den Betroffenen ihr Beileid und ihre Bestürzung aus. Darunter auch die Schauspieler Jan Josef Liefers und Axel Prahl, die das Münsteraner Ermittlerteam im "Tatort" darstellen, aber auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Präsident Donald Trump und der französische Premier Emmanuel Macron

Hier die wichtigsten Zitate:

Die Reaktionen im Internet:

In den sozialen Netzwerken waren die Worte nicht ganz so friedlich: Neben zahlreichen Trauerbekundungen unter dem Hashtag #Münster, entbrannte auf Twitter auch ein Streit um die Herkunft und das Motiv des Täters.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, Beatrix von Storch, postete ein ironisches Statement, nachdem bekannt wurde, dass es sich bei dem Täter nicht um einen Islamisten handelte. Und auch andere Nutzer stiegen in die Diskussion ein.

Für einige könnte das strafrechtliche Konsequenzen haben:

Die Trauer in Münster:

Bestürzung über die Tat zeigte sich schon am Samstag, als Münsteraner zusammen kamen, um Kerzen für die Opfer des Anschlags zu entzünden.

Münster

Bild: dpa

Auch das betroffene Restaurant meldete sich mit einer Beileidsbekundung auf Facebook zu Wort: "Wir sind fassungslos" und "Wir wünschten, wir könnten sie trösten."

Die Trauer des Gasthofs

Am Sonntag legten viele Menschen weitere Blumen und Kerzen an der Kiepenkerl-Statue nieder, nahe des Tatorts. Am Abend ist ein großer Trauergottesdienst zum Gedenken an die Opfer im Paulus-Dom geplant. Das Bistum teilte mit, er solle dort "für all diejenigen gebetet werden, deren Leben durch die Vorfälle am Samstag auf so schreckliche Weise aus den Angeln gehoben wurde".

Die Polizei bittet die Bevölkerung um Mithilfe. Sachdienliche Hinweise zum Amoklauf können dem Bundeskriminalamt über 110 übermittelt werden, für Videos und Fotos wurde hier ein eigenes Portal eröffnet.

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