Deutschland
BERLIN, GERMANY - FEBRUARY 19:  A young woman walks past a grocery store of German chain Edeka on February 19, 2018 in Berlin, Germany. According to media reports Agecore-Group, to which Edeka belongs, has launched a boycott of foods from Swiss foods conglomerate Nestle with Agecore claiming Nestle is selling the same food items cheaper to Agecore's competitors.  (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Der Leiter einer Edeka-Filiale in Hamburg hat sich für seine Worte mittlerweile entschuldigt. Bild: Getty Images Europe / Sean Gallup

16-jährige Schülerin berichtet von Diskriminierung bei Edeka: "Du setzt dein Kopftuch ab"

"Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll", beginnt das Instagram-Video einer 16-jährigen Schülerin aus Hamburg. Sie mache sonst keine Videos dieser Art, sie sei keine Influencerin. Mittlerweile hat ihr Video 1,3 Millionen Aufrufe (Stand: Samstag).

Darin berichtet sie von einer Erfahrung mit Diskriminierung. Zusammen mit zwei Freundinnen habe sie sich in einer Hamburger Filiale von Edeka um einen Job für die Sommerferien beworben. Nach einem ersten persönlichen Besuch seien die drei zum Probearbeiten am Dienstag eingeladen worden.

Eine Mitarbeiterin habe ihnen gezeigt, wie die Kasse funktioniere. Nach 40 Minuten sei der Geschäftsführer hinzugekommen, berichtet die Schülerin weiter. Er habe mit seinem Finger auf sie gezeigt und gesagt: "Du setzt dein Kopftuch ab oder du kannst hier nicht arbeiten."

Sie habe sich geweigert und schließlich geantwortet: "Ja, dann kann ich hier nicht arbeiten." Die drei Schülerinnen seien zu einem Mitarbeiter der Personalabteilung geschickt worden. "Dann ist der gekommen, hat mich angeguckt und gesagt: Ja, ich sehe das Problem", berichtet die Schülerin im Video. Daraufhin hätten sich die drei Jugendlichen entschlossen zu gehen.

Edeka entschuldigt sich

In der Umkleidekabine seien der Schülerin die Tränen gekommen. Eine Kassiererin der Filiale habe sie ermutigt, gegen den Vorfall anzukämpfen. Sie kündigt im Video an, Antidiskriminierungsstellen zu kontaktieren. "Ich hätte nicht gedacht, dass man mir das jetzt sagt. Es hat mich verletzt und es verletzt mich immer noch", berichtet die Schülerin, sichtlich betroffen, weiter.

"Wie kann man so respektlos mit einem umgehen?" Sie sei Diskriminierung gewohnt, aber nicht so direkt. "Rassismus existiert, Diskriminierung existiert", betont sie. "Es kann doch nicht sein, dass alle angenommen werden, außer mir, weil ich ein Kopftuch trage." Sie trage das Kopftuch mit Stolz, weil sie ihre Religion liebe.

Edeka reagierte bereits auf den Vorfall in einem Kommentar unter dem Instagram-Video: "Wir bedauern den von dir geschilderten Vorfall sehr, denn Edeka steht für Vielfalt." Die Supermarkt-Kette bot der Schülerin außerdem einen Termin für ein Vorstellungsgespräch in einer anderen Filiale an.

Gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" bestätigte die Pressestelle des Konzerns am Freitag den Vorfall.

Die Zeitung zitiert aus einer Email, der beschuldigte Filialleiter lasse ausrichten, dass "ich den von @mxriam.jbg (Anm., Insta-Name der Schülerin) geschilderten Vorfall sehr bedaure und mich bei ihr ausdrücklich für die verletzenden Worte entschuldigen möchte." Er nehme die Kritik an und werde sie "entsprechend bei zukünftigen Personalentscheidungen berücksichtigen".

Schülerin will Edeka-Angebot nicht annehmen – sondern plant weitere Schritte

Die Schülerin will das Angebot für ein Vorstellungsgespräch in einer anderen Filiale aber nicht annehmen. Das teilte ihr Anwalt gegenüber watson mit. "Ein Gesprächsangebot in dieser Form lehnen wir ab. Wir haben eher den Eindruck, dass Edeka lediglich um Schadensbegrenzung bemüht ist und nicht wirklich daran interessiert, das Thema Rassismus zu bekämpfen", sagte der Hamburger Rechtsanwalt Yalçın Tekinoğlu gegenüber watson.

Die Schülerin hätte erwartet, ein Jobangebot in der Filiale zu erhalten, in der sie diskriminiert wurde, nicht in einer anderen. "Das Bedauern des Geschäftsführers dieser Filiale und das Bekunden, 'die Kritik bei künftigen Personalentscheidungen' berücksichtigen zu wollen, kann daher nicht ernsthaft als Einsicht und Entschuldigung verstanden werden", sagte Tekinoğlu weiter. Vielmehr deute es daraufhin, "dass man unter diese diskriminierende Personalentscheidung ohne weitere Konsequenzen einen Schlussstrich ziehen möchte".

Er werde nun für seine Mandatin den Fall der Antidiskiminierungsstelle melden und von der Edeka-Filiale sowie des Edeka-Konzerns eine schriftliche Stellungnahme anfordern, "wie man mit Rassismus im Unternehmen umgeht, welche Konsequenzen der Fall nun haben wird und wie man dem künftig vorbeugen möchte".

(ll)

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    Alle Leser-Kommentare
  • sespatedro@enayu.com 21.06.2020 09:03
    Highlight Highlight Was hat das mit Rassismus zu tun? Wir leben in Deutschland
    Arbeit ist Arbeit sollte religiös neutral sein, privat zu Hause, wenn jemand spazieren geht, sie sich anziehen lassen, wie es ihnen gefällt, sollte niemanden interessieren, es gibt so viele türkische Geschäfte, in denen man eine Kopftuch-tragen kann
  • Otto Normalo 20.06.2020 20:57
    Highlight Highlight Es ist schon eine unerhörte Unverschämtheit, was sich hierzulande manche im Namen des vermeintlichen Glaubens herausnehmen! Ich würde in meiner Firma auch NIEMALS jemanden mit Kopftuch arbeiten lassen, so wenig wie ich das Tragen von Zylindern am Arbeitsplatz gestatten würde!
    Unterschied? KEINER!!!
    Aber die größte Frechheit sind die Leute, die das für Diskriminierung halten ...
  • Zweiundvierzig 20.06.2020 20:41
    Highlight Highlight Natürlich kann der Arbeitgeber vorschreiben, welche Kleidung in der Ausübung der Tätigkeit getragen werden darf.
    Was würden die "Gutmenschen (Hallo Thorsten)" denn sagen, wenn an der Kasse ein kurzrasierter Mann mit Springerstiefeln sitzen würde?

    Sieht die Dame das Kopftuch als modisches Accessoire, kann der Arbeitgeber natürlich nein sagen.
    Sieht die Dame darin ein religiöses Bekenntnis, dann hat das erst recht nichts auf der Arbeit zu suchen, sonst müsste man im Gegenzug auch einen Kruzifix auf der Kasse als christliches Statement ertragen.
    Toleranz und Gleichheit in jede Richtung!
    • Thorsten 21.06.2020 14:41
      Highlight Highlight Wenn bei dir alles was nicht rechts ist, "Gutmenschen "sind,bin ich gern einer. Ansonsten bin ich von deinem Kommentar gar nicht so weit weg.
    • Zweiundvierzig 21.06.2020 15:59
      Highlight Highlight Vielleicht könnten wir uns doch gut unterhalten - wie müssen ja nicht einer Meinung sein...
    • Thorsten 21.06.2020 16:57
      Highlight Highlight Gerne,bin ich dabei. Hatten vielleicht nur einen schlechten Anfang.
    Weitere Antworten anzeigen
  • MrMatrone 20.06.2020 20:36
    Highlight Highlight Ja, Edeka liebt Vielfalt. Ich kann das Mädel verstehen, aber was ich ncht verstehe ist dass sie gerne in der gleichen Filiale ein "neues" Arbeitsangebot erhalten hätte. Ich denke dass Edeka es gut meinte als man ihr einen Ferienjob in einer anderen Filiale anbot. Ewig dem Geschäftsführer begegnen zu müssen kann auch nervig sein. Aber vielleicht wäre Edeka ja ihrem Wunsch gefolgt - und ihr Anwalt hätte nun nicht so viel zu tun (und abzurechnen.)
    Ich wünsche ihr auf jeden Fall, dass das ihre einzige schlechte Erfahrung diesbezüglich bleibt.
  • Apollo 20.06.2020 13:00
    Highlight Highlight Wen interessiert es, ob die junge Frau ein Kopftuch trägt oder nicht......so langsam muss die Akzeptanz in den Köpfen sein....
    Diskriminierung gibt es nicht nur bei unseren neuen Mitbürgern.......ist man Alleinerziehend oder H4-Empfänger, egal in jeder Kategorie gibt es herablassende Bemerkungen.....seit meiner Schulzeit vor 40 Jahren, ist dass schon so.....also nichts Neues, ich bin Deutsche Staatsbürgerin und nur weil ich dunkle Haare hatte, würde ich als Zigeunerin betitelt......nur Heute gibt's genug Medien, die sich daran abarbeiten..... kann's nicht mehr hören.....
    • Thorsten 20.06.2020 13:44
      Highlight Highlight Solange es Menschen gibt,die damit schwere Probleme haben, muss es Ziel sein,diese zu verringern oder gar beseitigen. Würde es sie auch kalt lassen,wenn sie Zigeunerin wären?
    • DerTaran 20.06.2020 16:54
      Highlight Highlight @Thorsten, sie sollten das Z Wort nicht benutzen.
    • Thorsten 20.06.2020 18:16
      Highlight Highlight Jo,geb ich ihnen Recht.

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