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Andreas Zick, Professor für Gewalt- und Konfliktforschung. Bild: picture alliance/Marcel Kusch/dpa

Experte: "Täter hatte Schnittmengen mit Mitte der Gesellschaft"

Nach dem rassistischen Anschlag von Hanau am Mittwochabend wird in Deutschland viel über die Ursachen und Hintergründe der schrecklichen Tat diskutiert. Dabei wird immer wieder die AfD kritisiert. Viele unterstellen der Partei eine Mitschuld an der Gewalttat.

Aber ist es wirklich so einfach? Oder gibt es noch weitere gesellschaftliche Kreise, die zum Weltbild des Täters beigetragen haben könnten? Darüber sprach watson mit dem Rechtsextremismus-Forscher Andreas Zick. Er meint, dass es zwar nachvollziehbar sei, die AfD in die Verantwortung zu nehmen – dem Gesamtproblem werde das jedoch nicht gerecht.

watson: Herr Zick, nach dem Anschlag in Hanau kritisieren viele die AfD als "mitschuldig". Sehen Sie das auch so?

Andreas Zick: Tatsächlich gibt es große Schnittmengen zwischen Meinungen, die wir insbesondere bei Mitgliedern, Anhängern und Politikerinnen und Politikern der AfD finden. Die Schnittmenge besteht in rechtspopulistischen Meinungen. Das wird derzeit auf dem parteipolitischen Parkett betont. Allerdings wird das nicht reichen zum Verständnis. Es greift zu kurz und die AfD wird so überhöht, dass sie sich am Ende wieder als Opfer darstellen kann.

"Die AfD wird so überhöht, dass sie sich am Ende wieder als Opfer darstellen kann"

Warum greift es zu kurz?

Der Täter hatte große Schnittmengen an Meinungen, Affekten und in seinen bisher bekannten Verhaltensabsichten mit der weißen rassistischen und männlichen Bewegung in rechtsextremen Milieus im Netz. Er hat Schnittmengen zu neurechten Bewegungen. Er hat auch Schnittmengen zu Meinungen, die wir in Studien in der Mitte der Gesellschaft finden. Vor allem finden wir menschenfeindliche Vorurteile und Konspirationsmythen, die ihn, möglicherweise auch nur in seiner Sicht, bestimmt glauben ließ, er sei normal und er hätte die Wahrheit gefunden.

Über den Experten

Dr. Andreas Zick ist Professor an der Universität Bielefeld und leitet dort das Institut für Gewalt- und Konfliktforschung. Er ist Experte für Rechtsextremismus, Gewalt, Vorurteile und Rassismus. Seit 2002 begleitete er die Studie "Verlorene Mitte – feindselige Zustände" im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, bei der untersucht wird, wie rechtsextreme Ansichten bis in die Mitte der Gesellschaft hinein wirken.

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Ein Polizeiabsperrband in der Nähe eines Tatortes in Hanau. Bild: picture alliance/dpa

Haben Sie Beispiele für Meinungen, die er mit der Mitte der Gesellschaft teilte?

In der Mitte-Studie 2018/19, in der wir eine repräsentative Stichprobe deutscher Staatsbürgerinnen und -bürger befragt haben, stimmt eine größere Gruppe an Befragten solchen Konspirationsmythen zu. 46 Prozent stimmten der Meinung zu: "Es gibt geheime Organisationen, die großen politischen Einfluss auf politische Entscheidungen haben." 33 Prozent stimmten zu: Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte", und 24 Prozent stimmten der Aussage zu: "Die Medien und Politik stecken unter einer Decke."

"Er hat auch Schnittmengen zu Meinungen, die wir in Studien in der Mitte der Gesellschaft finden"

Sind das alles Rechtsradikale?

Befragte, die solchen Aussagen zustimmen, zeigen mehr Demokratiemisstrauen, Menschenfeindlichkeit und rechtspopulistische wie -extremistische Orientierungen. Nicht zuletzt hat der Täter sich all der Feindbilder in der Gesellschaft bedient.

Also sollten wir nicht nur über die AfD reden?

Die Fokussierung auf die AfD ist verständlich, aber auch die AfD bedient sich Meinungen und Einstellungen, die weiter verbreitet sind und macht sie hoffähig, beziehungsweise inszeniert sie sich als Träger der Volksmeinung. Sie muss mehr Verantwortung für das Aufheizen von Stimmungen bekommen und übernehmen müssen – aber das wird nicht reichen.

Was ist stattdessen notwendig?

Wir müssen darüber reden, wie sich solche rassistischen Attentäter, mögen sie nun psychisch auch labil gewesen sein, mitten unter uns radikalisieren.

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