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Neonazis in Plauen: Neu ist nur die öffentliche Aufmerksamkeit

Die Videos einer Neonazi-Demonstration im sächsischen Plauen gehen um die Welt, sogar die "New York Times" berichtet. Das ist überraschend – denn ähnliche Aufmärsche gibt es seit Jahren.

Felix M. Steiner / t-online

Seit dem 1. Mai gibt es ein riesiges Interesse an meinen Videos und Bildern einer Neonazi-Demo, die ich als freier Journalist an diesem Tag in Plauen gedreht habe. Bis zum 3. Mai hatten fast 700.000 Menschen aus der ganzen Welt meine bei Twitter veröffentlichten Videos gesehen. Sogar der "New York Times" waren die Ereignisse einen Artikel wert, in dem sie auch meine Videos verlinkte. Insgesamt geht das Material kaum mehr als eine Minute. Die riesige Aufmerksamkeit ist mir kaum erklärlich.

Liegt es an Sachsen? Dem weltweiten Rechtsruck? Der emotionalen Wirkung von Videos?

Flaggen, Parolen – und "Volkstänze"

Die Bilder zeigen marschierende Neonazis mit Flaggen, einheitlichen Shirts, den üblichen Parolen und ein sogenanntes "Kulturprogramm" vor der eigentlichen Demonstration, bei dem die extrem rechte Partei "Volkstänze" aufführt – oder besser: das, was sie eben für die völkische Tradition hält.

Die Neonazi-Partei "Der Dritte Weg" inszeniert diese an den Nationalsozialismus erinnernden Aufmärsche seit Jahren. Und auch die bayrischen Neonazi-Strukturen des "Freien Netzes Süd", die als Vorgängerorganisation der Partei gelten, haben derartige Veranstaltungen bereits durchgeführt.

Ich berichtete beispielsweise im vergangenen Jahr von der gleichen Veranstaltung aus Chemnitz und 2016 bereits aus Plauen. Damals kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen der Polizei und den Neonazi-Demonstranten. Die Polizei setzte schließlich Wasserwerfer ein. Auch Mitglieder einer britischen Terrorgruppe marschierten damals mit, wie t-online.de später berichtete.

Doch bei weitem war die Aufmerksamkeit nicht so groß wie in diesem Jahr. Diese Aufmerksamkeit ist für mich ebenso überraschend wie erfreulich. Überraschend, weil dies aus meiner Sicht ein üblicher Neonazi-Aufmarsch war. Ich begleite diese Demonstrationen nun seit fast zehn Jahren. In diesen Jahren habe ich Dutzende Aufmärsche dokumentiert, die ein nahezu gleiches Bild abgaben. Die große Empörung blieb aber aus. 

Erfreulich ist der Fokus auf die diesjährige Mai-Demo in Plauen aber dennoch: Dadurch wird in großem Umfang Aufmerksamkeit auf das Thema Rechtsextremismus gelenkt. Die Bilder aus Plauen zeigen, was sich hier in den letzten Jahren in der Szene entwickelt hat und welches Gedankengut hier die Straßen in Besitzt nimmt. Viele sind empört von den Bildern aus Plauen. Die Bilder des Aufmarsches erinnern nur zu deutlich an die Inszenierung der Nationalsozialisten der Dreißiger Jahre und dies ist natürlich auch gewollt. 

Die Empörung über die Aufnahmen aus Plauen zielt in erster Linie auf die Inszenierung des Aufmarsches: Hunderte Neonazis laufen zu dröhnendem Trommelsound, mit Flaggen und gekleidet mit den gleichen hellbraunen T-Shirts, die einer Uniformierung ähneln, durch die Straßen einer deutschen Stadt. Nicht selten kommentierten Nutzer die Bilder mit Vergleichen zu Aufmärschen der Sturmabteilung SA der Nationalsozialisten in den Dreißiger Jahren.

Die veranstaltende Neonazi-Kleinstpartei Der Dritte Weg wurde 2013 in Süddeutschland gegründet und sammelte dann vor allem die Neonazis ein, die nach dem Verbot des bayrischen Kameradschaftsnetzwerks "Freies Netz Süd" eine neue organisatorische Heimat suchten und denen wohl der Schutz des Parteienstatus ein willkommenes Hilfsmittel war.

Die Partei entstand also aus einem knallharten neonazistischen Milieu, dessen Aktivisten in Teilen wegen Gewaltdelikten bis hin zur Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation vorbestraft sind.

Über den Autor:

Felix M. Steiner ist freier Journalist. Seit Jahren berichtet er über rechtsextreme Strukturen und Veranstaltungen. Bis 2016 gehörte er neben Patrick Gensing und Andrej Reisin der Redaktion von Publikative.org an, das 2013 mit dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet wurde. Heute schreibt er unter anderem für "Zeit-Online".

Die offiziellen Verlautbarungen und auch die internen Papiere der Partei lassen keinen Zweifel daran, welche Ideologie hinter der Inszenierung in Plauen steht. Die Partei vertritt ganz offen einen völkischen Nationalismus und fordert die "Erhaltung und Entwicklung der biologischen Substanz des Volkes". Und auch in Bezug zu ihrem politischen Ziel lassen die Neonazis in internen Papieren wenig Platz für Interpretationen.

Dort heißt es unmissverständlich: "Wir bejahen darum ausdrücklich die Herrschaft einer Elite". Dabei geht es der Partei um eine "Elite […] des Blutes und der Leistung", wie sie selbst schreibt. Die Inszenierung, die in Plauen zu sehen war und so viele Menschen an den Nationalsozialismus erinnert, ist also keineswegs Zufall. Die passende Ideologie liefert die Partei gleich mit.

Und so ist natürlich auch die skurril wirkende völkische Tanzeinlage zu bewerten. Sie ist nichts anderes als der absurde Versuch, kulturell zu den vermeintlichen Wurzeln des Volkes zurückzukehren und sich damit natürlich auch gegen eine kulturelle Moderne zu stellen. Die Reaktionen auf das Video zeigen, wie deplatziert derartige Vorführungen heute wirken – zumindest in diesem Kontext. Selbst vor Ort blickten einige jüngere Neonazis verstohlen zu Boden und konnten sich ihr Grinsen nicht verkneifen. Offensichtlich trieb ihnen diese mit aller Ernsthaftigkeit präsentierte Vorführung so etwas wie Scham in die sonst so versteinerten Gesichter.

Ich kenne aus den Jahren meiner Arbeit solche Demonstrationen und auch die völkischen Inszenierungen. Mich und die zahlreichen anderen Kollegen vor Ort hat dies kaum überrascht. "Ein ganz normaler Neonazi-Aufmarsch", sagte ein Kollege noch in Plauen. Und noch als ich auf dem Heimweg war, konnte ich mir nicht vorstellen, welches Medienecho ab dem Abend des 1. Mai folgen sollte. Warum die Aufmerksamkeit? Darüber kann ich nur spekulieren. Aber es könnte mit Sachsen zu tun haben.

Sachsen, immer wieder Sachsen

Ein Grund, warum – zumindest für Deutschland – die Aufnahmen für eine derartige Empörung sorgen, dürfte der Ort der Veranstaltung sein: Plauen in Sachsen. Die Partei verfügt dort über ein eigenes Bürgerbüro, ist also vor Ort fest integriert. "Sachsen, immer wieder Sachsen", schreiben viele Menschen als Kommentare unter die Videos und Bilder. Wie konnte die Polizei eine solche Demo nur zulassen? Wieso hat die Versammlungsbehörde den Neonazis sogar noch erlaubt Pyrotechnik abzubrennen? Wieso dürfen Neonazis mit Trommeln und Fahnen marschieren? Alles Fragen, die derzeit in der Öffentlichkeit und den sozialen Netzwerken diskutiert werden.

Weltweit wird ein Rechtsruck wahrgenommen und genau in diese Zeit fallen nun die Bilder einer bedrohlich und nationalsozialistisch wirkenden Demonstration in Deutschland. Ein wichtiger Grund für die Wirkung des Materials aus Plauen dürfte das Medium Video sein. Die Aufnahmen zeigen all die Inszenierungsebenen des Neonazi-Aufmarsches zusammen: Trommeln, Parolen und auch die Formation der Demonstration. Dies ist sicher kein Alltagserleben für viele und scheint die Situation näher zu bringen – einigen Betrachtern auch Angst zu machen.

Ich kann die Ängste und Sorgen der Menschen, die sich in den sozialen Netzwerken geäußert haben, absolut verstehen. Und wenn der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster , diese Demo "verstörend und erschreckend" nennt, kann man seine Äußerung wohl nur als zurückhaltend bezeichnen.

Für die zuständige Versammlungsbehörde und auch die Polizei wird sich die Frage stellen, wie in den kommenden Jahren mit derartigen Demonstrationen umgegangen werden soll. Wo liegen die Grenzen eines liberalen Versammlungsgesetzes, wenn in solcher Deutlichkeit neonazistische Ideologie öffentlich inszeniert wird. Und in der Tat habe ich in den vergangenen Jahren selten Neonazi-Demos erlebt, die mit so wenigen Auflagen stattgefunden haben, sogar noch mit der Genehmigung von Pyrotechnik. Dieses Vorgehen der Versammlungsbehörde hat mich verwundert, um es vorsichtig auszudrücken. 

Für die vielen engagierten Menschen in Plauen, die sich am Mittwoch dem Neonazi-Aufmarsch entgegengestellt haben, hoffe ich, dass sie durch diese Aufmerksamkeit weitere Unterstützung erhalten bei ihrem Einsatz für eine demokratische Gesellschaft. Haben sich Neonazi-Strukturen erst mal vor Ort festgesetzt, sind sie schwer und nur unter Zusammenarbeit aller demokratischen Akteure wieder aufzulösen. Dafür braucht es viele engagierte Menschen. Und diesen wiederum muss aus meiner Sicht von Seiten der politischen Akteure der Rücken gestärkt werden. Man darf sie mit diesem wichtigen Kampf nicht allein lassen.

Dieser Text erschien zuerst auf t-online.de.

Diese vier Vorurteile füttern Rechtspopulisten

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