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bild: imago/watson montage

Du kennst Mattstedt nicht? Tausende Neonazis werden das am Wochenende ändern

Philipp Blanke
Philipp Blanke

Mattstedt liegt malerisch in einem Tal in Thüringen. Kaum jemand kennt diesen 500-Seelenort. Bisher. Das wird sich am Wochenende ändern. Dann werden dort Tausende Rechtsextreme erwartet.

Auf einem ehemaligen Fabrik-Areal werden sich am Samstag Rechtsextreme aus ganz Deutschland und dem Ausland treffen. Die Polizei geht von 3000 Teilnehmern aus. Die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) berichten von mindestens 5000. Das Konzert heißt „Rock gegen Überfremdung III“. Das Lineup: Bands wie "Gigi und die braunen Stadtmusikanten", "Die Lunikoff-Verschwörung", "Fortress", "Der Kahlkopf-Metzger", "Warlord" oder "Notwehr". 

Der rot-rot-grünen Landesregierung sind die zunehmenden rechtsextremen Großveranstaltungen ein Dorn im Auge. Sie versucht mit allerlei juristischen Schachzügen, die Veranstalter auszuspielen. Das gelang jedoch meist nur zum Teil. Auch dieses Mal. Die Fläche wurde zwar eingeschränkt, doch das Event wird allem Anschein nach stattfinden. 

Auch Redebeiträge wird es geben. Der Nazi-Rocker Frank Krämer wird sprechen, ebenso wie Sven Skoda, Betreiber des Nationalen Infotelefons „Rheinland“. Skoda ist zudem in der Anti-Antifa und der Kameradschaft Düsseldorf aktiv. Auch bekannte rechte Szenegrößen wie Dieter Riefling, Sebastian Schmidtke und rechtsaußen Politiker wie Sascha Krolzig oder Michael Brück, der stellvertretende NRW-Landesvorsitzende der Partei "Die Rechte", die im Stadtrat von Dortmund sitzt, sollen sprechen. 

Das Lineup besteht aus rechten Szenegrößen:

Weiter angekündigt ist außerdem Christian Häger, ehemaliger Chef des “Aktionsbüro Mittelrhein” (ABM) sowie des “Braunen Hauses” in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Laut RND wird auch der in München angeklagte NSU-Terrorhelfer André Eminger in Mattstedt erwartet. 

Der Ticketpreis: 35 Euro, aus dem die Unkosten gedeckt werden sollen. Gewinn will der Veranstalter laut eigener Darstellung nicht machen.

Nachdem es laut Veranstalter "mehrere Rückschläge bei der Suche nach einem geeigneten Grundstück" für die "Kundgebung" gegeben habe, fiel die Wahl auf Mattstedt bei Apolda. Schlimme Erinnerungen an die großen Rechts-Rockkonzerte der letzten Jahre in Themar in Süd-Thüringen wurden wach.

In Themar rockte der Hass:

Im thüringischen Themar fanden in den letzten Jahren immer wieder große Konzerte und Kundgebungen der rechten Szene statt, zuletzt im Juni 2018. Insgesamt nahmen an dem Konzert nach Polizeiangaben 2243 Besucher aus dem rechten und rechtsextremen Spektrum teil. Sie seien aus dem ganzen Bundesgebiet sowie aus dem europäischen Ausland angereist. Bereits im Sommer 2017 trafen sich in Themar bis zu 6000 Neonazis bei einem Rechtsrockkonzert. Das war die bis dahin größte Musikveranstaltung von Neonazis in Deutschland. Kritiker forderten damals, Rechtsrockkonzerte nicht mehr als politische Demonstrationen einzustufen, die unter die Versammlungsfreiheit fallen. Der Landkreis Hildburghausen als Versammlungsbehörde hatte das Rechtsrockkonzert zunächst verboten und dies mit dem Schutz zahlreicher auch seltener Vogelarten auf dem Veranstaltungsgelände begründet. Das Verwaltungsgericht Meiningen hob das Verbot auf, das Thüringer Oberverwaltungsgericht bestätigte die Entscheidung. 

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Zum Konzert "Rock gegen Überfremdung" in Themar kamen im Juli 2017 mehr als 5000 Nazis.  Bild: Michael Trammer/imago

Warum trifft es immer wieder Thüringen?

Wie das RND berichtet, liegt ein Grund für das regelmäßige stattfinden großer Kundgebungen und Konzerte der rechten Szene in der verkehrsmäßig guten Lage des Landes: mitten in Deutschland, gut angebunden. Zudem habe sich in Thüringen eine professionelle rechte Szene etabliert, die musikalisch und logistisch solche Großveranstaltungen stemmen könne.

Anmelder von „Rock gegen Überfremdung III“ ist laut Medienberichten der Saalfelder Steffen Richter. Er soll mit der rechtsextremen „Bruderschaft“ der Turonen in Verbindung stehen, die mit ihren Unterstützern auch in der Schweiz bereits große Rechtsrock-Treffen organisiert haben. 

Gibt es Protest? 

Verschiedene Gruppen haben laut Polizei Gegenveranstaltungen angemeldet. Vor allem das Bürgerbündnis "Buntes Weimarer Land" werde in Mattstedt und Zottelstedt seinen Protest gegen die rechtsradikale Veranstaltung zum Ausdruck bringen, heißt es in einer Pressemitteilung.

Geplant sei zudem auch eine Fahrrad-Sternfahrt nach Mattstedt mit Startpunkten am Bahnhof Apolda, Bad Sulza, Oßmannstedt und Buttstädt, sagt Max Reschke, Mitorganisator der Proteste und Vorsitzender der Grünen im Landkreis gegenüber watson.

"Wir planen eine Straße der Demokratie, die sich durch das gesamte Dorf ziehen wird. Hierbei sind Stände dabei wie: das Bündnis gegen Rechts aus Weimar, Aktionsnetzwerk aus Jena, eine muslimische Gemeinde aus Erfurt, der Prager Haus Verein, der sich mit der Aufarbeitung von jüdischen Personen und Familien in Apolda beschäftigt sowie verschiedene demokratische Parteien. Den Tag über werden verschiedene Würdenträger aus dem Kreis und dem Land auf der Bühne sprechen. Es sind drei Demonstrationszüge durch das Dorf geplant, um 11, 13 und 17 Uhr. Am Abend spielen fünf verschiedene Bands."

Max Reschke

Reschke rechnet im watson-Gespräch nicht mit Konfrontationen zwischen Rechten und Gegendemonstranten. Man nutze verschiedene Routen und vertraue zudem auf das Einsatzkonzept der Polizei und darauf, dass es friedlich bleibe. Zumindest hofft er das, wie er immer wieder betont. Dass aus Mattstedt durch das Nazi-Event ein zweites Themar werden könnte, findet der junge Apoldaer "schrecklich".

Landesregierung setzt Zeichen

Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und das gesamte  Landeskabinett wollen am Morgen an einem Gottesdienst teilnehmen. Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) hat angekündigt, auch bei den Gegendemonstrationen in Mattstedt mitzulaufen.

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Eigentlich wollte er solche Konzerte in Thüringen nicht mehr: Ministerpräsident Bodo Ramelow. Bild: imago stock&people

Dass Neonazis Veranstaltungen wie „Rock gegen Überfremdung III“ überhaupt noch abhalten können, wurmt Ramelow und seinen Innenminister wohl besonders. Nach den großen Rechtsrock-Konzerten in Themar hatte Ramelow eine Verschärfung des Versammlungsgesetzes angeregt, die im Parlament jedoch nicht durchkam. Innenminister Maier gibt sich im Vorfeld der Veranstaltung dennoch kämpferisch:

„Was wir tun können, ist, mit Auflagen an die Versammlung und ihrer strikten Durchsetzung Rechtsrockkonzerten ihre Attraktivität zu nehmen. Das tun wir.“

Innenminister Georg Maier (SPD) im Evangelischen Pressedienst (epd)

Die Polizei ist mit mehreren Tausend Beamten aus verschiedenen Bundesländern im Einsatz, auch eine Reiterstaffel und Szenekenner, die auf indizierte Lieder hinweisen, werden eingesetzt.

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