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Der Mordverdächtige Stephan E. bei einem "Combat 18"-Treffen im März 2019: Bislang hatten Behörden keine Erkenntnisse über seine andauernden Kontakte zu der Gruppe. Bild: Pixelarchiv

Fall Lübcke: "Combat 18" – das Neonazi-Netzwerk hinter dem Verdächtigen

Die Neonazi-Gruppe "Combat 18" probt im In- und Ausland den Bürgerkrieg. Der Mordverdächtige im Fall Lübcke stand bis zuletzt mit der Organisation in Kontakt.

Dietmar Seher, Jonas Mueller-Töwe

September 2017. Am Tag der Bundestagswahl warten GSG-9- Einsatzkommandos der Bundespolizei am deutsch-tschechischen Grenzübergang Schirnding. Sie haben von Verfassungsschützern einen Hinweis erhalten: Mitglieder der Neonazi-Gruppe "Combat 18" sollen nahe dem tschechischen Cheb zweitägige Schieß- und Kampfübungen veranstaltet haben. Tatsächlich tauchen zwölf deutsche Neonazis auf – und haben illegale scharfe Munition dabei. Mehrere der Männer werden später verurteilt.

"Kampfgruppe Adolf Hitler"

"Combat 18", auch "C18" abgekürzt, das heißt: "Kampfgruppe Adolf Hitler". Am Freitag wurde bekannt, dass auch Stephan E. – der Verdächtige im Mordfall Walter Lübcke – nicht nur früher mit der Gruppe in Kontakt stand. Noch im März 2019 nahm er an einem konspirativ abgeschotteten Treffen der militanten Gruppe teil. Wer an solchen Treffen teilnimmt, der sieht sich im bewaffneten Kampf gegen die Demokratie. Im sogenannten "führerlosen Widerstand".

Auch der sogenannte "Nationalsozialistische Untergrund" entstand aus dieser Idee und weist Gemeinsamkeiten mit "Combat 18" auf. Die Gruppe um das Kerntrio Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos agierte als autonome Zelle, wie die "C18"-Ideologie vorsieht. Das Ergebnis: eine jahrelang unentdeckte Terrorserie mit zehn Toten und zahlreichen Verletzten. Wie groß ist das weitere terroristische Potenzial?

"C18" ist bis heute nicht verboten

Seit dem 15. Dezember 2015 hat es laut Bundesregierung zwölf Schießübungen von deutschen Neonazis im Ausland und seit dem Jahreswechsel 2017/2018 weitere fünf im Inland gegeben – auch "C18"-Mitglieder nahmen teil. Trotzdem betonte das Bundesinnenministerium bislang, keine rechtssichere Verbotsgrundlage für die Gruppe in Deutschland zu haben. Verfassungsschutzbehörden sahen in der nach außen dargestellten Militanz mehr das Ringen um Bedeutung – trotz der Warnungen vieler Szenebeobachter, die sich durch den Anschlag auf Lübcke nun bestätigt sehen.

Denn "Combat 18" versteht sich als der bewaffnete Arm des Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour", das in den Neunziger Jahren in Großbritannien entstanden ist. Mit Neonazi-Musik, Veranstaltungen und Merchandise sollte die Organisation den bewaffneten Kampf der autonomen Zellen finanzieren und für eine Unterstützerbasis sorgen. In Deutschland wurde das Netzwerk im Jahr 2000 verboten.

Pistolen, Revolver, Gewehre

Im europäischen Ausland bestehen die Strukturen aber unverändert fort – auch deswegen tauchen deutsche Neonazis immer wieder in Tschechien, Bulgarien oder Ungarn zu Wehrsportübungen und Szenetreffen auf. Neben dem Umgang mit scharfen Pistolen, Revolvern, Schrotflinten und Gewehren trainieren sie dort den "waffenlosen Nahkampf" – und ziehen wie in Ungarn zum sogenannten "Tag der Helden" mit Gesinnungsgenossen durch die Straßen.

Über die Mitgliederzahl von "Combat 18" in Deutschland ist wenig bekannt. Laut Bundesregierung existiert in Deutschland erst seit 2013 offiziell eine Gruppierung mit Bezeichnung "Combat18", deren Mitglieder in Hessen, Nordrhein-Westfalen , Thüringen, Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen wohnhaft sind. Mehr Informationen stellte das Portal "Exif-Recherche" zur Verfügung: Mitgliederlisten, Kontoauszüge, sogar eine Art Vereinssatzung. Die Recherchen lassen den Schluss auf feste Strukturen zu.

"Individuelle Gewaltbereitschaft"

Erst vor wenigen Wochen umriss das nordrhein-westfälische Innenministerium auf eine Anfrage der Grünen die Gefährlichkeit der Gruppe konkreter. Dort heißt es: "Bei den Anhängern von C 18 ist von einer Waffenaffinität und individuellen Gewaltbereitschaft auszugehen. Ob es sich bei C 18 um eine terroristische Vereinigung im Sinn des § 129 a Strafgesetzbuch handelt, obliegt einer richterlichen Entscheidung."

Ändert der mutmaßliche Mord an Walter Lübcke die Einschätzung der Behörden und beschleunigt das Verbot, wie Abgeordnete von FDP und Linke fordern?

Zumindest in Nordrhein-Westfalen sind Ermittler zunehmend sensibilisiert. Nicht nur die Anschläge auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker 2015 und den Altenaer Bürgermeister Andreas Hollstein im Jahr 2017 haben dort stattgefunden. Auch der Sprengstoff-Anschlag auf den Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn 2000, ist bis heute ungeahndet. Dabei wurden zehn jüdische Zuwanderer teils schwer verletzt, ein Ungeborenes starb. Auch der NSU verübte ein Bombenattentat in Köln – und mordete in Dortmund.

NSU und "C18" – Spuren nach Dortmund

Gerade dort vermutet das Landeskriminalamt einen Schwerpunkt auch der "C18"-Aktivitäten: Bei 40 der fast 100 Straftaten, die ihren zwölf Mitgliedern in NRW zugeordnet werden, war  Dortmund  der Tatort. Dort soll der deutsche Arm der Gruppe entstanden sein. Ein enger Kontakt der NSU-Terroristin Beate Zschäpe tritt dort häufig in "Combat 18"-Kleidung auf. Die Band "Oidoxie" stammt dorther, um die ebenfalls weit vor 2013 eine Terrorzelle entstanden sein soll.  

Und auch der nun Mordverdächtige Stephan E. wurde mit Kasseler "Combat 18"-Mitgliedern in Dortmund gesehen, gemeinsam griffen sie 2009 eine DGB-Kundgebung an. E. wurde verurteilt und laut Angaben der Behörden seitdem nicht mehr besonders auffällig – bis eine DNA-Spur am Tatort in Kassel die Ermittler zu ihm führte. Dass er noch im März 2019 an einem Treffen der Gruppe im sächsischen Mücka teilnahm, belegen Fotos. Die Behörden hatten laut eigenen Angaben darüber bislang keine Erkenntnisse. 

(Dieser Artikel erschien zuerst bei t-online.de)

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