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Der Terrorist von Halle: Die Quelle des bereits früh verbreiteten Bildes ist unbekannt. Bild: screenshot/unbekannt

Anschlag in Halle: Stephan B. zog noch andere Anschlagsziele in Erwägung

Der Rechtsterrorist von Halle ist Antisemit und Rassist. Er hasst Juden, Muslime und Andersdenkende. Seine Verbrechen plante er offenbar Monate im Voraus – und bediente mit der Inszenierung Gleichgesinnte.

Jonas Mueller-Töwe

Es sind wenige Sätze am Anfang eines verstörenden Videos, in denen der Terrorist von Halle seine rechtsextremistische Gesinnung knapp aber präzise darlegt. Stephan B. hasst Migration, Muslime und Feministen – und Schuld an allem sind für ihn die Juden. Die Stellungnahme des 27-Jährigen ist das Intro zur Selbstinszenierung des Terrors. Anschließend überträgt er die Mordanschläge auf Synagoge und Döner-Imbiss mit einer Helmkamera live ins Internet.

Terrorpropaganda in Echtzeit

Die Aufzeichnung des Live-Streams, die t-online.de vorliegt, ist zu grausam, um sie weiter zu verbreiten. Es ähnelt dem Videomaterial des rechtsextremen Terroranschlags im neuseeländischen Christchurch. Laut Video-Plattform Twitch verfolgten fünf Menschen die Tat in Echtzeit mit – weitere 2.200 Nutzer sahen die Aufzeichnung, bevor sie gesperrt wurde. Nun arbeiten Internetdienste weltweit daran, dass die Terrorpropaganda gelöscht und nicht weiter verbreitet wird.

Denn offenbar hat es B., wie bereits der Attentäter von Christchurch, auf Nachahmungstäter angelegt. Dafür spricht neben dem Video auch ein Schriftstück, das bereits vor dem Anschlag im Internet verbreitet wurde, und das augenscheinlich vom Terroristen selbst stammt. Es liegt t-online.de vor und deckt sich in Ton und Darstellung mit den von Stephan B. verbreiteten Videoaufnahmen. Es schildert minutiös den Bau und die Zusammenstellung seiner Waffen und Ausrüstung. Ziel des Anschlags sei neben einer möglichst hohen Opferzahl, andere Weiße zu ähnlichen Taten zu animieren.

Stephan B. zog noch andere Ziele in Erwägung

Aus dem Dokument geht ebenfalls hervor, dass Jom Kippur bewusst gewählt wurde, da B. offenbar annahm, am höchsten jüdischen Feiertag besonders viele Gläubige in der Synagoge töten zu können. Dafür zog er das Anschlagsziel anderen möglichen vor, die er in Erwägung zog: beispielsweise linke Kulturzentren oder Moscheen. Sowohl Video als auch das mutmaßliche Bekennerschreiben sind in Englisch verfasst, wahrscheinlich um ein internationales rechtsextremes Szenepublikum zu bedienen. Dafür sprechen auch die zahlreichen Verweise auf Internet-Foren.

Ob sich Stephan B. tatsächlich in diesen Foren radikalisierte, dort nur eine Plattform fand, seine ohnehin gefestigte Einstellung zu pflegen, oder auch in lokale Netzwerke von Rechtsextremisten in Sachsen-Anhalt eingebunden war, ist noch nicht klar. Zunächst ging die Polizei am Tag der Tat trotz der Festnahme am Nachmittag von mehreren möglichen Tätern aus. Erst am Abend hieß es aus Sicherheitskreisen, man vermute nun einen Einzeltäter. Trotzdem wird weiter geprüft, ob er Komplizen hatte.

Polizeibekannt sei Stephan B. bislang nicht gewesen, hieß es. B. habe offenbar zuletzt bei seiner Mutter in Benndorf in Sachsen-Anhalt gelebt. Die Wohnung wurde auf Anordnung der Bundesanwaltschaft durchsucht, Beweismittel seien sichergestellt worden, sagte ein Sprecher. Die Behörde hatte die Ermittlungen wegen Mordes und Mordversuchs bereits am Mittwoch an sich gezogen. Grund sei der "spezifische staatsgefährdende Charakter der Tat und die besondere Bedeutung des Falles".

(Dieser Text ist zuerst auf t-online.de erschienen)

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Rechtsextremismus-Expertin über Halle-Tat: "Hört auf, die Botschaft des Täters zu teilen"

Mehr als 30 Minuten lang filmte Stephan B. seinen Anschlag auf eine Synagoge in Halle. Die Tat streamte er live ins Internet – von einer Kamera, die er an seinem Helm montiert hatte. Er tötete zwei Menschen.

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