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Reportage

Das sind die Helden des größten Waldbrands Deutschlands – vor den Toren Berlins

Lars wienand 

Er traf mit 3000 Litern Wasser auf 1000 Quadratmeter Brand. Marcus Faustmann konnte nicht ahnen, dass das der Anfang des größten Waldbrands Deutschlands war. Eine Reportage von Lars Wienand.

"Leg Dich hin!", sagt Marcus Faustmann eindringlich. Und Marcel Kraft, der Ortswehrführer von Treuenbrietzen, macht jetzt um 11 Uhr, was sein Stellvertreter gesagt hat. Im ersten Stock des Gerätehauses gibt es ein Räumchen mit einem Sofa, und Kraft hat eine Einsatzjacke als Kopfkissen. Fotografiert werden will er jetzt nicht, "mach das, wenn ich schlafe", sagt er zum Reporter.

Doch er ist schon längst wieder wach, als der Reporter zurück ist von einer Tour durch Rauch, vorbei an diversen Hydranten, an denen im Akkord Tanklöschfahrzeuge, Jauchefässer und Wasserwerfer der Polizei Wasser aufnehmen. Vorbei an erschöpft auf dem Waldboden liegenden Feuerwehrleuten. Zwei Stunden hat Kraft geschlafen, sagt er mit einem Lachen.

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Eine Kiste mit Süßigkeiten: Marcus Faustmann bei Einsatzkräften im Wald. Bild: Lars Wienand

Es sprechen jetzt viele von den Helden bei der Feuerwehr, und die Feuerwehrleute sprechen davon, dass es ja irgendwie gehen muss

Der Einsatz, dessen Ende am Freitagabend noch nicht absehbar ist, hatte am Donnerstagmittag um 12.38 Uhr und 52 Sekunden mit der Nachricht auf dem Funkmeldeempfänger begonnen. Marcus Faustmann lud sich gerade den zweiten Nachschlag auf den Teller, Erbsen und Möhren. Essen mit der Familie, seit drei Wochen ist er zum zweiten Mal Vater, er ist in Elternzeit. "B-Wald, Frohnsdorf Tiefenbrunn, OV Lüdendorf Richtung Materhausen" ist die Meldung. Es gab schon einige kleine Waldbrände in diesem Jahr für die Wehr.

Dieser wird anders sein.

Zu fünft sind sie dann im ersten Fahrzeug. Das Feuer greift bei der Trockenheit so schnell um sich, dass die zwei Fahrzeuge aus Treuenbrietzen und Barnitz mit neun Leuten wenig Chancen haben. Und es knallt, im Boden ist Munition. Eine Front können sie stoppen, an ihrer Seite läuft der Brand vorbei. Der wächst schneller als Nachschub anrücken kann. Und schneller, als Wasser in den Wald gebracht werden kann. 100 Kilometer fährt Faustmann in den folgenden Stunden am Steuer eines Tanklöschfahrzeugs.

Es gibt ein Video, das beängstigend wirkt. "Weiter, weiter, weiter, nicht stehenbleiben", hört man. Rechts vom Fahrzeug Flammen und schmelzende Leitplanken, links vom Fahrzeug Flammen und vor dem Fahrzeug eine Wand aus Rauch.

Hier das Video:

Der Brand hat den Sprung über Bundesstraße geschafft, hier liegen Orte. Es wird über Evakuierung gesprochen und es wird schließlich evakuiert.

Die Meldungen und die apokalyptischen Bilder bekommt auch seine Freundin zuhause mit. Sie sagt zu t-online.de den Satz, den viele Feuerwehrleute kennen.

"Klar macht man sich Sorgen, man macht sich da immer Sorgen. Und mit den zwei kleinen Kindern… Ein Lebenszeichen wäre schön gewesen."

Ihr Mann hat kein Netz. Um 9 Uhr ist Faustmann wieder im Feuerwehrhaus. Sein Opa war Feuerwehrchef, sein Vater war Führungskraft, er ist seit seinem achten Lebensjahr dabei. Und er will nachher Theo, seinem ältesten, all die Feuerwehrautos hier zeigen. Und den Bundeswehrhubschrauber, der am Baggersee Wasser aufnimmt.

Feuerwehrleute aus ganz Brandenburg sind inzwischen alarmiert. Das DRK aus Königs Wusterhausen auch, um Essen zu den Feuerwehrleuten zu bringen. Faustmann ist mit ihnen zur Orientierung unterwegs, und er nimmt den Reporter mit. Alle Hundert Meter hält das Fahrzeug mit der Erbsensuppe an, wo ein Hydrant ist, betreuen Kräfte Wasserentnahmestellen. Die Tanklöschfahrzeuge, die Jauchefässer, der Tank der Polizei-Wasserwerfer, sie alle holen ständig Nachschub für den Kampf im Wald.

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Wassertanks füllen: Um einen Wasserbehälter sammelten sich Feuerwehrfahrzeuge, Wasserwerfer der Polizei und Schlepper mit Wasserfässern. Bild: Lars Wienand

Kurz vor dem Örtchen Klausdorf stehen einige Fahrzeuge von Feuerwehr und THW im Feld, bereit zum Eingreifen, nicht geeignet für das, was gerade gebraucht wird.

Feuerwehr, das bedeutet auch viel Warten.

Alle drei, vier Minuten taucht 200 Meter entfernt ein Polizeihubschrauber einen Behälter in ein Becken. Der Heli fliegt in verschiedene Richtungen, aber er ist immer schnell wieder zurück. In drei Himmelsrichtungen um den Ort steigt Rauch auf, 150 Meter von den letzten Häusern entfernt steht die Feuerwehr Flammen gegenüber. Ein Tanklaster steht neben dem Becken, alle etwa 60 Minuten muss der Hubschrauber betankt werden. Er ist die wirksamste Waffe, er kommt überall hin.

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Bild: Lars Wienand

Im Ort Klausdorf haben alle Bewohner ihre Häuser verlassen müssen, sie durften am Freitag für zwei Stunden kurz hinein. Und doch sind in dem Dorf mehr Menschen, als er Einwohner hat. Die Einsatzleitung für diesen Abschnitt ist hier mit einem modern ausgestatteten Bus mit Satelliten-Schüssel auf dem Dach, und hier gibt es ein großes Becken, aus dem bis zu vier Fahrzeuge zugleich Wasser tanken. Es geht wie im Bienenstock zu.

Ständig kommen Einsatzfahrzeuge – und zwischendurch zwei große schwarze S-Klassen mit Blaulicht auf dem Dach. Politikerbesuch, der durchfährt. "Schwerer als ein Löschfahrzeug" ist hier nur der Kommentar.

Die Fahrt geht weiter, "es kommt gleich noch ein Auto mit Essen", sagt Faustmann den Feuerwehrleuten, die gerade eintreffen. Enttäuschung in den Gesichtern, und Enttäuschung wird sich auch etwas später bei Faustmann einstellen. Erst geht es in den Wald, durch Rauchwolken, zu Feuerwehrleuten, die von ihrer Einsatzstelle nicht nach Klausdorf kommen können.

Die Moral hier ist nicht mehr gut.

Erschöpft liegen einige auf dem Waldboden, Schaufeln und Helme neben sich. Es tröpfelt ein bisschen, "und ungefähr so sah das bei uns auch aus." Sie haben aber das Feuer hier in Schach gehalten, Einsatz eigentlich erfolgreich. "Aber wir haben das falsche Gerät",  sagt einer, der von einer Wehr aus dem Kreis Oberhavel kommt. Um 3 Uhr wurden manche hier alarmiert, es ist 15 Uhr, und die Ablösung ist vielleicht gerade unter der 50 Fahrzeugen aus drei Landkreisen, die im Bereitstellungsraum am Feuerwehrgerätehaus eintreffen.

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"Die letzten Mohikaner": Einsatzkräfte Beklagten auch, dass die Bundeswehr nicht zur Hilfe zur Verfügung steht und in den eigenen Reihen es immer schwerer wird, Helfer zu finden Bild: Lars Wienand

"Wir sind doch die letzten Mohikaner", sagt er. "Keine Bundeswehr mehr, die Leute sind beruflich alle so eingespannt." Und Extremwetter werde es ja eher häufiger geben.

Aus der für die Versorgung zuständigen Einsatzleitung kommt eine neue Anweisung. Faustmann und das DRK sollen zurück, auch das andere Auto. Die vorhin vertösteten Kameraden in Klausdorf werden noch länger warten müssen. Faustmann ist anzumerken, dass er darüber nicht glücklich ist.

Aber zurück am Gerätehaus setzt er jetzt erst einmal aus. Heim zum Kind. "Um 2 oder 3 Uhr werde ich wieder hier sein." Arbeit wird es hier noch für Tage geben.

Er ist zehn Minuten später wieder da, jetzt ohne Uniform. Er wollte doch Theo die Feuerwehrautos zeigen. Und dann den Hubschrauber am See. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der zweieinhalb Jahre alte Theo Feuerwehrmann werden wird. Er wird dann sicher auch wieder dringend gebraucht.

Dieser Text ist zuerst auf t-online.de erschienen. 

So groß wie 400 Fußballfelder: Riesiger Waldbrand vor Berlin

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