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Martin Sonneborn und Nico Semsrott Katharina Kücke

Reportage

Sonneborns PARTEI startet EU-Wahlkampf – und ein "heute-show"-Mann bringt sich in Stellung

Die Kulisse für den selbsternannten "größten Vorsitzenden aller Zeiten" stimmt. Die Sonne knallt auf den Platz vor der mächtigen Berliner Volksbühne. Im Hintergrund ziehen sich lange Namens-Banner die Fassade hoch. Parteigenossen haben sie für ihren Chef aufgehängt. Grauer Anzug. Rote Krawatte. Medienzirkus. Wahlkampf-Slogan: "Für Europa reicht's". Auftritt: Martin Sonneborn.

Der 53-Jährige schreitet bei seinem ersten Wahlkampftermin zur Wahl in das Europaparlament am Dienstag vor den Kameraleuten her, macht genau zwei Selfies mit Fans, lässt staatsmännischen Abstand zwischen sich und der Medien-Meute. Neben ihm läuft Satiriker Nico Semsrott mit, wie gewohnt mit schwarzem Hoodie. Auch er kämpft heute für seinen Einzug in das Parlament. Zwar bekommt er, der auf Listenplatz 2 hinter dem Parteichef steht, weit weniger Aufmerksamkeit als Sonneborn, hat dafür aber mehr Inhalte zu bieten. Dazu später mehr.

Seht hier den Wahlkampf in Video:

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Video: watson/katharina kücke

Zusammen sind die beiden das EU-Front-Kommando der "Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative". Kurz: PARTEI. Und je bescheuerter sich die Satiriker an ihrem heutigen ersten Wahlkampftermin verhalten, desto klarer wird es einem: Die wollen Ende Mai ernsthaft gewählt werden. "Warum auch nicht?", fragt Sonneborn anwesende Journalisten und wartet die Antwort gar nicht erst ab: „Keine Sorge, bis zur Machtergreifung sind wir noch höflich zu Ihnen“.

Ein Satiriker lenkt die Augen auf die EU

Dabei sitzt Sonneborn eigentlich schon seit 2014 als einziger PARTEI-Politiker im EU-Parlament. Gestartet ist er mit 0,6 Prozent der Wählerstimmen. Über seine Reden schaffte er es in den vergangenen Jahren dann aber immer wieder, Massen auf YouTube für die sonst trockenen Sitzungen in Brüssel und Straßburg zu interessieren.

Etwa mit diesen vielgeteilten Abschiedsworten an Angela Merkel:

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Video: YouTube/Martin Sonneborn

Oder mit seinen berüchtigten "State of the Union"-Reden:

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Video: YouTube/Martin Sonneborn

Auch diesmal hat die PARTEI eine regelrechte PR-Maschine angeworfen. Überall prangen ihre Schilder mit Slogans wie "Kaffee. Kuchen. Klima", "Wir geben der Krise ein Gesicht", oder "Klima kaputt machen".

Die meisten anderen PARTEI-Kandidaten haben Sonneborn und Semsrott im Grunde nur wegen ihrer Namen ausgewählt. Sie heißen: Bombe, Krieg, Göbbels ("leider mit Ö"), Göring, Speer, Bormann, Eichmann, Keitel und Hess. "Nur Stauffenberg, der wollte nicht", erklärt Sonneborn.

So will die PARTEI in eigenen plötzlich sehr ernsten Worten "mehr Aufmerksamkeit auf eine schleichende Militarisierung der EU" lenken".

Es ist Satire wie aus dem Schulbuch: Hinter jedem Witz steckt auch eine hässliche Wahrheit.

Um Wählern das zu geben, was sie brauchen, diene auch ein persönlicher Wahlprogramm-Generator, mit dem EU-Bürgerinnen und Bürger ihre individuellen Wahlversprechen einfach zusammenstellen können. Erst 22 Fragen beantworten, dann das eigene Programm zuhause ausdrucken. "Es ist genau wie bei den konservativen Parteien", sagt Sonneborn. "Wir machen hier puren Populismus."

Europakritisch? Ja. Aber Sonneborn betont: "Ich bin Europa-Fan", es sei eben nur mit den falschen Leuten besetzt und radikalen Rechten und Linken müsse man als "Radikale der Mitte" entgegentreten.

Die Forderungen des Martin Sonneborn

Und dann redet "der größte Vorsitzende aller Zeiten" mit watson über die Forderungen seiner Partei, auch wenn er selbst betont: "Über Wahlziele habe ich noch gar nicht nachgedacht". Wir wollen wissen:

Warum findet die PARTEI etwa eine Ossi-Quote von drei Prozent für die EU wichtig?
Weil der Ostdeutsche Erfahrung mit Erniedrigung hat und das in der EU präsenter sein soll. Die Spanier etwa werden das verstehen, die haben genauso viel Erfahrung mit Diktatoren wie wir.

Warum fordern Sie ein Existenzmaximum von einer Million statt eines Existenzminimums?
Wir haben extra nicht die Währung dazugeschrieben, in der wir zählen wollen. Wir wollen das vielleicht nicht in Menschen, sondern in Ostmark zählen. Aber nur mit einer Umverteilung kann man etwa die Armutsquote in der EU verbessern. Das haben wir vor.

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katharina Kücke

Sie wollen einen "Gesinnungstest fü AfD-nahe" Typen. Warum nur Typen? Und wie funktioniert dieser Test?
Ich weiß nicht, ob es überhaupt AfD-Frauen gibt. Ich finde wenige neben Kollegin Frau von Strolch. Sie war immerhin immer für eine Diskussion zu haben. Die Typen sind unangenehmer. Jörg Meuthen etwa sitzt direkt vor mir. Einer der wenigen Leute, die ich nicht grüße, weil er mir menschlich zuwider ist. Der Test wird dann so funktionieren, dass wir den Verdächtigen einfach ein Bild von Hitler und eins von Richard von Weizsäcker zeigen. Wer darauf reagiert und naziähnliche Ideologien vertritt, der darf nicht in höhere Ämter. Die wollen wir nicht.

Wie soll der von Ihnen geforderte Artenschutz für die SPD aussehen?
Wir brauchen eine Partei, die sich für soziale Gruppen einsetzt. Wir glauben, dass die SPD das nicht mehr tut und wir die gesamte Führungsschicht in Haft nehmen müssen. Im doppelten Wortsinne. Dann können kleine Ortsvereine die SPD wieder zu alten Zielen führen.

Soweit, so Sonneborn.

Viele Probleme angerissen, richtig schlau wird man aus den Antworten wie so oft nicht. Die nötige Erklärungskraft, warum die PARTEI am Ende tatsächlich einen wichtigen Dienst in der EU erweisen könnte, gibt ein anderer.

Der Mann hinter Sonneborn: Nico Semsrott.

Während der bekannte PARTEI-Chef uns Rede und Antwort steht, sitzt ziemlich verwaist auf einem Sofa im Hintergrund der Satiriker und zweite Spitzenkandidat Semsrott. Dabei hatte der der Meute vom Eingang ziemlich kluge Dinge zu sagen.

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"Demokratie funktioniert nur mit Öffentlichkeit, und unsere Aufgabe als Satiriker ist es, diese Öffentlichkeit zu erzeugen", sagte er. Bei den kommenden Europawahlen würden 100 rechtsextreme Politiker vermutlich ins Parlament einziehen.

Semsrott sagt:

"Unsere Aufgabe ist es, diesen Rechten Öffentlichkeit beizubringen."

Bevor es aber zu ernst wird, fügt der 33-Jährige noch schnell hinzu: "Ich will auch herausfinden, wie lange ich in Brüssel leben kann, ohne einen Euro zu bezahlen. Ich habe gehört, das funktioniert mit Lobby-Geldern echt super. Anfressen bis zur Sommerpause."

Das klingt, als mache sich da jemand bereit, der neue "Größte Vorsitzenden aller Zeiten" zu werden.

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