Deutschland
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Bild

Frauenrechte sind Menschenrechte, stellt diese Demonstrantin in Berlin klar. Bild: watson/getty images

Weg mit dem Informationsverbot für Abtreibungen – fordert diese Demo in Berlin

"Es ist absolut absurd, dass wir hier auf der Straße stehen, im Jahr 2019", ruft Annalena Baerbock von einer kleinen Bühne vor der Volksbühne in Berlin-Mitte. Die Grünen-Vorsitzende demonstriert mit Hunderten anderen gegen den Paragraphen 219a im Strafgesetzbuch. Den Paragraphen, der seit Monaten nicht nur für Proteste, sondern auch für einen Streit in der Regierungskoalition sorgt.

Bild

Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock. Bild: felix huesmann/watson

Der Paragraph stellt die "Werbung" für Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe. "Werbung" deshalb in Anführungszeichen, weil damit nicht in erster Linie TV-Spots oder Werbeplakate gemeint sind, sondern auch die Information von Frauenärztinnen und -ärzten darüber, dass sie Abtreibungen durchführen. Kritiker des Paragraphen sprechen deshalb stattdessen von einem Informationsverbot, das Frauen wichtige Infos vorenthält.

Öffentliche Aufmerksamkeit hat der Paragraph vor allem dadurch bekommen, dass die Frauenärztin Kristina Hänel dafür angeklagt und verurteilt wurde, dass sie auf ihrer Website über Schwangerschaftsabbrüche informiert hat. Seitdem spaltet das Thema die Koalition in Berlin: Die CDU will am "Werbeverbot" festhalten, Teile der Union sind traditionell komplett gegen Abtreibungen. Die SPD will den Paragraphen eigentlich abschaffen – aber auch den Koalitionsfrieden wahren.

Bild

Bild: felix huesmann/watson

Letztendlich einigte sich die Koalition auf einen Kompromiss. Die Bundesärztekammer und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sollen Schwangere künftig mit Infos versorgen. Doch auch weiterhin soll die Information von Ärztinnen und Ärzten über von ihnen durchgeführte Abtreibungen strafbar bleiben. Für die Demonstranten, die am Samstagmittag in Berlin und rund 30 anderen deutschen Städten gegen den Paragraphen auf die Straße gehen, ist dieser Kompromiss deshalb wertlos.

Bild

In Berlin waren es wenige Hundert, die auf die Straße gegangen sind. Bundesweit gab es Proteste in rund 30 Städten. Bild: felix huesmann/watson

Eigentlich gibt es eine Mehrheit gegen Paragraph 219a

Um zu erklären, warum sie es so absurd findet, für dieses Anliegen auf der Straße zu stehen, zitiert Annalena Baerbock ein Plakat, das eine ältere Dame auf einer Demonstration in Polen hochgehalten habe. Darauf habe gestanden:

"I can't believe, that I still have to fight this fucking shit!"

Auf deutsch: "Ich kann nicht glauben, dass ich immer noch gegen diesen verdammten Scheiß kämpfen muss."

Bild

Bild: felix huesmann/watson

Abtreibung, das ist die klare Message der Berliner Kundgebung, sei Frauen- und Menschenrecht. "Es ist doch absurd, dass wir in einer Zeit wie heute dafür kämpfen müssen, dass wir keinen Rollback beim Feminismus und bei den Frauenrechten haben", ruft Baerbock weiter.

Die "Absurdität" der Proteste wird auch bei einem Blick auf die politischen Mehrheiten in der Debatte um den Paragraphen 219a deutlich: Die SPD will ihn (eigentlich) abschaffen. Die Grünen wollen das, die Linke und auch die FDP. Vertreterinnen all dieser Parteien sprechen am diesem Samstag auf der Berliner Kundgebung. Einzig CDU und AfD stellen sich gegen die Abschaffung des ungeliebten Paragraphen. 

Bild

Bild: felix huesmann/watson

Das Problem ist größer, als der Paragraph

Auf der Kundgebung sprechen sich jedoch nicht nur Politikerinnen gegen das "Werbeverbot aus", sondern auch Aktivistinnen, Medizinstudentinnen und Ärztinnen. Darunter auch Alicia Baier, von den "Medical Students For Choice". Sie beginnt ihre Rede damit, die Genfer Deklaration des Weltärztebundes vorzulesen. Die Deklaration ist Teil der Berufsordnung aller Ärzte in Deutschland

Darin heißt es:

"Als Mitglied der ärztlichen Professiongelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.
Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten werden mein oberstes Anliegen sein. Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren."

Bild

Alicia Baier von den "Medical Students For Choice". Bild: felix huesmann/watson

"Wie aber sollen wir einhalten können, was wir hier versprechen", fragt die Ärztin.

"Wie sollen wir unsere Patientinnen vernünftig zu Schwangerschaftsabbrüchen aufklären, ohne von christlichen FundamentalistInnen angezeigt zu werden?"

Tatsächlich haben es sich selbsternannte christliche "Lebensschützer" zur Aufgabe gemacht, Ärztinnen wie Kristina Hänel anzuzeigen. Über einen dieser Anzeige-freudigen Abtreibungsgegner hatte das Portal BuzzFeed News intensiv berichtet. Das Werbeverbot hindere sie daran, Patientinnen überhaupt mitzuteilen, dass sie ihre Ansprechpartnerinnen sind, sagt Alicia Baier.

Bild

"My pussy, my choice." Bild: felix huesmann/watson

Baiers Kritik zielt nicht nur auf den Paragraphen 219a: Schon im Studium werde keine gute Ausbildung zum Thema Schwangerschaftsabbruch garantiert. Die "Auswüchse der Anti-Choice-Bewegung" reichten bis in die Universitäten hinein. 

An der Berliner Uniklinik Charité etwa sind Schwangerschaftsabbrüche kein Teil des Medizinstudiums. Studierende, die trotzdem lernen wollen, wie eine Abtreibung funktioniert, üben den chirurgischen Eingriff in freiwilligen Arbeitsgruppen. Das Übungs-Objekt: Papayas. Organisiert werden diese Workshops von Alice Baiers Gruppe "Medical Students For Choice"

papaya with a slice isolated on white background

Für Alicia Baier ist diese Frucht ein Symbol für einen gesellschaftlichen Missstand.  Bild: iStockphoto/getty images

Sie findet: Schwangerschaftsabbrüche gehören für angehende Frauenärzte genauso auf den Lehrplan, wie Ultraschallbilder oder Kaiserschnitte. Stattdessen sei die Papaya in Deutschland zu einem Symbol "für den Kampf um einen sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen geworden". Das klingt in der Tat nach einem absurden Zustand.

watson-Redakteurin Gunda Windmüller sagt: Ich möchte das Wort Vulvalippen etablieren!

abspielen

Video: watson/Gunda Windmüller, Lia Haubner

Der Streit um den Paragraphen 219a:

4 Ansagen von Familienministerin Giffey, die die Diskussion um §219a nach vorne bringen

Link zum Artikel

Werbeverbot für Abtreibungen – Spahn will doch über Paragraf 219a reden

Link zum Artikel

Warum das Informationsverbot für Abtreibungen keinen Sinn ergibt

Link zum Artikel

5 Lügen, die Abtreibungsgegner im Netz verbreiten

Link zum Artikel

Das könnte dich auch interessieren:

Warum Frauen an der Gitarre unterschätzt werden – Spoiler: Es hat mit Männern zu tun

Link zum Artikel

"Halt die Fresse, du erbärmliche Frau": Flugzeug-Crew droht 22-Jähriger mit Rausschmiss

Link zum Artikel

Zyklon "Idai": Zahl der Toten in Simbabwe auf 70 gestiegen

Link zum Artikel

Klimaschützerin Luise Neubauer: Anführerin einer wachsenden Bewegung

Link zum Artikel

19 Bilder, die dir zeigen: Es ist nicht alles, wie es scheint

Link zum Artikel

Tesla enthüllt das Model Y – so sieht es aus, und so viel kostet es

Link zum Artikel

Umstrittene Netflix-Doku zum Fall "Maddie" sorgt für Aufregung

Link zum Artikel

"Schulschwänzen nicht heilig sprechen" – Lindner schießt wieder gegen #FridaysForFuture

Link zum Artikel

Wie peinlich kann ein Sex-Date sein? Ja, lest mal dieses Jodlers Reim!

Link zum Artikel

Optische Täuschung: Künstlerin verschwindet dank Make-up in ihrer Umgebung

Link zum Artikel

Greta Thunberg in Schweden "Frau des Jahres"

Link zum Artikel

Katarina Barley: "Rabenmutter gibt's nur auf Deutsch"

Link zum Artikel

"Frauen der Mauer" von strengreligiösen Juden in Jerusalem bespuckt und beschimpft

Link zum Artikel

Wir waren mit Deutschlands bester Skaterin unterwegs. Sie ist 11 Jahre alt.

Link zum Artikel

9 Stars, denen völlig egal war, was Männer und Frauen tragen "sollten"

Link zum Artikel

In diesen Ländern haben die Frauen das Sagen (es sind immer noch zu wenige)

Link zum Artikel

Einen Tampon einzuführen erregt uns nicht und 32 weitere Wahrheiten über Frauen

Link zum Artikel

Der Tod des Patriarchats! Daenerys auf den Thron #TeamDaenerys

Link zum Artikel

"Pink Tax" für Frauen: Gleiches Produkt, gleicher Inhalt, aber teurer

Link zum Artikel

Ich habe mich mit Mama & Oma über Emanzipation unterhalten – es lief anders, als erwartet

Link zum Artikel

watson wird zur Frau! Ja, du hast richtig gelesen

Link zum Artikel

Virgin Atlantic hebt Make-up-Vorgaben auf – aber wieso gibt es die überhaupt noch?

Link zum Artikel

Sie hat alle überlebt, alleine dafür gebührt ihr der Thron #TeamSansa

Link zum Artikel

Chinesische "Harry Potter"-Fans reisten nach Sydney – sie dachten, dass dort Hogwarts sei

Link zum Artikel

#VansChallenge – Warum jetzt überall Sneaker durch die Luft fliegen

Link zum Artikel

Trumps Twitter-Feed ist verrückt? Dann schau dir mal den von Brasiliens Präsidenten an

Link zum Artikel

Die beliebtesten Länder-Slogans – erkennt ihr den Spruch eures Bundeslandes?

Link zum Artikel

Trump nennt den Apple-CEO "Tim Apple" – und die Reaktionen sind großartig

Link zum Artikel

Der Hundewurf von Straubing – und was die AfD daraus macht

Link zum Artikel

Diese Russin ist ein Insta-Star – weil sie ihr Wald-Leben inszeniert wie eine Stadt-Ikone

Link zum Artikel

So romantisch wie Fußnägelschneiden – Erster Heiratsantrag bei Jauch via Telefonjoker

Link zum Artikel

Wenn die Sonne stirbt, ist das wie ein leiser Pups

Link zum Artikel

Zitterpartie Brexit – Geht Mays Strategie schief? Und 5 weitere Fragen

Link zum Artikel

Die Oscars werden zum Queengasmus – unser Protokoll der Nacht

Link zum Artikel

Forscher stehen vor Rätsel: Was macht ein toter Wal im Dschungel?

Link zum Artikel

Darf er das? Chelsea-Torwart verweigert Auswechslung – sein Trainer tobt

Link zum Artikel

Es ist so warm in Deutschland, dass auch schon die Mücken unterwegs sind

Link zum Artikel

Grimassen und getretene Kleider – 13 Dinge, die du in der Oscar-Nacht verpasst hast

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Kramp-Karrenbauer hat nicht einfach einen Witz gemacht – sie denkt wirklich so

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer steht nach ihrer "Comedy-Einlage" beim Stockacher Narrengericht in der Kritik. Sie befördere LGBTI-feindliche Stimmungen, sagen die einen. Sie habe nur einen Witz gemacht und werde nun zum Opfer einer Empörungskultur, meinen andere.

Kramp-Karrenbauers Auftritt ist jedoch mehr als ein dumpfer Fastnachts-Gag. Denn mehrere Äußerungen aus den vergangenen Jahren zeigen: Die CDU-Chefin denkt wirklich so.

AKK handelt sich nicht zum ersten Mal einen …

Artikel lesen
Link zum Artikel