Deutschland

65.000 reisen friedlich ab und von Storch pöbelt – so endete #wirsindmehr

felix huesmann, marius notter, yasmin polat, timo stein

Gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt haben gut 65.000 Menschen am Montag bei einem Konzert in Chemnitz friedlich protestiert. Bands wie die Toten Hosen, Kraftklub, Materia oder Feine Sahne Fischfilet spielten unter dem Motto "#wirsindmehr" gratis in der drittgrößten sächsischen Stadt.

Nach dem Konzert blieb es ruhig. Die Zuschauer verließen nach Polizeiangaben friedlich und störungsfrei das Gelände. Auch die Nacht zu Dienstag sei ruhig gewesen, ohne Straftaten im Zusammenhang mit dem Konzert, teilte ein Sprecher der Polizei am frühen Morgen mit.

Die Veranstaltung war eine Reaktion auf den gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Deutschen vor gut einer Woche sowie die folgende Vereinnahmung der Bluttat durch rechtspopulistische Kräfte wie Pro Chemnitz beziehungsweise AfD und Pegida.

Doch nach dem umjubelten Konzert steht für Chemnitz und Sachsen wieder der Alltag im Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit und rechtsextreme Gewalt an.

Wie geht es nun weiter?

Landes-Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) will am Dienstag eine Streitschrift vorlegen, in der sie eine gesamtdeutsche Aufarbeitung der Nachwendezeit fordert. Köpping sieht in unbewältigten Ungerechtigkeiten und Lebensbrüchen nach der Wende eine der Ursachen für die Wut und Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher.

Der aus Thüringen stammende Fraktionsgeschäftsführer der SPD im Bundestag, Carsten Schneider, warnte davor, in Kürze wieder zur Tagesordnung überzugehen. "Die Situation in Ostdeutschland ist fragil. Die Demokratie dort ist nicht so gefestigt, die politische Mitte nicht so stark. Ich bin sehr besorgt", sagte er am Montagabend in der Phoenix-Fernsehsendung "Unter den Linden".

Der sächsische Landtag will Hintergründe und Folgen der Vorfälle aufarbeiten, die seit dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen bundesweit für Erschrecken sorgen. Dazu hat Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) für Mittwoch eine Regierungserklärung angekündigt.

Nach dem Konzert wandte sich AfD-Fraktionsvize Beatrix von Storch auf Twitter an die Besucher und schrieb: "Ihr seid nicht mehr. Ihr seid Merkels Untertanen, ihr seid abscheulich – und ihr tanzt auf Gräbern." Dieser Tweet wiederum löste im Netz zahlreiche empörte Reaktionen aus.

Die Gesichter zum Konzert:

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Video: watson/Felix Huesmann, Marius Notter, Lia Haubner

Auch am Abend des Konzerts war die Lage rund um die Bühne weitgehend störungsfrei, wie eine Polizeisprecherin sagte. Die Polizei in Chemnitz wurde nach den Angaben aus sechs Bundesländern und der Bundespolizei unterstützt. Eine genaue Anzahl der eingesetzten Beamten nannte sie nicht.

Mit dem Konzert wollten die beteiligten Musiker ein lautes Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen. "Wir sind nicht naiv. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet", sagte Kraftklub-Sänger Felix Brummer, der aus Chemnitz stammt, vor Beginn des Open Airs. "Aber manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist."

A person holds a banner reading:

Bild: Hannibal hanschke/reuters

Hier noch mal der Überblick:

In Chemnitz war es zuvor tagelang zu Demonstrationen von Rechtsgerichteten, Neonazis und Gegnern der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung sowie zu Gegenprotesten gekommen. Anlass war, dass ein Deutscher erstochen worden war, mutmaßlich von einem Iraker und einem Syrer, die inzwischen in Untersuchungshaft sitzen. Der gemeinsame Demonstrationszug von AfD und Pegida am Samstag gibt der Debatte über eine Beobachtung der Partei durch den Verfassungsschutz neue Nahrung. Davon unabhängig nehmen der niedersächsische und der Bremer Verfassungsschutz jetzt den AfD-Nachwuchs ins Visier. Im Zusammenhang mit den Protesten und Demonstrationen in Chemnitz gibt es bisher 51 Ermittlungsverfahren. Meist sind die Täter unbekannt, wie ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Dresden mitteilte.

Der Tag zum Nachlesen im watson-Liveticker:

Ticker: Chemnitz am Montag

#wirsindmehr – die Bilder des Konzertes

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Der Bundespräsident kuschelt nicht mit Linksextremen, er stellt sich gegen Nazis!

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