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Drohungen und Schutzweste: Enno Lenze berichtet davon, wie er mit Morddrohungen umgeht. Im Bild trägt er eine Unterziehweste (Schutzklasse 1) gegen 9mm-Projektile und mit Stichschutz-Platten Quelle: ennolenze.de

Journalist Enno Lenze erklärt: So lebt es sich mit 581 Morddrohungen

Lars Wienand

Todesdrohungen von Nazis, türkischen Nationalisten und Islamisten: Der Berliner Journalist, Verleger, Museumsdirektor und Aktivist Enno Lenze lebt seit Jahren damit. Offen redet er über das Leben als Zielscheibe.

Er führt Buch: 581 Todesdrohungen hat Enno Lenze bisher erhalten. t-online-Redakteur Lars Wienand hat aufgezeichnet, was der Berliner zu berichten hat über Angst, über Schutz, die Reaktionen der Polizei und über Konsequenzen.

Bei der ersten Morddrohung habe ich mich gefragt, ob ich sie einfach löschen, lachen oder weinen soll. Von einem verschleierten E-Mail-Konto über einen anonymen Weiterleitungsdienst drohte jemand, mich am nächsten Tag zu einer bestimmten Zeit "bei der Arbeit" zu töten.

Ich weiß gar nicht, ob derjenige überhaupt wusste, wo ich arbeite. Es ist nichts passiert. Wie bei inzwischen 581 Morddrohungen. Meine Lebensweise regt verschiedene Leute in verschiedenen Ländern auf verschiedene Art auf. Das macht es etwas kompliziert.

Seit 2012 alle Fälle dokumentiert

2004 hatte ich eine digitale Strichliste begonnen und habe dann 2012 bei 200 Fällen mit Screenshots und ordentlicher Archivierung angefangen. In dem Ordner mit den Screenshots sind inzwischen 381. Dabei sind Unterordner, in denen Korrespondenzen mit der Polizei liegen, dazu Screenshots von den Drohungen, PDFs von Onlineanzeigen.

Sobald etwas justiziabel wird, gebe ich es an die Polizei. "Ich bringe dich um", "du bist bald fällig" sowieso, aber auch Beleidigungen ab "du dummes Arschloch". Darüber hatte ich lange nachgedacht, denke mir aber inzwischen: Warum sollte ich irgendetwas davon tolerieren? Ich will so nicht behandelt werden. Einen Teil des Krams veröffentliche ich regelmäßig zur Belustigung meines Umfeldes.

80 Prozent der Morddrohungen von Nazis

Die Morddrohungen kommen zu etwa 80 Prozent von deutschen Nationalisten, vielleicht zu 15 Prozent von türkischen Nationalisten und zu 5 Prozent von IS-Fans. Ich stehe immer und überall dazu, dass ich rassistisches Pack hasse, Antisemiten und allgemein diskriminierende Menschen. Dazu ist es für manche Menschen eine Provokation, dass ich auch auf Events wie dem Christopher Street Day rumspringe. Es geht schnell, Leute gegen sich aufzubringen, die eine sehr eingeschränkte Sicht auf die Welt haben.

Ich betreibe die Dokumentation "Hitler – wie konnte es geschehen" im Berlin Story Bunker und habe dafür einmal mehrere Hundert Beleidigungen und Diffamierungen in wenigen Tagen bekommen. Für eine Installation habe ich eine Hitler-Büste mit einem Hammer zertrümmert. In der Dokumentation erklären wir "das Pack" im Detail und wir geben den Opfern – auch auf Bildern – viel Raum.

Video löste größte Welle aus

Die größte Welle kam aber, nachdem ich ein Video gepostet hatte: "'Ich bin ja kein Nazi, aber …' – doch, bist du!". Das Video hatte mehrere Tausend Kommentare, durch die ich bis heute nicht komplett durch bin. Hunderte sind bereits gelöscht.

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Provokation für Rechtsextreme: Lenze betreibt den Berlin Story Bunker und hat dort auch die Dokumentation "Hitler – wie konnte es geschehen" konzipiert. Quelle: ennolenze.de

Doch bei mir landen nicht nur Reaktionen wütender und heulender Neonazis. Ich war auch als Kriegsberichterstatter im Irak und habe die Armee in der Autonomen Region Kurdistan im Kampf gegen den IS begleitet. Damit bringe ich Fans des IS und türkische Nationalisten gegen mich auf, die schon beim Begriff "Kurdistan" das Gehirn abschalten und Schaum vor dem Mund bekommen. Die Region heißt laut irakischer Verfassung so.

Aktuell haben sich Drohungen wieder auf ein normales Niveau eingependelt. Ein Blogbeitrag zum Thema und dieser Text sind jetzt vielleicht wieder ein Stich ins Wespennest. Es hat aber einen Grund, dass ich trotzdem an die Öffentlichkeit gehe.

Mir sagen andere Leute, dass sie aus Angst vor Drohungen keine Stellung beziehen oder politisches Engagement eingestellt haben. Sie trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Nachdem ich aber Drohungen veröffentlicht habe, fingen auch prominentere Personen an, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Das lenkt mehr Aufmerksamkeit auf dieses Thema.

Noch kein gezielter Tötungsversuch

Um diese Aufmerksamkeit zu schaffen, berichte ich, wie es sich damit lebt. Und deshalb gebe ich die Zahl an. Wenn ich fast 600 haltlose Drohungen überlebt habe, dann nimmt das anderen vielleicht etwas die Angst, wenn sie eine bekommen.

Es hat noch niemand versucht, gezielt mich zu töten. Die psychische Hürde eines normalen Menschen, einen anderen Menschen zu verletzen, ist auch sehr hoch. Und der IS hatte es sicher nicht exklusiv auf mich abgesehen. Die schießen halt auf alle Leute, die auf der anderen Seite ihrer Grenze stehen.

Bei dem Thema Morddrohungen und Umgang damit gibt es auch Unwissen und abstruse Ängste. Leute fürchten eine "Gegenanzeige"; es hält sich der Mythos, dass der Täter das Opfer verklagen kann, wenn das Opfer den Täter anzeigt. Das ist bizarr, aber ich werde mehrmals im Monat gefragt, ob mir das schon passiert ist. Natürlich nicht.

Trainiert im Umgang mit Waffen

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Freizeit in irakischen Kurdengebieten an der Front zum IS: Seine Erlebnisse und seine Motivation beschreibt Enno Lenze im Buch "Fronturlaub" Quelle: ennolenze.de

Die Wellen mit Drohungen scheinen auch schwächer zu werden. Ein LKA-Beamter hat mir von Diskussionen in überwachten Foren berichtet: Da wird diskutiert, dass ich Leute anzeige oder bewaffnet bin. Der Ruf eilt mir voraus – damit habe ich wohl schon halb gewonnen.

Waffen spielen für mich aber keine so große Rolle. Ich kann mit Hieb-, Stoß- und Schusswaffen diverser Größen umgehen und bin Sportschütze. Ich hantiere aber nur auf dem Schießstand mit Schusswaffen. Um eine solche Waffe permanent zu führen, braucht man einen Waffenschein.

Den erhält man in Deutschland aus guten Gründen extrem selten. Es gibt andere Wege, sich zu schützen. Waffen und Ausrüstung an sich zu haben, bringt auch Probleme mit sich: Man muss das alles dabei haben, und man gewöhnt sich daran, dass sie einem Schutz bieten und kann sich ohne nicht mehr verteidigen.

Man kann einen Bogen um eine entgegenkommende Horde Alkoholisierter machen. Aber riskante Situationen ganz zu vermeiden, das klappt bei mir nicht gut. Ich bin regelmäßig etwa am Rande von Neonazi-Demos, um zu sehen, wie sich die Szene entwickelt.

Von der Polizei kamen bisher nie irgendwelche Versuche, mir solche Termine oder Beiträge in sozialen Netzwerken auszureden, mich irgendwie auszubremsen. Die Gespräche sind immer sehr professionell, es gibt auch keine Andeutungen, ich sei selbst schuld.

Polizei reagiert binnen Stunden

Wenn ich Vorträge über den IS, Hitler oder Social Media halte, drohen immer wieder Leute, mich dort umzubringen. Man gewöhnt sich daran. In solchen Fällen gewährt die jeweilige Polizei Schutz, manchmal je nach Gefahrenlage auch bei der An- und Abreise. Meist passiert das in Uniform, damit zu sehen ist, dass man die Sache ernst nimmt und die Polizei präsent ist.

Nach Drohungen reagiert die Polizei normalerweise binnen Stunden und stuft sie dann in verschiedene Gefahrenstufen ein. Wie es dann weitergeht, bekomme ich nur zum Teil mit. Ich weiß aber, dass Urheber oftmals gefunden werden. Sie sind überrascht, dass sie doch ermittelt werden, müssen bei der Polizei erscheinen, ihr Verhalten erklären und eine Begründung dafür finden. Die Ausreden sind teilweise hanebüchen.

Was mehr Eindruck als eine Geldstrafe macht? Wenn das Umfeld etwas mitbekommt. In einem Fall war ein Firmenwagen auf einem der Facebook-Fotos des Einsenders zu sehen. Die Polizei lief dann im Büro auf.

Sammelsurium an schusssicherer Kleidung

Bei meinen Absprachen mit der Polizei geht es darum, ob ein Schutz notwendig ist, oder nicht. In der Regel habe ich auch "nur" mit den Beamten vor Ort zu tun, die zum Beispiel die Veranstaltung schützen und die noch mal nachfragen, wie es bisher lief oder mit mir den Veranstaltungsort abgehen.

Ich habe inzwischen auch ein Sammelsurium von schusssicheren und stichsicheren Westen, Shirts und Ähnlichem, insgesamt eine breite Auswahl an Gegenständen für den persönlichen Schutz. Aber im Alltag ist vieles davon unpraktisch. Man müsste vorher relativ genau wissen, was kommt: Messer? Pistole? Eher auf den Torso, die Extremitäten oder den Kopf?

Und schon eine dünne Weste der Schutzklasse 1, die gegen Pistolenschüsse schützt, ist so komfortabel wie ein dicker Pulli aus Plastik. Du schwitzt dich bereits bei Zimmertemperatur fast tot. Ich habe auch einen Hersteller gefunden, der mir Stichschutzplatten aus Titan auf Maß in normale Hemden näht, weil die meiste Schutzkleidung nicht vor Stichen schützt. Aber da kommt man sich vor wie der Terminator.

Deshalb setze ich auch auf viel Sport und Kampfkunsttraining. Angefangen hatte ich damit, nachdem ich ohne Vorwarnung in der S-Bahn von zwei Angetrunkenen angegriffen wurde. Mein Glück war, dass sie durch den Alkohol eingeschränkt waren, ich konnte sie überwältigen.

Unterwegs mit privatem Personenschützer

Kampfkunsttraining muss man sich nicht vorstellen wie Kampfsport nach festgelegten Regeln. Dafür geht es neben dem direkten Kampf auch um effizientes Entwaffnen eines Gegners. Ich habe das Glück, Linir Mizrahi als Personal Trainer, und Shooting Instructor zu haben, er stellt auch regelmäßig Personen- und Objektschutz.

Privaten Personenschutz muss ich natürlich selbst zahlen, wenn ich ihn ab und an in Anspruch nehme. Das kann ich, weil ich den Verlag führe und Unternehmen bei Social Media und vor dem Einsatz von Mitarbeitern in Krisengebiete berate.

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Als Kriegsberichterstatter an der Front zum IS: Lenze berät inzwischen auch Unternehmen, die normale Mitarbeiter in Krisengebiete schicken. Quelle: ennolenze.de

Während ich in Deutschland akut bedroht werde und es nicht knallt, ist das in der autonomen Region Kurdistan im Irak umgekehrt gewesen. Ich habe dort viel Zeit verbracht, mir die Ausbildung von Antiterroreinheiten angesehen und Flüchtlingscamps besucht.

Flüchtlingscamps besucht. Der IS dort hat ein recht einfaches Verhältnis zu Journalisten: Sie sind Zielscheiben. Natürlich kann man sich mit neutraler Kleidung tarnen, nicht auffallen, den Standort wechseln – aber am Ende hilft es alles nichts.

Mehrmals hat der IS mich mit Maschinengewehren oder Granaten beschossen. Man lernt, Ruhe zu bewahren, wenn der Rest um einen ruhig bleibt. Der Personenschützer Kawa Prüfer, ein Peschmerga, der mir auch in Deutschland zur Seite steht, hat an der Front oft erst seinen Tee fertig getrunken, bevor er zum Sturmgewehr gegriffen hat. "Die sind weit weg, die wollen nur nerven!".

Das färbt ab. Man geht zwar in Deckung, lässt sich aber sonst nicht verrückt machen. So lebe ich auch in Deutschland: Aufmerksam, ich achte mehr auf mein Umfeld. Aber ich mache mich nicht verrückt. Alles andere nutzt auch nichts.

Dieser Artikel erschien zuerst auf t-online.de

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