Deutschland

Warum sollen Ferkel noch bis 2021 betäubungslos kastriert werden? Und 3 weitere Fragen

In Deutschland werden Millionen Ferkel wenige Tage nach der Geburt ohne Betäubung kastriert. Diese traditionelle Methode soll vermeiden, dass Fleisch von Ebern einen strengen Geruch und Beigeschmack bekommt.

Wie kommt es zu der Debatte?

Weil die Große Koalition aus CDU, CSU und SPD sich den Wünschen aus Landwirtschaft und Fleischindustrie gebeugt hat und das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration verschieben will. 

Welche Forderungen gab es?

Der Bauernverband hatte auch angesichts der generell schwierigen wirtschaftlichen Lage vieler Schweinehalter dringend für eine Verschiebung geworben und darauf verwiesen, dass es keine Alternativverfahren gebe. Das Verbot ab 2019 war bereits mit der Reform des Tierschutzgesetzes 2013 beschlossen worden. Tierschützer forderten, es beim geplanten Verbotsdatum zu belassen, um Ferkelqual nicht zu verlängern. 

Im Bundesrat hatten Initiativen, die bisherige Praxis noch bis Ende 2020 oder sogar Ende 2023 zu ermöglichen, kürzlich keine Mehrheit gefunden. Aus der Union wurden daraufhin Rufe laut, im Bundestag einen weiteren Anlauf für eine Verschiebung des Verbots zu nehmen.

Wie sind die Reaktionen aus Politik und Wirtschaft?

Das Bundesagrarministerium von CDU-Ministerin Julia Klöckner begrüßte Anfang Oktober die verlängerte Übergangsfrist. "Ferkelproduktion soll auch künftig in Deutschland möglich bleiben (...). Ohne eine Fristverlängerung würden die Sauenhalter in Deutschland aber Wettbewerbsnachteilen gegenüber ausländischen Wettbewerbern ausgesetzt sein", teilte das Ministerium mit.

Ist die Frist für ein Verbot der (betäubungslosen) Ferkel-Kastration ab 2021 zu spät?

Während die Fristverlängerung bei Tierschützern und Grünen auf starke Kritik stieß, zeigten sich Vertreter der Landwirte und der Fleischbranche erleichtert. "Die geplante Fristverlängerung bedeutet für unsere Mitgliedsunternehmen und die gesamte Fleischwirtschaft in Deutschland, dass die Wettbewerbsfähigkeit mit anderen EU-Ländern gewahrt bleibt, wenn auch nur vorerst", sagte der Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes, Franz-Josef Holzenkamp.

Auch die Verbraucherschutzminister von Baden-Württemberg und Niedersachsen, Peter Hauk und Barbara Otte-Kinast (beide CDU), begrüßten eine längere Übergangsfrist. Damit werde Zeit gewonnen, an Alternativen zur betäubungslosen Kastration zu arbeiten, sagte Hauk. Auch Otte-Kinast forderte die Branche dazu auf, die Zeit zu nutzen, um tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Agrarministerin Klöckner, CDU, in der Natur

Bundeslandwirtschaftsministern Julia Kloeckner (CDU) macht sich ein Bild von Trockenheitsschaeden in einem Waldgebiet. Guestrow, 06.09.2018. Guestrow Deutschland *** Federal Minister of Agriculture Julia Kloeckner CDU gets a picture of aridity in a forest area Guestrow 06 09 2018 Guestrow Germany PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xBMEL/XanderxHeinl/photothekx

Bild: imago stock&people

Die Landwirte im Land sehen noch keine Alternative zur umstrittenen betäubungslosen Ferkelkastration. "Es gibt noch zu viele offene Fragen bei den Alternativen", sagte Marco Eberle, Fachreferent des Landesbauernverbands im Vorfeld des Bauerntags auf dem Landwirtschaftlichen Hauptfest am Donnerstag. "Nach dem jetzigen Stand ist das Verbot nicht umsetzbar." 

Was sagen die Tierschützer und Tierärzte?

"Es ist ein schmutziger Deal. Der minimalste Tierschutz, den Ferkeln eine Betäubung zu gewähren, wird für den CSU-Wahlkampf in Bayern geopfert", kritisierte hingegen der Sprecher für Agrarpolitik der Grünen im Bundestag, Friedrich Ostendorff, als der Plan der Fristverlängerung Anfang Oktober bekannt wurde. "Was der Koalitionsausschuss beschlossen hat, ist Verrat an den Ferkeln und Verrat am Staatsziel Tierschutz und wurde offenbar wie auf einem Basar in die Pokerrunden um Diesel und Zuwanderung eingepreist", sagte der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder.

Der Präsident des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte, Siegfried Moder, mahnte, Tierärzte und Landwirte bräuchten dringend Klarheit. Übrig bleibe allein die Impfung gegen Ebergeruch mit dem Impfstoff Improvac. Dieses Verfahren scheitere derzeit vor allem daran, dass der Lebensmitteleinzelhandel keine klaren und einheitlichen Aussagen zur Abnahme von damit geimpftem Schweinefleisch treffe: "Die Zeit drängt. Deshalb sind die gemeinsamen Beratungen im Rahmen eines Nationalen Improvac-Gipfels aus unserer Sicht dringend erforderlich."

(pbl/pb//dpa)

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