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Cornelia Fuchs und Sebastian Eder: Die Journalisten recherchierten in dem Vermisstenfall Madeleine McCann. Bild: screenshot zdf

Journalistin nach Gespräch mit Familie McCann: "Das war der Fehler ihres Lebens"

Neben dem Missbrauchsfall in Münster haben der Tod von George Floyd und auch die neuesten Erkenntnisse rund um Madeleine McCann für großes Aufsehen gesorgt. Beide Themen standen am Mittwochabend in der Sendung "Markus Lanz" im Mittelpunkt. Zum einen wurde über die Trauerzeremonie gesprochen, bei der Angehörige, Freunde und Politiker Abschied von dem durch Polizeigewalt getöteten Afroamerikaners nahmen.

Auch der Fall Madeleine sorgte in der Talkshow für viele Emotionen. Vor einer Woche gab das Bundeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft Braunschweig bekannt, dass der wegen anderer Delikte inhaftierte 43-Jährige in dem Fall unter Mordverdacht steht. Zeitgleich hatte es in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" einen Zeugenaufruf gegeben. Vor 13 Jahren verschwand die damals Dreijährige.

Mit Markus Lanz sprachen ZDF-USA-Korrespondent Elmar Theveßen, "FAZ"-Redakteur Sebastian Eder, "Stern"-Redakteurin Cornelia Fuchs und Schauspieler Hannes Jaenicke. Dabei trugen sie ihre Kenntnisse über die aktuellen Entwicklungen zusammen.

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Die Gäste: Elmar Theveßen wurde aus Washington zugeschaltet. Bild: screenshot zdf

ZDF-Reporter berichtet über die Lage aus den USA

Bevor es um den Vermisstenfall Madeleine McCann ging, wurde zunächst USA-Korrespondent Elmar Theveßen vom aus Washington zugeschaltet, der über den Abschied von George Floyd berichtete: "Das war eine sehr ergreifende Trauerfeier. Die Familie fühlte sich aufgehoben, die ganze Nation konnte daran teilnehmen. Es waren 500 Menschen da. Seine Nichte hat eine sehr kämpferische Rede gehalten." Die Frage würde bleiben, wann Amerika mit Blick auf die Zahlen jemals großartig war. Der Journalist erklärte:

"Jedes Jahr sterben 1.000 Menschen durch die Hand der Polizei. Wir wissen durch eine Umfrage, dass 74 Prozent der Amerikaner die Protestbewegung unterstützen."

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Elmar Theveßen: Der Journalist befand sich vor dem Weißen Haus in Washington. Bild: screenshot zdf

Die Demonstranten würden Reformen stärker denn je fordern. "Die Polizei soll sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren und nicht für jede Kleinigkeit gerufen werden. Manche sprechen auch von neuen Polizeibehörden. Es gilt eine Rechenschaftspflicht", sagte Theveßen. Die letzten Tage zeigten, dass es eine viel breitere Bewegung geworden sei. Es gebe nun viele Polizeichefs, denen es wichtig wäre zu sagen, dass sie sich selbst reformieren müssen. "Die Polizeigewerkschaften sind diejenigen, die das oft verhindert haben und Verstöße geheimgehalten wurden", mahnte der Journalist an.

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Hannes Jaenicke: Der Schauspieler besitzt den amerikanischen Pass. Bild: screenshot zdf

Sollte Donald Trump nicht wiedergewählt werden, würde Joe Biden unter Druck stehen. Er müsse große Reformen liefern. "Wenn nicht, dann haben wir in vier Jahren eine Situation, die sich noch massiver in Wahlergebnissen niederschlägt", prophezeite der USA-Korrespondent. Schauspieler Hannes Jaenicke, der einen amerikanischen Pass besitzt, stellte dazu fest:

"Das Land ist noch nie so gespalten wie jetzt. Ich war 1968 drüben, als Martin Luther King erschossen wurde. Ich habe mein Leben lang damit zu tun. Das passiert nicht zum ersten Mal. Trump ist ein Spalter, es ist eine Tragödie, was passiert. Es kann alles nur besser werden."

Das steckt hinter dem Auftritt der McCanns

Nach der Einschätzung der aktuellen Lage ging Lanz zum nächsten Punkt über: der Vermisstenfall von Madeleine McCann. 2007 verschwand sie aus einer Ferienanlage in Praia da Luz in Portugal. Nachdem portugiesische Behörden die Ermittlungen eingestellt hatten, übernahm Scotland Yard 2011 die Suche erneut. Lanz zeichnete mithilfe von Videoaufnahmen den Tag des Verschwindens nach.

Er spricht von einem Verbrechen, das die Menschen weltweit bewegt habe. Die Eltern geraten später selbst unter Verdacht und werden somit von Opfern zu Tätern. Mittlerweile gibt es Hinweise zu einem Verdächtigen aus Deutschland, der sich in der Nähe der Anlage aufgehalten habe.

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Cornelia Fuchs: Die Journalistin hat mit den Eltern von Madeleine persönlich gesprochen. Bild: screenshot zdf

"Stern"-Redakteurin Cornelia Fuchs war damals ehemalige England-Korrespondentin. "Ich bin am nächsten Tag mit dem Fall in Berührung kommen", sagte sie. Die erste Meldung erschien, dass ein dreijähriges Kind verschwunden sei. Lanz gab den Hinweis, dass das Kind eigentlich nie Maddie genannt wurde. Unter diesem Namen wurde sie mit einem Schlag auf der ganzen Welt bekannt. "Dieser Name war eine Erfindung der Boulevard-Medien", so Fuchs.

Die Eltern hätten die Öffentlichkeit systematisch gesucht, meinte Lanz. Der Grund dafür sei laut der Journalistin folgender gewesen:

"Die Polizei durfte nicht mit Journalisten sprechen. Sie haben den Rat bekommen, sich an die Presse zu wenden. Sie hatten von Anfang an eine sehr professionelle PR-Strategie. Das Außenministerium hat einen Mitarbeiter runtergeschickt. Er war vorher Journalist bei der BBC. Der hat dann selbst entschieden, dass er seinen Job vom Außenministerium aufgibt."

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Markus Lanz: Der Moderator schilderte seine Eindrücke von den Eltern der verschwundenen Madeleine. Bild: screenshot zdf

Kate und Gary McCann haben sich vor der Kamera anders verhalten, als man erwarten würde. Lanz schilderte seinen Eindruck so: "Diese Eltern wirkten von Anfang an abgeklärt und unglaublich stark." Fuchs stimmte zu und bekräftigte seine Aussage: "Unglaublich gefasst, fasst schauspielernd. Man muss wissen, dass sie diese Auftritte manchmal zwei Tage geübt haben. Die Psychologen haben gesagt, sie dürfen ihre Gefühle nicht zeigen." Und weiter:

"Dann hat sich Kate McCann mit Helfern und ihrem Mann hingesetzt und geschaut, ob sie zwei oder drei Sätze schafft. Es war eine Art von Perfektionismus."

Die wilden Spekulationen rund um die Eltern

Damals hätte es zahlreiche Beschimpfungen gegeben, Briefe seien an ihren Wohnort übermittelt worden. Immer wieder hätte sich die Kritik daran aufgehängt, dass die Eltern ihre Kinder allein gelassen haben. Dennoch dürfe nicht vergessen werden, dass sich das Restaurant, in dem sich die Eltern mit weiteren Freunden aufhielten, auf dem Gelände befand.

Fuchs erklärte den Hintergrund zu der verhängnisvollen Nacht: "Die McCanns haben die Verandatür offengelassen. Gary hat gesagt, dass sein Gefühl gewesen sei, dass sie im Garten wären. Im Rückblick wissen sie: Das war der Fehler ihres Lebens. Sie haben sich nie gedrückt davor, das so zu sagen. Sie hatten kein Babyphone, es gab Probleme mit dem Empfang." Freunde hätten allerdings eins dabei gehabt. Einen Babyservice von der Ferienanlage wollten sie nicht nutzen. "Sie hatten das Gefühl, dass es den Kindern besser geht, wenn sie sich darum kümmern", erklärte Fuchs. Die beiden waren nur 80 Meter von den Kindern entfernt.

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Cornelia Fuchs: Von Anfang an hat sie den Fall beobachtet. Bild: screenshot zdf

Das Schreckliche an dieser Tat schilderte sie folgendermaßen: "Er raubte dieses Kind aus der Situation heraus. Es musste jemand sein, der sich da auskannte und wusste, dass die Verandatür auf war. Die Zwillinge haben lange weiter geschlafen. Die Eltern hatten das Gefühl, dass die Zwillinge sediert worden sind." Dies sei auch ein Gerücht, das überall zu finden war. Sie hatten einen Fiebersaft dabei und das hätten die Portugiesen sehr verdächtig gefunden. Beweise für diese Theorie wurden allerdings nie gefunden.

Immer wieder wurden Vorwürfe gegenüber den McCanns laut

Lanz zeigte einen dramatischen Appell von Madeleines Mutter aus dem Jahr 2007 mit folgenden Worten: "Bitte tun Sie ihr nicht weh. Wir flehen Sie an, Madeleine nach Hause kommen zu lassen." Sein Eindruck darauf war folgender: "Satz für Satz wurde das lange geprobt und einstudiert." Fuchs, die persönlich mit den Eltern gesprochen hatte, erklärte das Verhalten so: "Die McCanns haben mir gesagt, dass sie Bilder im Kopf hatten, die zeigten, was mit ihrem Kind passieren kann. Sie hatten damals schon einen britischen Traumapsychologen vor Ort." Der hätte ihnen gesagt, dass sie nicht vom Schlimmsten ausgehen sollten. Fuchs meinte im Hinblick auf das Gespräch mit den Eltern:

"Solange sie keine Beweise haben, gehen wir davon aus, dass wir sie wiederfinden können. Es ist eine Überlebensstrategie gewesen."

Dies sei auch der Grund, warum sie sich so verhalten hätten. Es gab auch Vorwürfe, dass sie Upper-Class-Eltern seien, die deswegen in der Lage gewesen waren, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Fuchs stellte klar:

"Diese Familie hat keinen privilegierten Hintergrund. Seine Mutter kommt aus einer irischen Einwandererfamilie. Die beiden haben sich wirklich hochgearbeitet. Es sind unglaubliche Zufälle dagewesen. Ein Bruder von Gary lebte in der gleichen Straße wie der damalige Premier Gordon Brown. Er hat sehr früh eine Tochter verloren und war dann für dieses Thema empfänglich."

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Cornelia Fuchs und Sebastian Eder: Die Journalisten haben sich intensiv mit dem Fall befasst. Bild: screenshot zdf

Am Anfang der Ermittlungen wurden viele Fehler gemacht. Das Appartement sei erst Wochen später forensisch untersucht worden, so die Journalistin. Sogar andere Familien wohnten darin, nachdem die McCanns die Anlage verlassen hätten. Viele Beweise konnten dadurch nicht mehr gesichert werden. Später wurde die Mutter sogar als Beschuldigte geführt.

Kate McCann hat mit Fuchs persönlich über diese Zeit gesprochen:

"Das kann man gar nicht verstehen. Sie wurde am Stück elf Stunden befragt. Sie hat mir 2011 erzählt, dass die Polizei sie zum Geständnis drängen wollte. Sie hatte genug und wollte damit abschließen. Gary McCann hat gesagt, dass er bis heute glaubt, dass die Polizei sie nicht verdächtigt haben. Danach sind sie schnell nach Großbritannien gegangen. Der Druck von den Beamten war, dass ihr gesagt wurde, wenn sie nicht gesteht, kann sie auch die anderen Kindern verlieren."

Das ist über den Verdächtigen bekannt

"FAZ"-Redakteur Sebastian Eder recherchiert zu dem Fall und klärte auf, was es nun mit dem Tatverdächtigen aus Deutschland auf sich hat. 2013 waren die McCanns in der Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" zu Gast. Zusammen mit Scotland Yard wurde nach einem Mann gesucht, der gegen 22 Uhr mit einem Kind auf dem Arm gesehen wurde und Richtung Strand gelaufen sei.

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Das Phantombild des mutmaßlichen Täters: Diese wurden bei "Aktenzeichen XY... ungelöst" gezeigt. Bild: screenshot zdf

Eder erklärte: "Das war die erste Spur. Die Ermittler haben gesagt, dass sie ihn jetzt unter Mordverdacht haben. 2013 ist das erste Mal der Name gefallen. Christian B. hätte in einer Bar gesessen und einen Bericht gesehen und gesagt, dass er diese Tat begangen habe. Mit einem Video hätte er noch wegen einer schweren Vergewaltigung geprahlt."

Der Verdächtige sitzt zurzeit eine Strafe von 21 Monaten wegen Drogenhandels ab. Bereits 2011 wurde er vom Amtsgericht Niebüll verurteilt. Man weiß heute, dass er rund eine halbe Stunde mit einem Handy telefoniert hat, was in der Nähe des Tatorts eingeloggt war. "Die Ermittler haben gesagt, er hat das Handy benutzt", sagte Eder. Lanz stellte jedoch fest, dass klare Beweise fehlen würden und es ein Wettlauf mit der Zeit sei.

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Sebastian Eder: Der "FAZ"-Redakteur klärte über den Ermittlungsstand auf. Bild: screenshot zdf

Der unter Mordverdacht Stehende hat bereits zwei Drittel der Strafe abgesessen und einen Antrag auf Entlassung gestellt. Christian B. wurde bereits im Jahr 2005 wegen einer Vergewaltigung einer 72-jährigen Amerikanerin in Praia da Luz verurteilt. Diese sei aber noch nicht rechtskräftig, so Eder. 1994 stand er bereits wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht. "Es war eine Sechsjährige, die er auf einem Spielplatz missbraucht hat", meinte er weiter. Die Frage bleibt, wie nun die Eltern von Madeleine mit diesen neuen Erkenntnissen umgehen.

Fuchs erklärte das so: "Die beiden Eltern haben unterschiedliche Strategien. Gary ist ein pragmatischer Mensch. Er braucht die Aufgabe, die Suche nach der Tochter zu organisieren und ein Netzwerk aufzubauen, mit dem Kinder schneller gesucht werden. Kate hat sich auf die Familie konzentriert. Ihre Zwillinge sind jetzt Teenager. Es war eine große Aufgabe die Kinder zu schützen, eine Lebensaufgabe."

(iger)

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