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Markus Lanz (l.) und Tim Mälzer am Donnerstagabend im ZDF. Auf die Frage des Gastgebers hatte der Gastronom und Koch zunächst keine Antwort parat. Bild: Screenshot ZDF

Tim Mälzer bei "Markus Lanz": "In dem Moment war mein Leben weg"

Vor fast genau zwei Monaten hatte der sonst so coole und immer einen flotten Spruch auf den Lippen habende TV-Koch Tim Mälzer in Markus Lanz' ZDF-Talk tief in seine Seele blicken lassen. Arbeitsminister Hubertus Heil hatte in der Sendung über das fast flächendeckende Inkrafttreten von Kurzarbeit in der Gastronomie gesprochen, woraufhin Mälzer, mit Tränen in den Augen, um Fassung rang. Er bat Lanz um eine Pause, konnte kaum sprechen oder gar registrieren, was der SPD-Politiker ihm und den Gästen da verdeutlichen wollte: Die Corona-Krise bedroht nicht nur akut Arbeitsplätze, es ist auch unwahrscheinlich, dass sich die Situation in absehbarer Zeit bessert.

Am Donnerstagabend trafen Koch und Politiker in der letzten "Lanz"-Ausgabe vor der Sommerpause wieder aufeinander. Mälzer, dem von Gastgeber Lanz noch einmal sein emotionaler Auftritt vom Mai vorgespielt wurde, musste sich noch einmal seine dramatischen Aussagen von einst anhören: "Ich habe null Euro Einnahmen. Ich habe 200 Mitarbeiter, die ich voll bezahlen muss." Seitdem ist viel passiert: Mälzer darf in seiner Hamburger "Bullerei", wenn auch unter Auflagen, wieder Gäste bewirten, der Betrieb in Gastronomie und Bars ist in allen Bundesländern wieder am Anlaufen. Doch die Auswirkungen sind noch immer spürbar.

"Wir haben die Gefahrenmomente auf uns zukommen sehen und schnell gesehen, dass das für die gesamte Branche schwerwiegende Konsequenzen haben wird", erklärte der TV-Koch. Er selbst sei damals in "Schockstarre" gewesen, als er die drastischen Worte von Heil in der Show gehört hätte, dass der Staat angesichts der Krise keinen Arbeitsplatz garantieren könne und dass aufgrund von Corona 98 Prozent der Gastronomie-Beschäftigten in Kurzarbeit seien.

Tim Mälzer wollte vor Corona Kredit aufnehmen

Im Gespräch mit Gastgeber Lanz erzählte Mälzer dann, dass ihn die Pandemie noch härter getroffen hat als ursprünglich angenommen. Denn: Kurz vor dem Lockdown hatte er sich dazu entschlossen, in seiner "Bullerei" eine Kernsanierung zu machen und dafür einen Kredit aufzunehmen. Mit seinem Team hätte er noch gescherzt, wie hoch dieser sein könne und welches wirtschaftliche Risiko man eingehen würde. Das Worst-Case-Szenario, um den Kredit nicht mehr bedienen zu können, sei ein Umsatz von null Euro gewesen, so Mälzer. Für alle unvorstellbar, wenn nicht gar absurd. Und was dann mit dem plötzlichen Lockdown kam, formulierte Mälzer so:

"Wir reden nicht von schlechtem Geschäft. Wir reden von gar keinem Geschäft."

Es sei eine Utopie gewesen, in die sich niemand aus seinem Team hätte reindenken können. Aber es kam genau so, das schlimmste Szenario trat ein: "Null Euro Umsatz."

Lanz sprach daraufhin wieder Tim Mälzers emotionalen Auftritt vom 5. Mai an, seinen "Heulauftritt", wie der Gastronom ihn selbst nannte. "Was hat diese Sprachlosigkeit bei dir ausgelöst?", wollte der ZDF-Talker wissen.

Mälzer erklärt Heulauftritt bei Lanz: "In dem Moment war mein Leben weg"

Und Mälzer trat nicht nach, sondern nutzte die Gelegenheit, um sich beim zugeschalteten Hubertus Heil (und auch beim damals anwesenden Karl Lauterbach) zu bedanken:

"Am Ende des Tages war es das erste Mal, dass ich begriffen habe, wie ernst uns das im Griff hat. Dort wurde nicht rumlamentiert, dort wurde sehr deutlich gesagt: Im Worst Case hat uns das noch sehr, sehr lange im Griff. In dem Moment wurde mein Geplapper von sechs Wochen vorher Realität [...]. Dass meine Worte irgendwann mal so etwas wie Substanz haben, war für mich mit einer fürchterlichen Konsequenz gesegnet. Ich habe gedacht: Scheiße, ich werd's nicht schaffen!"

In diesem Moment hätte er einfach nur noch eine gewisse Perspektivlosigkeit gefühlt, erläuterte Mälzer weiter. Denn die Gastronomie sei sein Leben, "ich kann nichts anderes". Und weiter: "In dem Moment war meine komplette Existenz – ich meine nicht finanzielle Existenz, es ging nicht darum, dass ich nichts mehr zu essen kaufen kann. In dem Moment war mein Leben weg. Ich fragte mich: Was mache ich denn jetzt?" Lösungen seien zwar in seinem Kopf gewesen, aber keine Lösung die er "geil" fand.

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"In dem Moment war mein Leben weg", erinnert sich Tim Mälzer bei "Markus Lanz". screenshot lanz

Dann meldete sich auch der schon länger in die Sendung zugeschaltet Hubertus Heil zu Wort. Er erklärte, ähnliche Gespräche wie damals mit Mälzer auch mit vielen anderen Unternehmern oder Selbständigen im tiefsten Lockdown am Telefon geführt zu haben, die "den Tränen nahe" waren. Es schien ihm etwas unbehaglich, dass er vor laufenden Kameras vor zwei Monaten eine derart heftige Reaktion bei Mälzer ausgelöst hatte. Heil wandte sich dann an den TV-Koch: "Herr Mälzer, ich kann das verraten, wir haben hinterher telefoniert, weil mich beschäftigt hat, wie es bei Ihnen weitergeht." Was genau die beiden zu besprechen hatten, behielt der Arbeitsminister allerdings für sich.

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Hubertus Heil war aus Berlin zugeschaltet. Bild: Screenshot ZDF

Mälzer wiederum sah Heils damalige Aussagen als einen "Gamechanger" für sich, das Gespräch in der vorherigen "Lanz"-Sendung hätte ihm persönlich viel gebracht. Denn: "Das Ganze wird auch von der politischen Seite aus menschlich. Wir Gastronomen werden gesehen."

Mälzer schweigt nach Frage von Lanz

Als Markus Lanz dann aber von Tim Mälzer wissen wollte, wie die Situation in der Gastronomie aktuell sei, schwieg der Koch sekundenlang, rang nach Worten, prustete Luft aus. Mälzers angespannte Körperhaltung ließ erkennen: Wirklich gut steht es um die auch nach den Lockerungsmaßnahmen nicht. Dann setzte er schließlich zu einem Erklärungsversuch an: "Ein Freund von mir hat mal gesagt: Deutschland braucht nur zweimal gutes Wetter. Einmal 2006 im Sommermärchen, einmal jetzt nach Corona." Die Sommerterrassen der Restaurants wären enorm wichtig, um das Geschäft anzukurbeln. Denn die Leute würden nach draußen wollen, dort ließen sich die durch die Abstandsregelungen wegfallenden Tische gut kompensieren. Mälzer: "In meiner Gastronomie und in ungefähr 40 bis 50 Prozent der anderen Gastronomien läuft es anständig." Dies sei aber auch nur der Fall, weil sie die Terrasse bedienen könnten.

Am Ende stimmte der Gastronom und TV-Koch dann aber noch positive Worte an: "Wir sind wirklich mit einer blutigen Nase davon gekommen. Natürlich haben wir Wohlstand verloren, aber Wohlstand gegen Leben ist glaube ich noch etwas ganz anderes." Und weiter: "Man hat uns viel Gehör, Gehör und Möglichkeiten gegeben. Jetzt liegt es an uns, uns genau so als Teil der Gesellschaft zu begreifen und proaktiv einen Schritt zurückzugehen." Heißt: Nachdem die Gastronomie Corona-Soforthilfen vom Bunde bekommen hat, sind nun dringend diejenigen an der Reihe, die durch die Krise ebenfalls gelitten haben. Zusammen durch die Krise.

(ab)

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