Deutschland
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Virologin Melanie Brinkmann und Investor Frank Thelen vertraten bei "Markus Lanz" am Donnerstagabend unterschiedliche Auffassungen, wie schnell und verbindlich eine Corona-App eingeführt werden soll. Bild: screenshot zdf

Thelen legt sich mit Virologin an: "Warum diskutieren wir das?"

Die erste kritische Phase der Corona-Epidemie scheint in Deutschland überstanden. Wie geht es nun wieder zurück in die Normalität, fragen sich alle. Auch bei "Markus Lanz" wurde darüber am Donnerstagabend diskutiert.

Und einer der Gäste, "Höhle der Löwen"-Investor Frank Thelen, ist sich absolut sicher: Dafür brauchen wir die Corona-App. Also eine App, die die Kontakte von positiv Getesteten schnell und unkompliziert warnt. Und er ist sich außerdem sicher: Wir brauchen sie jetzt sofort, und nicht erst in drei oder vier Wochen.

Thelen wird direkt pathetisch, als er darüber spricht, für wie wichtig er die Einführung einer solchen App hält.

"Wir müssen uns mal wieder trauen, als Europa stark und geschlossen aufzutreten."

Er hält sein Smartphone hoch und erklärt: "Ich ärger' mich doch, das ist doch alles Amerika." Was er sich wünscht, ist ein gemeinsames und vor allem entschlossenes Vorgehen.

"Warum gehen wir als Europa nicht her und sagen, liebes iOS, liebes Android, ihr müsst das Ding jetzt installieren. Hier ist die App."

Frank Thelen

Thelen ist für Zwang

Dabei plädiert Thelen auch für Zwangsmaßnahmen. Wenn Apple und Alphabet (denen Google und damit auch dessen Betriebssystem Android gehört), ihre Dienstleistungen noch "auf europäischem Grund" anbieten wollten, dann müssten sie diese Zwangsinstallation durchführen, fertig.

Er sei zwar kein Experte und wisse daher nicht, ob man die beiden Internet-Giganten dazu einfach zwingen dürfe, aber geht davon aus, dass das möglich ist. Überhaupt sieht er das Ganze sehr unkompliziert, Kritiker könnten einwenden: unterkomplex.

"Es ist eine App, die ist anonym. Die Daten werden auf euren europäischen Servern gespeichert. Fertig."

Frank Thelen

Den vorsichtig formulierten Einwand von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der Kunde wolle womöglich auch noch vorher gefragt werden, bügelt Thelen geradezu verächtlich ab. "Nein, da bin ich nicht dabei."

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Frank Thelen bei "Markus Lanz" am Donnerstag. Bild: screenshot zdf

Virologin: "Brauchen das Vertrauen der Menschen"

Der TV-Investor will also nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Bürger zwingen, die App zu installieren. Die Virologin Melanie Brinkmann sieht das differenzierter. Sie verweist erstmal darauf, dass jede Lockerung durch bestimmte Gegenmaßnahmen ausgeglichen werden müsse. So zum Beispiel die vor einigen Wochen erfolgte Wiederöffnung kleinerer Geschäfte mit der Maskenpflicht, die allerdings eine Woche später erst kam.

Ihre Meinung zur App kann Brinkmann gar nicht erst formulieren, weil Thelen direkt dazwischen funkt. "Ich bin Maskenfan", wirft er ein. "Ich finde das super." Nun, ganz so super findet er es eigentlich doch nicht, stellt sich dann heraus. Er sieht aber ein, dass es eine sinnvolle Maßnahme ist. Nur: "Die Masken nerven, die App nervt nicht. Wo ist also das Problem?", fragt er herausfordernd.

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Melanie Brinkmann bei "Markus Lanz" am Donnerstag. Bild: screenshot zdf

Brinkmann kommt nun zu ihrem Punkt. Sie hält die App durchaus für eine geeignete Maßnahme. Wenn jetzt die nächsten Lockerungen kämen, dann brauche man auch die entsprechende Schutzmaßnahme. "Und das ist zum Beispiel diese App", sagt sie.

"Es bringt nichts, wenn das nur 40 Prozent der Leute machen. 60 bis 80 wären fantastisch, und da müssen wir Überzeugungsarbeit leisten."

Melanie Brinkmann

Sie betont allerdings, man müsse die Leute auch mitnehmen. "Ich muss das Vertrauen schaffen. Ich lade mir doch nicht so ein Ding rauf, wenn ich nicht genau verstehe, was das macht. Also muss man jetzt anfangen zu kommunizieren, wie funktioniert sie." Sie selbst habe ein ganz einfaches Youtube-Video gesehen, wo das erklärt wurde. Dort habe sie erfahren, dass die App Daten nur anonym speichere. Das habe sie letztlich überzeugt.

Thelen: "Verstehe diese Diskussion nicht"

Thelen reicht das alles nicht. "Ich verstehe diese Diskussion nicht", erwidert er genervt, nachdem er Brinkmann während ihrer Ausführungen schon die ganze Zeit ungeduldig angeschaut hat. "Wir alle benutzen Google Maps, sprechen mit Siri und Alexa." Nein, tue sie nicht, wendet Brinkmann ein, aber Thelen ist jetzt in Fahrt und lässt sich von niemand mehr stoppen.

"Aber bei Amazon bestellen die meisten. Das sind alles amerikanische Konzerne. Aber jetzt wollen wir was für Europa tun, wir wollen, dass wir wieder an die frische Luft dürfen, dass wir wieder ins Fußballstadion rein dürfen. Dann sagen wir, da ist eine App, die ist Open Source, jeder kann sich den Source Code durchlesen. Der Server steht in Europa. Warum diskutieren wir das dann?"

Wie das technisch funktioniere, müsse auch nicht jeder im Detail verstehen, fährt der Investor fort. Bei Google Maps sei dies schließlich auch nicht der Fall.

"Es gibt uns Freiheit und es ist endlich mal eine europäische App."

Frank Thelen

Die Masken hätten eine gute Funktion, aber sie nervten halt. "Diese App würde nicht nerven." Die Maskenpflicht fände er an sich unschön, aber sie habe eben ihren Sinn. "Warum dann also nicht einfach sagen, die App wird jetzt Pflicht, wenn man ins Fußballstadion gehen will?"

Moderator Lanz versteht beides, Bedenken auf der einen, Chancen auf der anderen Seite. Er bemängelt allerdings, dass bisher von der Politik noch nicht einmal der Versuch gemacht worden sei, die App im großen Stil einzuführen. Ministerpräsident Weil erklärt, das könne man erst, wenn die App da sei. "Wir brauchen erst das Produkt, bevor wir es kommunizieren."

Thelen sieht schon wieder genervt aus. Es ist klar, dass ihm alles viel zu langsam geht. Verständlich mag diese Ungeduld schon sein, aber ob sie auch ein guter Ratgeber bei der Bekämpfung eines Virus ist? Das kann an diesem Abend natürlich nicht befriedigend geklärt werden.

(om)

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Die Corona-Pandemie bereitet Menschen weltweit Sorgen. Nach der ersten Welle, die Europa im Frühjahr erlebte, verzeichnen derzeit viele Länder weltweit wieder steigende Zahlen.

Das Robert-Koch-Institut zählte bis Mittwoch (Stand: 0 Uhr) 961.320 Infektionen in Deutschland sowie 14.771 Todesfälle.

Bund und Länder hatten sich zuletzt auf vorübergehende massive Beschränkungen des öffentlichen Lebens ähnlich wie im Frühjahr verständigt. Die folgenden Maßnahmen gelten vorerst bis Ende November:

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