Den meisten wäre es lieber, in Innenstädten wären Böller verboten (laut einer Umfrage)

27.12.2018, 07:2927.12.2018, 07:55

Eine Mehrheit der Bundesbürger wünscht sich einer Umfrage zufolge Feuerwerksverbote in deutschen Innenstädten. Fast 60 Prozent von mehr als 5000 Befragten sprachen sich für einen solchen Böller-Bann aus, wie das Online-Meinungsforschungsinstitut Civey im Auftrag der Online-Portale der Funke-Mediengruppe herausfand.

Auf die Frage
"Sollte das Zünden von Feuerwerk Ihrer Meinung nach an Silvester in deutschen Innenstädten verboten werden?"
antworteten: 

  • 41 Prozent mit "ja, auf jeden Fall"
  • 18,6 Prozent mit "eher ja".
Bild: imago stock&people

Unter Frauen stoßen solche Verbote der Umfrage zufolge auf etwas größere Zustimmung als unter Männern. Der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) hatte kürzlich die zunehmenden Verbote von Silvesterfeuerwerken in großen Städten kritisiert. Ganz entschieden oder "eher" gegen solche Verbote sind den Civey-Angaben zufolge weniger als ein Drittel der Befragten.

Die Deutsche Umwelthilfe warnte erst kürzlich vor einer hohen Feinstaubbelastung zu Silvester und fordert eine Verlegung von Feuerwerken aus belasteten Innenstädten. "Wir möchten eine Verschiebung der Feuerwerksaktivitäten raus aus der Innenstadt", sagte der Geschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch. "Entweder auf Flächen am Stadtrand, wo die Menschen ihre Feuerwerkskörper abfeuern können oder noch besser ein professionelles Feuerwerk außerhalb sensibler Zonen, an dem sich alle erfreuen können und welches kaum Feinstaub erzeugt."

Feinstaub
Feinstaub-Partikel können laut Umweltbundesamt bis in die Lunge gelangen und in den Blutkreislauf eindringen. Sie können Entzündungen der Atemwege hervorrufen, außerdem Thrombosen und Herzstörungen. Der Feinstaub-Ausstoß ist in Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre deutlich gesunken. Städte haben Umweltzonen eingerichtet, um ihre Feinstaubwerte zu senken. Der Grenzwert für Feinstaub für das Tagesmittel von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter darf an insgesamt 35 Tagen im Jahr überschritten werden.

Der Deutsche Städtetag wies die Forderung zurück, Feuerwerk in belasteten Innenstädten zu stoppen. Es sei zwar richtig, dass Umwelt und Gesundheit von Feuerwerk "in einem gewissen Umfang belastet" würden. "Daraus die Forderung abzuleiten, Silvesterfeuerwerk an den Stadtrand zu verlagern, geht mir jedoch zu weit", sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, dem "Handelsblatt". Anders sehe es bei einem Stopp für Feuerwerk aus Sicherheitsgründen aus. "Einige Städte untersagen das Abfeuern von Feuerwerk und Raketen in bestimmten Teilen der Innenstädte, um die Sicherheit der feiernden Menschen zu erhöhen", sagte Dedy dem Blatt.

Lieber professionelle Feuerwerke an den Rändern der Städte?
Lieber professionelle Feuerwerke an den Rändern der Städte?Bild: AP

Zum Jahreswechsel werden laut Umwelthilfe durch Feuerwerkskörper in wenigen Stunden 5000 Tonnen Feinstaub freigesetzt. Dies entspricht etwa 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr entstehenden Feinstaubmenge. Zugleich fordert die Umwelthilfe Verbote für Silvesterböller und mit Schwarzpulver angetriebene Raketen, die für die "extremen Feinstaubwerte", aber auch viele Brände und Verletzungen verantwortlich seien. Dies sei im Ausland häufig bereits Praxis, aber erst in wenigen deutschen Städten.

Die Deutsche Umwelthilfe
Die Umwelthilfe spielt besonders in der Dieselkrise eine große Rolle. Sie hat mit Klagen vor mehreren Gerichten Fahrverbote für ältere Dieselautos in Großstädten erwirkt. Dabei geht es aber vor allem um den Ausstoß von gesundheitsschädlichen Stickoxiden durch Dieselabgase.

Nicht nur der Feinstaub ist eine Gesundheitsgefahr. Alljährlich sorgt Silvester für volle Notaufnahmen. Ärzte behandeln dabei nicht nur Hobby-Pyrotechniker nach Unfällen, sondern auch Zufallsopfer. Das sind vor allem Kinder, wie Experten der Deutschen Presse-Agentur berichten. Ihr Anteil unter den Silvester-Verletzten habe in den vergangenen Jahren bei Augen- und Ohrenverletzungen zugenommen, sagte der leitende Oberarzt der Notaufnahme am Virchow-Klinikum der Berliner Charité, Tobias Lindner.

Grund seien etwa Knaller-Würfe, die zu Explosionen nahe dem Gesicht oder dem Ohr führen. Opfer hätten in solchen Fällen keine Chance, sagt der Mediziner. Deutsche Augenkliniken meldeten rund um Silvester der beiden Vorjahre jeweils weit mehr als 800 Augenverletzungen durch Pyrotechnik, wie die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft mitteilte.

Die ersten Unfallopfer sehen die Notaufnahme-Teams schon vor dem 31. Dezember – sobald Feuerwerk zum Verkauf steht, wie Lindner sagt. An Silvester reißt der Zustrom an Verletzten von kurz nach Mitternacht an so schnell nicht mehr ab. An Neujahr schleppen sich dann noch viele in die Rettungsstelle, die ihre Verletzung in der Nacht noch unterschätzten.

Der brennt immerhin noch nicht.
Der brennt immerhin noch nicht.Bild: imago stock&people

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, Joachim Windolf, nennt Verletzungen durch Böller typisch für Silvester. Manche Patienten trügen trotz mehrwöchiger Behandlung bleibende Schäden davon, sagt er. Es gehe um dauerhafte Bewegungseinschränkungen der Hand und gebrochene sowie ganz oder in Teilen abgesprengte Finger. Auch Narben im Gesicht können an die Missgeschicke erinnern.

Die Druckwelle einer Böller-Explosion nahe der Hand muss nicht zwangsläufig blutende Wunden oder verbrannte Haut hinterlassen. Es könne auch innerlich Gewebe zerstört werden, warnt Windolf. Darauf wiesen etwa Schwellungen hin. Zeitnah zum Experten zu gehen, sei dann wichtig, sagt der Direktor der Klinik für Unfall- und Handchirurgie am Uniklinikum Düsseldorf. Ein Teil der Patienten habe aber "dann doch irgendwie Glück", sagt er.

Lindner findet, dass Feuerwerkskörper schon allein wegen gezielter Angriffe auf Rettungskräfte wie im Vorjahr in Berlin nicht in die Hände einer breiten Öffentlichkeit gehören. "Man sollte sich auf schöne Feuerwerke konzentrieren, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, so dass man das gemeinsame Erlebnis hat", sagt er. Den "Straßenkampf" hingegen solle man unterbinden.

Mediziner Windolf hingegen hält ein Feuerwerksverbot in einer "freien Gesellschaft" nicht für zielführend: Womöglich griffen die Leute dann erst recht zu gefährlichen illegalen Knallern, mit schlimmeren Folgen, befürchtet er – und setzt auf Aufklärung.

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(dpa)

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