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Attractive young woman in a flower center.

Bild: Getty Images/montage

"Menschen sehen Blumen als Billigprodukt": Floristin Stefanie in unserer Armutsserie 

Hier sprechen regelmäßig Menschen, die von Armut betroffen sind.

Stefanie (Name geändert), 40 Jahre, arbeitet seit 24 Jahren als Floristin bei München, seit 16 Jahren ist sie selbstständig. Monatlich bleibt ihr ein Gewinn von ungefähr 400 Euro netto. Davon gibt sie ca. 280 Euro für Lebensmittel aus. 

Da sie eine Wohnung im Haus ihrer Eltern hat, spart sie sich die Mietkosten. Andere monatliche Fixkosten fallen nicht an. Der Handyvertrag und die Kosten für das Auto werden über ihre Firma berechnet. 

Wieso lebst du bei deinen Eltern?

Auf der einen Seite unterstützen sie mich auf diese Art, denn ich spare mir so die Miete. Andererseits war das auch eine bewusste Entscheidung bei ihnen zu wohnen. Ich würde auch bei ihnen leben, wenn ich mehr Geld hätte, denn ich möchte bei ihnen sein.

"Sie haben für mich gesorgt, nun möchte ich zumindest für sie da sein."

Stefanie

Ist es dir nicht unangenehm, dass du deinen Eltern keine Miete bezahlen kannst? 

Ich möchte meinen Eltern gerne Miete bezahlen, aber das geht nicht. 

Katharina ist erst 24 und hat schon Schulden: 

Würdest du dich selbst als arm bezeichnen?

Nein. Ich bin mit dem, was ich mache, glücklich und zufrieden. Manchmal bin ich allerdings etwas traurig. Ich arbeite und würde auch gerne mal in den Urlaub fahren oder einfach sorgenfrei leben. Aber arm fühle ich mich nicht. Arm sind andere Menschen. Ich habe was zu tun und muss nicht auf der Straße schlafen. Menschen, die keine Arbeit haben oder obdachlos sind, sind in meinen Augen arm. 

Wer ist arm in Deutschland?

16,1 Millionen Menschen, also jeder fünfte Deutsche, war im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Ein Mensch gilt als von Armut bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: (Quelle: Leben in Europa EU-SILC).

1. Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1033 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2170 Euro im Monat.

2. Der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass jemand zum Beispiel nicht in der Lage war, Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, die Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

3. Der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

erwerbsbeteiligung.eu-silc-bericht 2015

Wie lange dauert es bis das Geld knapp wird? Schwankt das bei dir als Selbstständige? 

Nein. Das ist immer Anfang und Ende des Monats, so vom 25. bis zum 6. des darauffolgenden Monats. Dann, wenn alle Kosten vom Konto abgebucht werden, ist es immer besonders eng. 

Das ist unsere Serie "Unter 1000 Euro"

Die allein erziehende Mutter, der junge Künstler und der Rentner, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt: Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam. Doch sie alle sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, genauso wie jeder Fünfte in Deutschland. watson trifft regelmäßig Menschen, die mit weniger als 1000 Euro Netto im Monat auskommen müssen.

Was war das krasseste was du mal für Geld gemacht hast?

Ich habe noch nie etwas krasses getan. Dafür bin ich zu bodenständig. Es gab Situationen, in denen ich mir dazu Gedanken gemacht habe. Aber ich habe für mich eine Entscheidung getroffen: 

"Sollte ich jemals an den Punkt kommen, an dem ich bereit wäre, krasse Dinge für Geld zu tun, dann wäre für mich Schluss und ich müsste meine Situation überdenken."

Stefanie

Was hast du dir zuletzt gegönnt?

Ein Seminar bei einem Mentalisten, das mich sehr interessiert hat. Das habe ich mir geleistet. 

Und worauf hast du das Gefühl verzichten zu müssen? 

Ich würde gerne auf die stress-und sorgenfreien Momente verzichten. Mir geht es nicht um das Materielle, sondern um das Seelische. 

"Es ist das Gefühl, dass die eigene Arbeit nichts wert ist"

Stefanie

Was müsste sich in Deutschland deiner Meinung nach ändern, damit sich die Situation von Floristen verbessert?

Grundsätzlich ist es so, dass der Beruf von Floristen in den vergangenen Jahren bedeutend an Anerkennung gewonnen hat. Vor einigen Jahren hat eine Vollzeitfloristin noch 1200 Euro brutto verdient. Heute sind das immerhin schon 1800 bis 1900 Euro.

"Ein Problem ist, dass im Moment jeder ein Gewerbe aufmachen darf, ohne den Beruf erlernt zu haben."

Stefanie

Es müsste so sein, dass nur Meister einen Laden aufmachen dürfen und eine Meisterpflicht für Floristen herrscht. 

Eine Berufsgruppe, die auch häufig mit Armut zu tun hat: Frisöre

Das Friseurhandwerk hat mit den 10-Euro-Läden zu kämpfen. Sind Blumen vom Discounter die Billig-Friseure der Floristen? 

Als Blumen in die Discounter eingezogen sind, war das ein großes Problem.

"Aber das Problem besteht nicht darin, dass Supermärkte Blumen verkaufen, sondern darin, dass die Menschen Blumen als Billigprodukt ansehen."

Stefanie

Damit die Kunden das wieder als handwerkliches Produkt ansehen, müsste das beschränkt werden. Aber das ändert sich schon. 

Was können Floristen selbst zum Wandel beitragen?

Uns Floristen muss wieder bewusst werden, dass wir Handwerker sind und, dass das Leistungen sind, die bezahlt werden müssen. Das ist bei uns genauso wie bei einem Künstler. Beim Floristen muss auch die Idee bezahlt werden. Das können diese ganzen Billig-Betriebe nicht leisten. Ich vergleiche das gerne mit einem Theater-Schauspieler, der jeden Tag sein Publikum begeistern muss und der dafür auch Geld bekommen muss. 

Würdest du also sagen, dass es an den Floristen selbst liegt, dass die Branche krankt? 

Ja.

"Denn viele Menschen, die in unserer Branche arbeiten, haben noch nicht verstanden, dass das enorm wichtig ist."

Stefanie

Es gibt so viele Menschen wie XY-Bauernhoftante, die die Ware für nichts verkauft. So etwas schadet uns unwahrscheinlich. Aber durch Neuerungen wie z.B. eine Kassenpflicht sterben solche Menschen aus und dadurch wird es uns gelernten Floristen auch wieder besser gehen. 

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Jeder fünfte Deutsche ist von Armut bedroht. Darüber müssen wir sprechen. Würdest auch du dich als arm bezeichnen und möchtest mit uns - gerne anonym - darüber sprechen? Dann schreib uns an redaktion@watson.de.

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