Deutschland
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Bild: imago/monatge

Unter 1000 Euro

Schornsteinfeger Tim verdient 386 Euro – und zahlt noch das Zimmer für die Berufsschule 🤔

Hier sprechen regelmäßig Menschen, die von Armut betroffen sind.

Tim (Name geändert) ist 22 Jahre alt und macht eine Ausbildung zum Schornsteinfeger. Er lebt noch bei seinen Eltern in einer Kleinstadt in Ostdeutschland. Dort zahlt er keine Miete. Er bekommt ein Lehrlingsgehalt von 386 Euro netto im Monat. 

Davon zahlt er: 

Die restlichen 151 Euro verteilen sich auf Unterkunfts-und Fahrtkosten für die Berufsschule, Fahrten zu seiner Freundin und Unternehmungen. 

Warum hast du dich trotz des geringen Lehrlingsgehalts für die Ausbildung entschieden?

Ich bin ein sehr neugieriger Mensch.

Mir macht es Spaß, jede halbe Stunde in einem neuen Haus zu sein und Menschen kennenzulernen, die mir viel zeigen und erzählen.

Das ist natürlich nicht der Hauptgrund, aber das macht schon Spaß.

Dazu kommt, dass die Aussichten nach der Ausbildung sensationell sind. In anderen Berufsfeldern bekommst du in der Ausbildung schon 1000 Euro, aber danach steigt es kaum noch. Bei Schornsteinfegern ist es genau anders rum. Nach der Ausbildung kann man sehr gut vom Lohn leben.

Nach der Ausbildung verdienen Schornsteinfeger nach Tarif in sechs Stufen. Das sind durchschnittlich rund 2500 Euro. 

ZDS

Schornsteinfeger ist eine typische Laufbahnkarriere. Die meisten machen noch einen Meister, um sich selbstständig machen zu können. Die Anreize sind also relativ hoch. Wenn man möchte, kann man das direkt nach der Ausbildung machen.

Wie sicher ist es, dass du nach deiner Ausbildung einen Job bekommst?

Ich persönlich kenne nur einen arbeitslosen Gesellen. Viele Kehrbezirke haben sogar keinen eigenen Schornsteinfeger, weil es zu wenige Gesellen gibt.

Nach dem Studium ist ein Job eher ungewiss: 

Würdest du dich als arm bezeichnen?

Ja. Ich mache Online-Banking und der ständige Blick aufs Konto ist sehr anstrengend.

Ich schaue mindestens zweimal am Tag, ob ich noch genug Geld habe, dann rechne und schiebe ich.

Wenn ich weiß, ich möchte am Wochenende etwas mit meiner Freundin unternehmen, dann versuche ich unter der Woche nichts auszugeben.

Ich kaufe mir so gut wie nichts, gehe nicht shoppen oder so etwas. Neue Sachen kaufe ich mir einmal im Jahr. Ich fühle mich schon arm. Einfach aus dem Grund, weil ich extrem aufs Geld schauen muss.

Woran merkst du täglich, dass du arm bist?

Ich habe einen relativ langweiligen Alltag und würde schon gerne mal ein paar außergewöhnlichere Sachen machen.

Aber um am Wochenende einen Ausflug machen zu können, muss ich mein Auto volltanken. Wenn ich das einmal mache, dann habe ich in der Woche drauf kein Geld. Da muss ich immer abwägen. Das stört schon.

Unterstützt dich jemand finanziell? 

Am Anfang meiner Ausbildung habe ich Bafög beantragt, aber das wurde abgelehnt, weil ich noch bei meinen Eltern wohne.

Floristin Stefanie hat auch wenig Geld und ist dennoch zufrieden:

Wer ist arm in Deutschland?

16,1 Millionen Menschen, also jeder fünfte Deutsche, war im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Ein Mensch gilt als von Armut bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: (Quelle: Leben in Europa EU-SILC).

1. Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1033 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2170 Euro im Monat.

2. Der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass jemand zum Beispiel nicht in der Lage war, Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, die Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

3. Der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

erwerbsbeteiligung.eu-silc-bericht 2015

Was hast du dir zuletzt gegönnt?

Einen Kurzurlaub in London. Das war schön, aber auch extrem teuer. Dafür habe ich richtig viel gearbeitet. Da muss man schon sehr fleißig sein und auch mal länger arbeiten.

Das ist unsere Serie "Unter 1000 Euro"

Die allein erziehende Mutter, der junge Künstler und der Rentner, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt: Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam. Doch sie alle sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, genauso wie jeder Fünfte in Deutschland. watson trifft regelmäßig Menschen, die mit weniger als 1000 Euro Netto im Monat auskommen müssen.

Was müsste sich ändern, um die Situation von Schornsteinfeger-Azubis in Deutschland zu verbessern?

Organisation und Struktur der Aus-und auch der Weiterbildung sind sehr gut. Einzig das Geld ist ein Problem. 

Finanziell gesehen ist das alles sehr schwierig, ansonsten ist es ein sehr schöner Beruf.

Während der Ausbildung müssen alle Azubis in den ostdeutschen Bundesländern nach Leipzig in die Berufsschule. Ich weiß, dass das für viele ein Problem ist. Zum einen sind viele Azubis noch minderjährig und für sie ist es schwierig ohne Führerschein teils ewig weite Wege auf sich zu nehmen. Nicht überall gibt es gute Verbindungen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn du da keine Fahrgemeinschaft bilden kannst, dann bist du gearscht.

Zum anderen ist es auch eine Kostenfrage. Sich von unserem Gehalt noch ein Zugticket für 60 Euro für eine einfache Fahrt zu gönnen, ist eigentlich unmöglich. Ich selbst habe das Glück, dass ich ein Auto von Angehörigen geschenkt bekommen habe.

Bekommt ihr keine Unterstützung bei den Kosten?

Die Bemühungen von Seiten des Landes sind auf jeden Fall da.

Wir können beim Land Fördermittel beantragen für Fahrt und Unterkunft. Von vier Anträgen habe ich aber erst einen bekommen. Da drehen die Räder schon sehr langsam.

Es ist geplant, das Ausbildungsgehalt zu erhöhen. Das ist der eine richtige Weg. Aber der andere richtige Weg wäre es, wenn die Betriebe den Lehrlingen etwas mehr entgegenkommen würden.

Hast du einen konkreten Vorschlag?

Sie könnten zum Beispiel die Leistungen in der Berufsschule als Anreiz nehmen.

Sprich: Wenn ich gut in der Schule bin, dann zahlt mein Meister mir die Fahrt in die Schule, oder sogar die Unterkunft, die ich dort in der Zeit brauche. Die müssen wir nämlich auch bezahlen.

Wenn ich zwei Wochen in der Berufsschule bin, dann muss ich 200 Euro für die Unterkunft zahlen. Wenn ich einen Monat lang Berufsschule habe, dann ist das ohne Unterstützung gar nicht möglich.

Anonym mitmachen

Jeder fünfte Deutsche ist von Armut bedroht. Darüber müssen wir sprechen. Würdest auch du dich als arm bezeichnen und möchtest mit uns - gerne anonym - darüber sprechen? Dann schreib uns an redaktion@watson.de.

Wir sprechen mit Menschen, die wissen was Armut ist: 

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