Deutschland
Leuchtspuren vorbeifahrender Autos mit renovierter Fassade des Hauptbahnhof s Frankfurt am Abend, Hessen, Deutschland *** Traces of passing cars with renovated facade of the central station s Frankfurt in the evening Hessen Germany

Frankfurt Hauptbahnhof. Was tun für mehr Sicherheit? Bild: imago images / Ralph Peters

Nach Frankfurt: Glastüren am Gleis und Kontrollen auch bei uns? 3 Experten antworten

Am Montag hatte ein Mann am Frankfurter Hauptbahnhof einen Achtjährigen und dessen Mutter ins Gleisbett gestoßen. Die Frau konnte sich retten, der Junge wurde von einem Zug überrollt und getötet. Der aus Eritrea stammende Tatverdächtige kam unter Mordverdacht in Untersuchungshaft. Der 40-Jährige, der in der Schweiz lebt, sei dort in psychiatrischer Behandlung gewesen. Der Fall sorgte deutschlandweit für Entsetzen.

Überdies ist eine Debatte über die Sicherheitslage an den über 5600 deutschen Bahnhöfen entbrannt: Wie können Fahrgäste, die am Gleis warten, besser geschützt werden? Was tut man gegen Übergriffe, die quasi aus dem Nichts passieren? Und müssen Bahnhöfe jetzt umgerüstet werden, damit so ein tragischer Fall wie aktuell in Frankfurt nicht wieder passiert?

watson hat bei Experten der Gewerkschaft der Polizei (GDP), dem Fahrgastverband "Pro Bahn e. V." und der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) nachgefragt, wie realistisch Glastüren, Zugangsberechtigungen oder mehr Sicherheitspersonal in Zukunft sind.

Das sagt die Polizeigewerkschaft GDP:

Jörg Radek, stellvertretender Bundesvorsitzender der GDP, schätzt die generelle Sicherheitslage an deutschen Bahnhöfen aus Sicht der Polizei so ein: "Man kann im Großen und Ganzen sagen, dass die Bahnhöfe sicher sind. Wir haben im Jahr knapp zwei Milliarden Bahnreisende pro Jahr in Deutschland. Die Leute machen sich eher Gedanken um Pünktlichkeit, Wagenreihungen und Anschlusszüge als um ihre Sicherheit."

Zum konkreten Fall in Frankfurt sagt Radek, dass man einem solchen Verbrechen kaum vorbeugen könne. Man kenne nicht einmal das Motiv des Täters: "War es kriminelle Energie? War es Vorsatz? Oder hat da jemand bewusst das Gefahrenpotenzial der Bahnsteigkante ausgenutzt, um seine Mordlust zu stillen? Prävention ist da extrem schwierig."

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Jörg Radek. Bild: imago images / Metodi Popow

Doch was für Maßnahmen kann man treffen, um das Risiko solcher Taten zu verringern? Laut Radek kann man Zugangsberechtigungen diskutieren, wie es auch an Flughäfen der Fall ist: "Aber die Zweifel bleiben, ob dadurch die Sicherheit am Gleis gewährleistet werden kann." Auch an der Umsetzbarkeit zweifelt Radek, da Deutschland eins der dichtesten Schienennetze weltweit habe.

"Das ist ein tragisches Unglück für die Familie. Der Fall hat die deutsche Gesellschaft ins Herz getroffen. Aber es ist auch eine Chance, darüber nachzudenken, wie wir miteinander umgehen." Dass der Fall innerhalb kurzer Zeit politisch instrumentalisiert wurde und in eine hysterische Debatte über die Herkunft des Täters umgeschlagen ist, findet er widerlich: "Das ist der Ausdruck einer verunsicherten Gesellschaft, die lernen muss, wieder mehr aufeinander zu achten."

Das sagt der Fahrgastverband Pro Bahn:

Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender und Sprecher des Fahrgastverbands Probahn, sieht überfüllte Bahnsteige als die große Gefahr an deutschen Bahnhöfen. Dadurch könne es eigentlich immer und überall, auch versehentlich, zu solchen Fällen wie in Frankfurt kommen.

Allerdings könne einem Ähnliches überall passieren, auch außerhalb von Bahnhöfen: "Man kann auch von jemandem vor einen LKW geschubst werden, oder man bekommt einen Blumentopf auf den Kopf geschlagen." Was er meint: "Man kann ja nicht gleich alle wegsperren, die einen kleinen psychischen Knacks haben."

Der Fehler liege darin, dass die Politik zu lange aufs falsche Pferd gesetzt hat: "Es fahren immer mehr Leute mit der Bahn. Nehmen wir als Beispiele mal Bahnhöfe wie Berlin Alexanderplatz oder Spandau. Im Berufsverkehr sind dort morgens und abends die Bahnsteige voll. Die Verkehrspolitik hat darauf aber nicht reagiert, sondern in Straßenbau investiert."

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Karl-Peter Naumann bei einem TV-Auftritt im Jahr 2010 in der Talkshow "Maybrit Illner". bild: imago stock&people

Doch wie kann man Bahnsteige sicherer machen? "Kleinere Bahnhöfe müssen belebt werden. Zum Beispiel mit kulturellen Angeboten, allein dadurch würde das generelle Sicherheitsgefühl steigen."

Bahnsteige mit Glastüren vom Gleis zu trennen, die sich erst öffnen, wenn ein Zug eingefahren ist, damit die Fahrgäste ein- und aussteigen können, hält Naumann in Deutschland für nicht umsetzbar: "Solange wir Mischbetrieb, also verschiedene Modelle, verschiedene Züge mit verschiedenen Türgrößen und -abständen haben, geht das nicht."

Den Lösungsansatz, dass Passagiere erst aufs Gleis dürfen, wenn der Zug steht, hält Naumann an sich für eine gute Maßnahme: An einigen kleinen Bahnhöfen auf der Strecke Hamburg-Berlin, wo Schnellzüge mit bis zu 230 Kilometern pro Stunde vorbeirauschen, gäbe es bereits Schutzgitter, hinter denen die Fahrgäste warten müssten, bis der Zug stehe. An großen Bahnhöfen ist das aus seiner Sicht aber nicht umsetzbar: "Dafür sind die Bahnhöfe, so wie jetzt sind, auch gar nicht ausgelegt. "Die Politik muss handeln und Geld in die Hand nehmen: In Infrastrukturausbau investieren, damit Menschen an Bahnhöfen genügend Platz haben", fordert Naumann.

Verstärkte Videoüberwachung, wie Innenminister Horst Seehofer sie ins Spiel brachte, ist laut Naumann aber keine Lösung.

Das sagt die Lokführergewerkschaft GDL:

Auch die GDL haben wir um ein Statement zur Sicherheitslage an deutschen Bahnhöfen gebeten. Eine Sprecherin verwies auf die Pressemitteilung, in der der Bundesvorsitzende Claus Weselsky fordert, ausreichend Sicherheit an den Bahnhöfen zu gewährleisten.

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Claus Weselsky. Bild: imago/Future Image

"Zur Verhinderung von Straftaten aller Art brauchen wir mehr Polizei und Sicherheitskräfte vor Ort." Ein bewährtes, leider komplett vernachlässigtes Mittel seien zudem Bahnaufsichten. "Der Blick geschulter Kräfte auf den ganz normalen Bahnalltag, aber auch auf möglicherweise kritische Situationen erlaubt deutlich schnellere Reaktionszeiten. Das kann im Zweifelsfall über Leben und Gesundheit potenzieller Opfer entscheiden."

(as)

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