Fridays for Future. Valentinsstreik vor dem stuttgarter Rathaus, Jugentliche verlangen mehr Klimaschutz von der Regierung. Stuttgart Baden-Wuerttemberg Deutschland *** Fridays for Future Valentines Strike in front of the Stuttgart City Hall, Young people demand more climate protection from the government of Stuttgart Baden Wuerttemberg Germany Copyright: xMaxxKovalenkox

Ein Thema, bei dem es vielen jungen Menschen zu langsam geht, ist der Klimaschutz. Fridays-for-Future-Demonstranten im Februar 2020 in Stuttgart. Bild: www.imago-images.de / Max Kovalenko

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Mehr Klimaschutz und Gleichberechtigung, mehr Einsatz für Benachteiligte: Was junge Baden-Württemberger nach der Wahl fordern

sebastian heinrich, stuttgart

Die Kretschmann-Grünen gestärkt, die CDU abgestürzt, die AfD geschrumpft: Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg haben die Menschen bemerkenswerte Entscheidungen getroffen. Bemerkenswert sind auch die Erkenntnisse zum Wahlverhalten der jungen Menschen. Laut der Nachwahlbefragung von infratest dimap haben 31 Prozent der 18- bis 24-Jährigen die Grünen gewählt: Das sind ziemlich genau so viele wie in der Gesamtbevölkerung. Die FDP (15 Prozent) und die Linke (8) schnitten unter den Jungen demnach deutlich stärker ab als unter allen Wählern – die CDU (16), die SPD (9) und die AfD (6) schlechter.

Was sagen junge Menschen aus Baden-Württemberg zum Ergebnis der Wahl? Welche Probleme soll die neue Regierung in dem Bundesland mit der drittgrößten Bevölkerungszahl aus ihrer Sicht am dringendsten angehen? Watson hat vor Ort mit vier jungen Menschen gesprochen, am Montag nach der Landtagswahl.

Chiara (21): "Gerade die jungen Leute leiden in der Coronakrise"

"Ich bin absolut zufrieden", sagt Chiara, als sie am Tag nach der Landtagswahl auf den Stuttgarter Landtag schaut. Sie ist an diesem verregneten Montagmorgen unterwegs zur Arbeit, die 21-Jährige absolviert gerade ihren Bundesfreiwilligendienst in einem Stuttgarter Jugendhaus. Dort hat sie viel mit Jugendlichen zu tun, die wegen leichter Vergehen Sozialstunden ableisten müssen: Etwa, weil sie gegen Corona-Bestimmungen verstoßen haben oder mit kleinen Mengen Cannabis erwischt wurden. "Ich habe die Grünen gewählt, weil sie mir lieber sind als die CDU", sagt Chiara. Die Satirepartei "Die Partei" hätte sie sich ansonsten vorstellen können, vielleicht auch die Linken.

Chiara ist erst vor ein paar Monaten nach Stuttgart gezogen, vorher wohnte sie in Filderstadt, 12 Kilometer entfernt. Von der neuen Landesregierung wünscht sie sich Verbesserungen im Umwelt- und Klimaschutz und in der Bildung. Der Öffentliche Nahverkehr müsse ausgebaut und auch für junge Menschen mit schmalem Geldbeutel erschwinglich werden. "Ich kenne Leute, die schwarz fahren, weil sie das Geld nicht so dick haben", sagt Chiara, "oder die ein Auto haben, weil es ihnen eben doch viel mehr Freiheit bietet."

Und in den Schulen kämen in der Corona-Krise auch im reichen Baden-Württemberg diejenigen Kinder nicht mehr mit, die es schon vorher schwer hatten. Chiara erzählt von Schülern einer Gemeinschaftsschule, die im ersten Lockdown den Unterricht auf dem Smartphone-Display verfolgen mussten, weil es zu Hause eben keinen Computer oder Tablet gab. Erst im zweiten Lockdown hätten alle Schüler dort Tablets bekommen. Der Staat müsse hier besser und schneller helfen.

Chiaras Botschaft an den alten und neuen Ministerpräsidenten Kretschmann? "Bitte, bau' keine korrupte Scheiße." Der Maskenskandal in CDU und CSU habe bei ihr die Zweifel verstärkt, ob viele Abgeordnete nicht stärker auf den persönlichen Vorteil achten als auf die Interessen der Bürger. Junge Menschen, meint sie, müssten die Regierenden im Land in Zukunft stärker wahrnehmen. Chiara sagt zur Coronakrise: "Gerade die jungen Leute leiden. Gerade die, die noch keine eigene Familie haben. Viele sitzen alleine oder in der WG herum, manche haben keine Perspektive in ihrer Ausbildung."

Semir (19): "Kretschmann sollte mehr auf Menschen zugehen, denen er nicht jeden Tag begegnet"

Für wen er bei seiner ersten Landtagswahl gestimmt hat, will Semir nicht verraten. Der 19-jährige Stuttgarter hat im vergangenen Herbst, mitten in der Pandemie, sein Duales Studium begonnen: BWL, Controlling & Consulting, parallel zur Ausbildung bei der DB Netz AG, dem Netzbetreiber der Deutschen Bahn. Und er ist politisch aktiv, seit er 14 ist: sowohl als Jugendrat in Stuttgart als auch als Schülersprecher an seinem Gymnasium.

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Semir vor dem Stuttgarter Landtag. bild: watson

Grundsätzlich ist Semir recht zufrieden mit dem Wahlergebnis. Eine Zahl aber stößt ihm sauer auf: die Wahlbeteiligung, die bei dieser Landtagswahl deutlich gesunken ist, von über 70 auf 63,8 Prozent. Semir sagt dazu: "Es wählen ja eher die Menschen aus privilegierten Schichten, die Benachteiligten weniger." Und: "Auch über die AfD-Wähler, die zu den Nichtwählern abgewandert sind, freue ich mich nicht." Politische Teilhabe ist für Semir ein Herzensthema: Er ist im Vorstand des Vereins "Team Tomorrow", der sich in Stuttgart dafür einsetzt, dass auch junge Menschen, die keinen besonders leichten Start ins Leben hatten, sich in die Gesellschaft einbringen.

Für benachteiligte junge Menschen soll aus seiner Sicht auch die neue Landesregierung deutlich mehr tun. "Ich kenne Leute, die haben fürs Abi mit drei Geschwistern im Raum und nur zwei Rechnern im Haushalt gelernt." Und er sagt: "Viele Politiker können sich nicht vorstellen, wie es diesen Menschen geht". Es gebe zwar Politikerinnen wie die grüne Landtagspräsidentin Muhterem Aras, die es aus einfachen Verhältnissen in die Politik geschafft hätten – aber das reiche nicht, solche Biografien müssten selbstverständlich werden.

Semirs Botschaft an Kretschmann: "Ich bewundere ihn schon. Aber er sollte noch mehr auf Menschen zugehen, denen er nicht jeden Tag begegnet." Ein Positivbeispiel dafür ist für Semir der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper. "Der ist raus auf die Theo und hat mit den Leuten dort gesprochen", sagt Semir. Die "Theo", das ist die Theodor-Heuss-Straße, eine bei jungen Menschen beliebte Weggehmeile in Stuttgart. Und Nopper habe sich dort mit jungen Menschen unterhalten, auch um eine weitere Krawallnacht wie im Sommer 2020 zu vermeiden.

Semir wünscht sich außerdem, dass jungen Menschen selbstverständlicher zugehört wird. Bei Themen wie dem Klimaschutz habe sich außerdem gezeigt: "Junge Menschen müssen deutlich mehr Lobbyarbeit leisten als ältere, um gehört zu werden."

Karim (19): "Kretschmann muss den Rückenwind nutzen"

Karim hat sich ziemlich gut überlegt, wen er wählt – und am Ende für die SPD gestimmt. Ein junger SPD-Wähler: Menschen wie Karim sind ziemlich selten geworden in Baden-Württemberg. Karim lebt in Konstanz, er studiert dort Politik- und Verwaltungswissenschaften. Heute ist er in Stuttgart, seiner Heimatstadt. Das Ergebnis für die Sozialdemokraten war historisch schlecht, Karim hält es trotzdem für "akzeptabel", es hätte ja schlimmer kommen können.

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Karim ist gebürtiger Stuttgarter und studiert in Konstanz. bild: watson

Egal, ob die SPD am Ende dabei ist: Karim hat recht klare Vorstellungen davon, was die neue Landesregierung jetzt angehen muss. Beim Klimaschutz müsse es schneller gehen. "Bei der Transformation der Autoindustrie muss jetzt was getan werden", sagt Karim. "Und zwar so, dass es sozial gerecht wird." Im Südwesten arbeiten etliche junge Menschen bei Autobauern oder einem der vielen Zulieferbetriebe. Diejenigen unter ihnen, die ihren Job verlieren, dürfe der Staat nicht allein lassen. Bei der Corona-Politik habe er viel Unzufriedenheit mitbekommen, erzählt Karim. "Es fühlen sich viele missverstanden und nicht ernstgenommen", sagt er. Er meint unter anderem die Betreiber von Restaurants und Kneipen, die viel Geld in Hygienemaßnahmen gesteckt hätten - aber seit Monaten im Lockdown sind. Während der Staat selbst andererseits in vielen Schulen und Universitäten nicht genug für gute Luftfilter ausgegeben habe.

Winfried Kretschmann, das wünscht sich Karim vom wiedergewählten Landeschef, müsse "den Rückenwind nutzen". Er ergänzt: "Er muss die Wünsche der Wähler umsetzen, vor allem den sozial-ökologischen Umbau vorantreiben." Gerade vielen jungen Menschen gehe es da deutlich zu langsam, meint Karim. Das sehe man ja nach wie vor an den Demos der Klimaschutzbewegung Fridays for Future. Die Klimaaktivisten marschieren auch in Biberach, Heidelberg oder Stuttgart regelmäßig durch die Straßen.

Charlotte (33): "Verteufelung der konventionellen Landwirtschaft finde ich nicht gut"

Der "Wahl-o-mat" hatte einen anderen Tipp für sie. Aber am Ende hat Charlotte die Linkspartei gewählt. Die 33-Jährige wohnt in Ravensburg, im Südosten Baden-Württembergs. Das Portal der Bundeszentrale für politische Bildung, auf dem Menschen vor Wahlen ihre politischen Vorstellungen mit den Programmen der antretenden Parteien abgleichen können, hätte ihr zur SPD geraten. "Aber bei der weiß man gar nicht mehr, wofür sie steht", meint sie. Die Linken, sagt Charlotte, stünden für sie am ehesten für die politischen Themen, die ihr wichtig sind: gesellschaftliche Gerechtigkeit, bezahlbarer Wohnraum, eine Frauenquote, den Kampf gegen rassistische Diskriminierung.

Charlotte arbeitet im Agrargroßhandel. Sie sagt, bei der Politik ärgerten sie vor allem die Dinge, die ihr am nächsten sind. Zum Beispiel die Kinderbetreuung: Charlotte ist gerade schwanger - und in der Firma, in der sie arbeitet, sei es irgendwie von Anfang an klar gewesen, dass sie nach der Geburt des Kindes ein Jahr lang nicht da sein wird, wegen der Elternzeit. "Es ist immer noch sehr normal, dass die Mutter in Elternzeit geht", sagt sie in einem Telefonat am Tag nach der Wahl. Bei ihr ihr werde es auch genau so kommen - aber die Betreuung sollte im Jahr 2021 eigentlich nicht mehr "gedanklich bei der Mutter liegen", sagt Charlotte. Sie ärgert sich über die "recht unflexiblen" Öffnungszeiten bei Kindergärten und Kitas.

Und dann ist da die Landwirtschaft. Charlotte ist aus beruflichen Gründen nah dran an Bäuerinnen und Bauern. Gerade an den in Baden-Württemberg so mächtigen Grünen stört sie, dass die oft wenig davon wüssten, wie die Realität der Menschen in Agrarbetrieben in Baden-Württemberg heute aussieht. "Die Verteufelung der konventionellen landwirtschaft finde ich nicht gut", sagt Charlotte. Sie ärgert sich bis heute über ein Statement einer bayerischen Grünen-Politikerin, die Anfang des Jahres sagte, ihr sei Bio-Weizen aus Italien lieber als konventioneller aus dem Nachbardorf.

An Winfried Kretschmann hat Charlotte vor dessen wohl letzter Amtszeit eine Botschaft: "Es wäre besser, wenn er uns, die Menschen in diesem Land, besser kennenlernen würde."

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