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Der illegale Handel mit Hunde- und Katzenjungen eskaliert – und kaum einer hält ihn auf

06.04.2018, 16:1109.04.2018, 11:03

Als sie am Morgen in die Praxis kommt, ist eines der Kätzchen bereits tot. Eigentlich hatte die Polizei das Tier einen Tag zuvor zu Ärztin Marion Wünn gebracht, damit sie es aufpäppelt. Die Beamten hatten es zusammen mit seinen Leidensgenossen in einem Transporter auf einer Autobahn vor Stuttgart entdeckt. Aber die Ärztin konnte nichts mehr tun. 

Der "Stuttgarter Zeitung" erzählt sie anschließend von ihrer Sorge, dass sich die ganze Gruppe der Tiere infiziert haben könnte, das Katzenjunge könnte nur das erste Opfer gewesen sein. 

93 Hundewelpen und 20 Katzen behandelt sie noch. Manche erst einige Wochen alt, manche einige Monate. Alle waren sie eingepfercht in enge Käfige. Die Tiere hatten bereits tagelang in ihren eigenen Fäkalien geschlafen, waren unterernährt, zitterten. Sie alle stammen von Züchtern aus Osteuropa, die diese illegal in Spanien verkaufen wollten.

Wer zur Zeit mit Tierschützern spricht, hört von zahlreichen solcher Berichte, die sich auf Tierärzte in ganz Deutschland beziehen.

Szenenwechsel nach Berlin. Auch hier berichtet der "Tagesspiegel"am Wochenende von unhaltbaren Zuständen:

  • Rund 120 Fälle von illegalem Welpenhandel verzeichnen allein acht Bezirke der Stadt im Jahr 2017.
  • 2012 waren es noch zehn Fälle pro Jahr.
  • Experten sagen, die Dunkelziffer liege deutlich höher, weil die meisten Deals unbemerkt blieben oder gar nicht erst zur Anzeige kämen.

Im vergangenen Jahr hat der illegale Handel mit Jungtieren in Deutschland vor allem unter dem Begriff "Welpenmafia" Schlagzeilen gemacht.  Es ging dabei vor allem um Einzelfälle. Das greift der Problematik aber zu kurz: Aktivisten und Entscheider in Europa müssen mittlerweile mit einem rasant wachsenden System des illegalen Handels kämpfen.

Die CDU-Europaabgeordnete Renate Sommer sagte 2016:

"Der illegale Handel mit Hunden und Katzen ist die drittgrößte Einkommensquelle nach dem organisierten Drogen- und Waffenhandel"

Die EU geht davon aus, dass knapp 50.000 Hunde im Jahr zwischen den EU-Ländern gehandelt werden. Das europaweite System zur Erfassung der verkauften Tiere zählt aber nur 21.000 Hunde. Man geht davon aus, dass die Diskrepanz in den Zahlen auf illegalen Handel zurückzuführen ist. 

In einem EU-Papier heißt es dazu:

"Unsere Befürchtungen werden befeuert, weil der Online-Handel mit Tieren rasant zunimmt."

Auch Tierschützer bestätigen im Gespräch mit watson, der Schwarzmarkt mit Hundewelpen, Katzen und anderen Tieren wachse trotz aller Aufklärung durch Aktivisten und erfolgreichen Einsätzen von Ermittlern rasant weiter. 

Sind die "Online- Marktplätze" Schuld?

Die internationale Tierschutzorganisation
"Vier Pfoten" erhebt schwere Vorwürfe gegen ebay und dessen "Kleinanzeigen"-Plattform. Sie sei zum Hauptumschlagplatz für den illegalen Handel in Europa geworden.

Die Tierschutzorganisation hat dazu Zahlen erhoben:

  • Der internationale Handel habe mittlerweile einen jährlichen Marktwert von einer Milliarde Euro.
  • 1900 Anzeigen würden pro Tag geschaltet.
  • Das sei ein Anstieg von 24 Prozent im Vergleich zu 2014.
  • 1,4 Millionen Hunde würden jährlich auf der Plattform angeboten.

"Vier Pfoten" fordert ebay in einer aktuellen Kampagne dazu auf, mehr gegen den illegalen Handel zu tun. "Kriminelle Welpenhändler können auf ebay Kleinanzeigen anonym und unkontrolliert ihrem skrupellosen Geschäft nachgehen", heißt es darin.

Die Kampagnen-Leiterin Denise SchmidtSchmidt ist überzeugt:

"Trotz aller Beteuerungen von ebay könnten wir da jetzt sofort online gehen und ein Tier illegal kaufen."
watson

Unterstützung kommt vom deutschen Tierschutzbund. Plattformen wie ebay würden zu wenig tun, sagt auch deren Referentin, die Tierärztin Andrea Ruler-Mihali.

Sie sagt:

Tiere kaufen die Leute heutzutage per Mausklick ohne Gedanken an die Konsequenzen
Andrea Ruler-Mihali
watson

Die Verkäufer ließen sich kaum zurückverfolgen. Oft benutzen sie Prepaid-Handys, die sie dann einfach abschalten. Es gebe kaum Möglichkeiten mehr, nach dem Kauf noch Kontakt aufzunehmen, sagt Ruler-Mihali.

Das Problem: Die User kaufen Hunde wie Kopfhörer

In unseren Gesprächen mit Tierschützern wird deren Vorwurf klar: Der Schwarzmarkt explodiert auch deshalb, weil Kunden ihre Online-Gewohnheiten einfach übernehmen, wenn sie ein Welpen einkaufen. 

  • Kunden haben auf den Marktplätzen eine riesige Auswahl.
  • Die Verkäufer können ihre Angebote schönen, benutzen schönere Tiere für die Bilder.
  • Die Verkäufer liefern an die Haustür, manchmal sogar per Post.
  • Die Verkäufer verlangen recht hohe Preise. Das maskiert ihren Betrug, bringt mehr Gewinn und suggeriert Qualität.
  • Kunden kaufen zunehmend "Moderassen" ein wie etwa French Bulldogs oder noch kleinere Hunde. "Die sind kein Familienmitglied mehr, sondern Style-Produkt", sagt Schmidt.

Hundewelpen werden zur Massenware, die durch ganz Europa geschmuggelt wird.

Bild: Bundespolizei

So reagiert ebay auf die Vorwürfe

Auf Anfrage von watson zeigt sich ein Sprecher von ebay skeptisch gegenüber solcher Aussagen. Man wisse "um teils kriminelle Machenschaften in unserer Haustier-Kategorie", tausche sich aber auch mit Tierschutzorganisationen und Behörden aus.

Das sagt der Sprecher:

"Wir sind davon überzeugt, dass der unseriöse Handel mit Tieren – auch abseits von Onlineplattformen – vor allem durch Information einzudämmen ist. Potenzielle Käufer sollten informiert und sensibilisiert werden – um damit unseriösen/kriminellen Händlern die Geschäftsgrundlage zu entziehen."
watson

Politiker kommen nicht mit

Beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat man die Gefahr eigentlich schon vor Jahren erkannt. Bereits 2014 rief man dort eine Expertengruppe ein, um sich des Themas "illegaler Schwarzmarkt mit Welpen" anzunehmen. Aber:

  • Jedes Land in Europa hat seine eigenen Regeln zum Tierschutz.
  • Lücken werden von den Kriminellen ausgenutzt.
  • Ein Animal Health Law ist zwar bis 2019 in der EU auf dem Weg: Dem stark ansteigenden Handel auf Online-Plattformen wird darin aber kaum Rechnung getragen.
  • Gesetzgeber haben sowieso Probleme, den Online-Handel sinnvoll zu regulieren. Der Tierschutz fällt bei den Diskussionen hinten runter.
  • Ein erstes Diskussionspapier hat ein Bündnis von europäischen Ländern erst Ende 2017 bei der Kommission eingereicht.

Immerhin: In Deutschland haben sich in den Bundesländern die Polizisten der Sache angenommen und bekommen regelmäßige Schulungen über die richtige Fahndung nach illegalen Händlern. Dennoch, so sagt eine Tierschützerin, "wird der Kollege mit dem Hund oft zum Ansprechpartner mit Expertise gemacht".

Die Folgen für Hunde und Menschen

Der deutsche Tierschutzbund und "Vier Pfoten" listen schwerwiegende Folgen für Heime, Hundebesitzer und Tiere auf:

  • Die Besitzer kaufen unwissend schwerkranke und oft gefährlich gestörte Tiere ein.
  • Die mehr als 1.000 Tiere, die in den Jahren 2014 und 2015 in den Tierheimen aufgenommenen wurden, verursachten Kosten von rund 2,6 Millionen Euro.
  • Die Tiere (etwa das Kätzchen in Stuttgart) schleppen Krankheitserreger ein, die für Mensch und Tier gefährlich sind. Die Tollwut war bisher immerhin noch nicht dabei.
  • Es ist völlig unklar, wie viele der Tiere nach ihrer Auslieferung in Großstädten unter welchen Umständen gehalten werden.

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