Digital
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Bild

Bild: watson

WhatsApp-Gründer rechnet mit Zuckerberg ab und lässt Facebook ganz schlecht aussehen

Oliver Wietlisbach / watson.ch

WhatsApp-Mitgründer Brian Acton hat sich drei Jahre nach dem Verkauf der Chat-App an Facebook zurückgezogen. Jetzt rechnet er mit Zuckerberg ab.

2007 bewarb sich Brian Acton bei Facebook. Der Informatiker, der zuvor bei Apple und Yahoo gewesen war, bekam den Job nicht. Stattdessen gründete er mit seinem Freund Jan Koum WhatsApp. Anfang 2014 verkauften die beiden ihr Baby für die unfassbare Summe von 19 Milliarden US-Dollar an Mark Zuckerbergs Facebook-Konzern. Der Verkauf brachte Acton, der sich selbst als Geek und Tech-Nerd bezeichnet, rund 3,1 Millionen Euro ein.

Es hätte noch viel mehr sein können, hätte er nach dem Verkauf für vier Jahre bei Facebook ausgeharrt. Sein Vertrag sah vor, dass er sein Aktienpaket gestaffelt beziehen kann und die letzte Tranche frühestens nach vier Jahren ausbezahlt wird. Doch Acton schmiss den Job als WhatsApp-Co-Chef bei Facebook vor knapp einem Jahr hin und verzichtet somit – anders als sein Freund Jan Koum – auf die letzte Tranche seiner Aktienanteile. Sein vorzeitiger Abgang kostete ihn 850 Millionen Dollar.

Warum aber verzichtete Acton auf so viel Geld?

Bild

Jan Koum und Brian Acton (rechts) gründeten 2009 WhatsApp. Bild: wikipedia

Einen ersten Hinweis gab er im März dieses Jahres: Er twitterte kurz und knapp: "Es ist an der Zeit. #deletefacebook".

Danach herrschte Funkstille, weitere Tweets oder Erklärungen gab es nicht – bis jetzt.

Was steckt wirklich hinter seinem Abgang?

Rückblickend sagt Acton im Interview mit dem Wirtschafts-Magazin "Forbes":

"Letztendlich ist es so, dass ich mein Unternehmen verkauft habe. Ich habe die Privatsphäre meiner Nutzer für einen größeren Gewinn verkauft. Ich habe eine Entscheidung und einen Kompromiss getroffen. Und damit lebe ich jeden Tag."

Brian Acton Forbes

Kurz gesagt: Acton verließ Facebook unter Druck der Facebook-Chefs Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg, die mit WhatsApp endlich Geld verdienen wollen. Damit war der Tech-Nerd, der sich immer für ein werbefreies WhatsApp ausgesprochen hatte, nicht einverstanden. Also ging er und verzichtete auf zig Millionen.

Die lange Version der Geschichte ist weit vielschichtiger: Acton ist smart genug, sich nicht als moralischen Helden zu inszenieren, der sich selbstlos für die Rechte der Nutzer einsetzt. Stattdessen sagt er Dinge wie: "Facebook ist nicht der Bösewicht." Zuckerberg und Sandberg seien ganz "einfach sehr gute Geschäftsleute". Zuckerberg habe ihm einst nüchtern gesagt, dass WhatsApp für ihn einfach "ein Produkt des Facebook-Konzerns" sei, wie zum Beispiel Instagram. Für Acton und Koum war der Messenger eine Herzensangelegenheit.

"Datenschutz-Fanatiker" vs. Tech-Milliardär

Bild

Bild: YouTube

WhatsApp unter das Dach von Facebook zu stellen, stand von Anfang an unter einem schlechten Stern: "Facebook verfügt über eines der weltweit größten Werbenetzwerke; Acton und Koum hassen Werbung", bringt Forbes die verzwickte Situation auf den Punkt. Facebook macht 98 Prozent seines Gewinns mit Werbung, Acton hingegen ist ein "Datenschutz-Fanatiker", dessen Überzeugungen mit Zuckerbergs Maxime der personalisierten Werbung nicht vereinbar ist. 

Diese unüberbrückbare Dissonanz frustrierte Zuckerberg immer mehr, der auch unter Druck der Investoren steht, die bei jedem Quartalsbericht neue Rekordgewinne erwarten. Drei Jahre nach der Übernahme wollte Zuckerberg in den Status-Meldungen personalisierte Werbung anzeigen. Für Acton kam dies einem Verrat an den Nutzern gleich. Sein Motto für WhatsApp war stets: "Keine Werbung, keine Spiele, keine Gimmicks."

Acton schwebte vor, dass Vielnutzer einen sehr geringen Betrag bezahlen, wenn sie eine hoch angelegte Obergrenze an Gratis-Nachrichten verschickt haben. Weitere Einnahmen sollen Firmenkunden bringen, die WhatsApp für kommerzielle Zwecke nutzen. Da dieses Bezahlmodell viel weniger Gewinn einbringen würde als personalisierte Werbung, stieß er mit seinem Vorschlag bei Zuckerberg auf Granit. Zur Erinnerung: Zuckerberg hat 19 Milliarden Dollar für die App auf den Tisch gelegt. Die Facebook-Investoren erwarten, dass sich der Kauf bezahlt macht.

Klar ist: Die Vorstellungen von Zuckerberg und Sandberg einerseits sowie Acton und Koum andererseits waren von Anfang an nicht kompatibel. Auf der einen Seite die Tech-Nerds, die ihre App populärer und sicherer machen wollen. Auf der anderen Seite das Facebook-Führungsduo, das möglichst viel Geld aus WhatsApp bzw. seinen Nutzern pressen will (oder je nach Perspektive muss).

Warum also haben Acton und Koum ihre App überhaupt verkauft? Vor 2014 hatten sie jahrelang versichert, ihre App niemals zu verkaufen und auf keinen Fall Werbung zuzulassen.

Doch:

Jeder Mensch ist käuflich. Bei Acton und Koum lag die Grenze bei 19 Milliarden US-Dollar.

WhatsApp verdiente vor dem Verkauf an Facebook genug Geld, um die Mitarbeiter zu bezahlen, aber es war keine Gelddruckmaschine, wie es Zuckerberg vorschwebte. Als der Facebook-Chef Wind davon bekam, dass auch Google an WhatsApp interessiert ist, "kam er mit einer großen Summe Geld und machte uns ein Angebot, das wir nicht ablehnen konnten", sagt Acton.

Zuckerberg versprach, es gäbe "null Druck" in den nächsten fünf Jahren mit WhatsApp Geld zu verdienen, sprich Werbung anzuzeigen. Die WhatsApp-Gründer beharrten zudem auf eine Klausel im Vertrag, die ihnen ihr gesamtes Aktienpaket garantiert, sollte Facebook vor 2019 Werbung einführen oder andere "Monetarisierungs-Maßnahmen" umsetzen, denen sie nicht zustimmen.

Die WhatsApp-Gründer haben also einen goldenen Fallschirm, die User nicht. 2019 droht Ungemach.

2019 läuft die Schonfrist für WhatsApp ab

2016 führte WhatsApp eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ein, die das unbefugte Mitlesen von Nachrichten durch Dritte massiv erschwert. Selbst WhatsApp kann die Nachrichten nicht mitlesen. Die Verschlüsselung torpediert aber auch Facebooks Bestreben, personalisierte Werbung in WhatsApp anzuzeigen. Zuckerberg hat sich zunächst trotzdem für die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ausgesprochen. Doch 2019, wenn das Werbe-Moratorium abläuft, wird Facebook vermutlich Wege finden, auf die eine oder andere Art Werbung in WhatsApp anzuzeigen. 

Bild

Bild: statista

Actons Hass auf Online-Werbung und Profitmaximierung ist tief eingeimpft und geht auf seine Zeit als Manager bei Yahoo zurück. Yahoo pflasterte damals die Webseite mit Bannerwebung zu. Rasch Geld verdienen war wichtiger, als ein gutes Nutzererlebnis. Acton sah, wie sich die Geschichte bei WhatsApp zu wiederholen droht. Facebook tue alles, um mehr Geld zu verdienen, sagt er im Gespräch mit Forbes.

"Es war Zeit zu gehen."

Das Fass endgültig zum Überlaufen brachten wohl Facebooks Pläne, die Nutzerdaten von Facebook und WhatsApp zu verschmelzen. Die EU hat dies in Europa vorerst verhindert, im Rest der Welt ist die Datenverknüpfung bereits Tatsache. Acton musste der EU-Kommission bei der WhatsApp-Übernahme zu diesem heiklen Thema Auskunft geben. Er sei von Facebook angewiesen worden, zu sagen, dass es sehr schwierig wäre, die Daten von WhatsApp und Facebook zu verschmelzen. Doch im Hintergrund arbeitete Facebook – angeblich ohne sein Wissen – längst daran. Als die Pläne publik wurden, stand Acton als Lügner da.

Erzählt Acton die ganze Wahrheit?

Acton hat im Forbes-Interview seine Sicht der Dinge dargelegt. David Marcus, der ehemalige Facebook-Messenger-Chef, widerspricht ihm in einem als Privatperson veröffentlichten Blogpost mit dem Titel "The other side of the story": Marcus sagt, er sei bei vielen Meetings zwischen den WhatsApp-Gründern und Zuckerberg dabei gewesen und Zuckerberg habe WhatsApp viel mehr Autonomie zugestanden, als es in anderen Großkonzernen bei der Übernahme von Start-ups üblich sei.

WhatsApp habe zum Beispiel andere Büros als Facebook-Teams bekommen – samt wesentlich größeren Tischen und mehr privatem Raum. WhatsApp-Mitarbeiter hätten Facebook-Angestellte von ihren Konferenzräumen ausgeschlossen, was viele irritiert habe. Zuckerberg habe WhatsApp lange verteidigt, um dem Start-up den notwendigen Freiraum innerhalb des Konzerns zu gewähren.

Es sei "unterstes Niveau" ausgerechnet jene Leute öffentlich zu attackieren, die einen selbst zu einem Milliardär gemacht haben, schreibt Marcus weiter, der mittlerweile Facebooks Blockchain-Abteilung leitet.

Acton sagt, er habe von seinen 3,6 Milliarden Dollar eine Milliarde in einen Wohltätigkeitsfonds gesteckt. Mit 50 Millionen Dollar unterstützt er zudem den WhatsApp-Rivalen Signal, der ähnlich wie Threema auf eine sichere Kommunikation bedacht ist.

"Ich hasse Sprachnachrichten und jeden, der sie verschickt"

abspielen

Video: watson/Emily Engkent, Marius Notter

Das könnte dich auch interessieren:

YouTuberinnen vertreten Rollenbild wie aus den 50ern – es geht aber auch anders

Link zum Artikel

Es gibt 230 neue Emojis – und für was wohl wird dieses hier verwendet?

Link zum Artikel

Kartellamt verpasst Facebook blaues Auge – muss Zuckerberg das Datensammeln einstellen?

Link zum Artikel

Kartellamt schränkt Facebook beim Datensammeln ein

Link zum Artikel

Kartellamt gegen Facebook: Steht der "Gefällt mir"-Button auf der Kippe?

Link zum Artikel

Auf WhatsApp kursiert ein Panikvideo gegen das 5G-Netz – dahinter steckt ein Sektenguru

Link zum Artikel

Gründer tot, Passwort futsch: Kryptobörse kann 190 Millionen Dollar nicht auszahlen 

Link zum Artikel

App-"Shutdown": Apple blockiert Facebook – ist bald auch Google dran?

Link zum Artikel

Facebook wird 15 – und wächst trotz aller Skandale weiter und weiter

Link zum Artikel

Diesem Engländer wurde das Tablet geklaut – Protokoll einer 6-tägigen Verfolgungs-Jagd

Link zum Artikel

Diese 9 WhatsApp-Regeln solltest du nicht brechen – sonst droht die Kontosperrung

Link zum Artikel

Facebook soll Teenager gegen Taschengeld ausgespäht haben

Link zum Artikel

WhatsApp hat ab jetzt 4 neue Funktionen – eine kennst du von Instagram

Link zum Artikel

Das ist der beliebteste Tweet der Welt – aus Gründen ... 💸💸

Link zum Artikel

Verspottet, verprügelt, beerdigt: Doch auch nach 10 Jahren lebt Bitcoin weiter

Link zum Artikel

Samsung, Huawei oder doch Nokia? Diese Android-Handys erhalten am längsten Updates

Link zum Artikel

Das ist vermutlich der erste echte Blick auf das neue Galaxy S10

Link zum Artikel

IT-Behörde BSI wehrt sich gegen Kritik nach Datenskandal

Link zum Artikel

Apple verkauft immer weniger iPhones – das hat Gründe

Link zum Artikel

Hacker-Angriff: Diese Parteien und Politiker waren am stärksten betroffen

Link zum Artikel

++ Jagd nach den Hackern ++ NSA hilft offenbar ++ Anonyme Anrufe bei Martin Schulz

Link zum Artikel

Samsung verkündet Plan für Android 9 – zwei beliebte Modelle werden abgesägt

Link zum Artikel

7 Tastenkombinationen, mit denen du die Kollegen richtig ärgern kannst

Link zum Artikel

Speicherplatz freigeben bei Windows 10 – so löschst du den "windows.old"-Ordner

Link zum Artikel

Wie die Netzagentur Handynetze schneller machen und Funklöcher beseitigen will

Link zum Artikel

watson-Journalistin macht Datenstriptease: Das wissen Google, Apple und Zalando über mich

Link zum Artikel

Das sind die meist-gelikten Insta-Posts 2018 – ein Duo ist besonders begehrt

Link zum Artikel

12 überraschend nützliche Webseiten, die dir Geld, viel Zeit und noch mehr Nerven sparen

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Das steckt hinter dem gruseligen Whatsapp-Account "Momo"

Stell dir vor, du holst dein Smartphone aus der Tasche, öffnest Whatsapp, und hast einen neuen Kontakt in deinem Chatverlauf – ohne, dass du ihn selbst hinzugefügt hast. Und stell dir vor, dieser Kontakt hat nicht nur ein gruseliges Profilbild, sondern schickt dir auch noch kryptische Nachrichten und Horror-Fotos zu. Angeblich soll genau das seit langem weltweit geschehen.

Whatsapp-Accounts mit dem Namen "Momo" und dem Bild eines verzerrten Frauen-Gesichtes sorgen für Unruhe unter den Usern des …

Artikel lesen
Link zum Artikel