Frauen
3. November 2017: Frankfurt, Commerzbank-Arena: Fussball 1. Bundesliga, 11. Spieltag: Eintracht Frankfurt - SV Werder Bremen: Frankfurts Fans zeigen ein Transparent: Maennertag? Warum stehen bei Euch nur Fotzen? . *** 3 November 2017 Frankfurt Commerzbank Arena Soccer 1 Bundesliga 11 Matchday Eintracht Frankfurt SV Werder Bremen Frankfurts fans show a banner Maennertag Why are you only pussies

Wie hier bei Fans von Eintracht Frankfurt gilt Weiblichkeit immer noch als Schwäche und Beleidigung. Bild: imago sportfotodienst

Wo Frauen Fotzen sind – ich bin im Fußballstadion noch immer nicht willkommen

Unsere Autorin ist Fußballfan, fühlt sich im Stadion aber unwohl. Warum? Das hat sie sich im Rahmen des internationalen Frauentags von der Seele geschrieben.

Am 8. März wird watson zur Frau. Und das 24 Stunden lang. Am Internationalen Frauentag werden wir ausnahmslos Frauen abbilden, thematisieren und porträtieren. Trump, Hoeneß oder Kollegah haben dann Pause. Und ja, das wird auch Zeit. Auch auf watson.de sind Frauen in der Regel unterrepräsentiert. Und das liegt nicht nur an der Welt, in der wir leben, sondern auch an uns. Aber wir wollen besser werden. Heute ist ein guter Tag, um dafür ein Zeichen zu setzen.

Als ich sechs Jahre alt war, stand ich das erste Mal mit leuchtenden Augen im Fußballstadion – seitdem sind unzählige Samstage vergangen. Spieltage, an denen ich, mit kalten Füßen, mit Ketchup auf dem Schal, mit Jubelschreien, singend oder mit hängenden Schultern in der Kurve stand. Ich fühle mich im Fußballstadien so wohl wie zu Hause. Bis dieser Tag kam, der mich genau daran zweifeln ließ.

Es ist ein Mittwochabend im Februar, ich sitze mit Hertha-Schal und Bier in der S-Bahn und bin auf dem Weg ins Olympiastadion zum DFB-Achtelfinale zwischen Hertha BSC und dem FC Bayern München. Die Stimmung in der Bahn ist ausgelassen, ich stehe inmitten von ungefähr 20 Hertha-Fans, die Bier trinken und grölen. Ich mag das.

Gerade nehme ich einen Schluck von meinem Bier, als mir von hinten auf die Schulter getippt wird. Irritiert drehe ich mich um und stehe vor zwei etwa 60-jährigen Frauen. "Das gehört sich für eine junge Dame wohl überhaupt nicht!", keift die eine. "Dass du dich nicht schämst. Was würde deine Mutter denn sagen?", sagt sie weiter und zeigt aufgebracht auf Schal und Bier. Ich bin wie gelähmt und kann nicht antworten.

Als die beiden kurz darauf kopfschüttelnd aussteigen, schaue ich mich – immer noch sprachlos – in der Bahn um. Ich bin tatsächlich die einzige Frau mit Fan-Schal im Waggon. Nur wenige der mitreisenden Fans haben etwas von dem Vorfall mitbekommen – ein paar Männer mit Hertha-Trikots grinsen, zwei andere Jungen ohne Trikot gucken mich schulterzuckend an. Meine gute Laune ist verflogen, ich fühle mich fehl am Platz, bloßgestellt und irgendwie beschämt - obwohl ich weiß, dass es dafür eigentlich keinen Grund gibt.

Nur ein Viertel der gesamten Stadionbesucher in Deutschland ist weiblich, das ergab eine Repucom Studie von 2015. Die Tendenz ist zwar steigend, aber trotzdem ist der Fußball immer noch eine Männerdomäne. Und das liegt nicht daran, dass Frauen keinen Fußball mögen. Im Gegenteil - sogar 54 Prozent der Mädchen und Frauen zwischen 16 und 69 Jahren interessieren sich für Fußball. Umso merkwürdiger scheint es, dass trotzdem nur vergleichsweise wenige Frauen ins Stadion gehen. Woran das liegt, wird mir an diesem Tag allerdings deutlicher bewusst, als mir lieb ist. ("Bundesliga.com")

Wenn Frauen zu "Fotzen" werden

Eine Stunde nach dem S-Bahn-Vorfall stehe ich mit meinem Bruder in der Ostkurve. Die gute Laune ist wiederhergestellt und wir warten auf den Anpfiff, als sich zwei Jungs vor mir lautstark unterhalten: "Alter, warum ruft meine Fotze denn jetzt an, die weiß doch, dass ich beim Fußball bin." Beide lachen. Ich lache nicht, stattdessen fühle ich mich prompt wieder unwohl.

Nachdem knapp 70 Minuten gespielt sind, steht es 2:2. Die Stimmung ist aufgeheizt und das Spiel auf dem Höhepunkt, als ich von hinten jemanden grölen höre: „Wenn Hertha gewinnt, dann wird meine Alte heute extra hart weggebumst.“ Wieder erklingt zustimmendes Lachen aus den Reihen.

Mein Bruder und ich werfen uns einen kurzen Blick zu und ich bin froh, dass er dabei ist. Diese Einsicht schockiert mich aus zwei Gründen: Mein Bruder ist 18 Jahre alt – fünf Jahre jünger als ich. Es ist nicht seine Aufgabe mich zu "beschützen", er sollte nicht das Gefühl haben, mir den Rücken freihalten zu müssen. Und davon abgesehen: Dass ich mich als Frau auf einem öffentlichen Event mitten in Berlin unsicher und abhängig von einer männlichen Begleitung fühle, ist absurd. Vor allem, weil ich leidenschaftlich gerne und oft ins Stadion gehe, mitgröle und meinen Schal hochhalte – ich bin hier öfter, als viele der Männer um mich herum. Doch ich gehöre trotzdem nicht dazu, so zumindest mein Gefühl.

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Kutte eines Bayern-Fans mit einigen sexistischen Aufnähern. bild: imago

Das Spiel geht in die Nachspielzeit und vor uns steht der Capo in dunklem Pullover und blau-weißem Schal. Aus Leibeskräften brüllt er in ein Mikrofon und feuert die Ostkurve an – erfolgreich, die Stimmung brennt. Er fordert die Kurve auf, dass sie die Fäuste in die Luft heben. So wie hier in Berlin in der Kurve sieht das in ganz Deutschland aus: ein junger Mann mit Megaphon heizt auf einem Podest die Kurve ein. Eine Frau, die die Stimmung vorgibt, habe ich noch nie gesehen.

Wo sind die Frauen in der Szene?

Darüber habe ich mit Christin Gießler der Mitarbeiterin des Projekts "Kicks für Alle!" gesprochen. Gießler hat im Zuge des Projektes die Studie "Geschlechterverhältnisse in Fanszenen" durchgeführt und Ultras, Fanprojekte und -Medien zu Geschlechterrollen im Stadion befragt.

Sie weiß, warum es nicht einfach ist, sich als Frau in den männerdominierten Fangruppen durchzusetzen: "Die Anforderungen in Fanszenen sind extrem männlich konnotiert. Um in der Fanhierarchie aufzusteigen, muss man Eigenschaften zeigen, wie Durchhaltevermögen, Gewalt und Dominanz. Frauen müssen sich an diesen Werten orientieren – aber eben nicht nur. Zusätzlich müssen sie auch darauf achten nicht zu männlich zu wirken und sich auch vermeintlich weiblich zu zeigen. Man muss als Frau einen schmalen Grat treffen, um vollständig akzeptiert zu werden."

Bildnummer: 15108281  Datum: 24.11.2013  Copyright: imago/Eibner     Pauli Fans mit Plakat  FC St.Pauli , Fussball, 2 Bundesliga, 24.11.2013 Foto: Eibner EP_hlr; GER 2014 xns x2x 2013 quer premiumd Fussball 2. Bundesliga Maenner Saison 2013/2014 o0 gegen sexismus und homophobie ist heilbar kurios Zivilgesellschaft

Eine der wenigen Fanszenen, die das Problem schon erkannt haben: Die Fans des FC St. Pauli. bild: imago

Das Problem wird besonders von den Vereinen unterschätzt. Viele deutsche Vereine positionieren sich mittlerweile öffentlich gegen Rassismus und Homophobie. Rechte Parolen und homophobe Äußerungen finden, wenn auch schleichend, immer weniger Anklang in den Kurven. Das ist großartig. Doch die Diskriminierung von Frauen wir dabei oft vergessen. "Es würde helfen, wenn Vereine Sexismus als Problem erkennen und die Thematik beispielsweise in ihrer Satzung aufnehmen würden", erklärt Gießler. "Das wird im Moment zu wenig gemacht, es muss auch vonseiten des Vereins signalisiert werden, dass Frauen ein selbstverständlicher Teil der Stadionkultur sind."

Die Verantwortung liegt aber nicht allein bei den Vereinen, auch die Fans spielen eine wichtige Rolle, stimmt auch Gießler zu: "Wenn jemand eine sexistische Bemerkung macht und dafür öfter aus den eigenen Reihen laut kritisiert werden würde, würde das dem Sexismus die Selbstverständlichkeit nehmen und zu mehr Bewusstsein in der Kurve beitragen. Das wäre optimal."

Zurück in der Bahn

Als ich auf dem Weg nach Hause wieder in der S-Bahn sitze, beobachte ich eine Gruppe von jungen Frauen, die eine Flasche Wein öffnen und mit Pappbechern anstoßen. Sie reden laut über die Party, auf die sie heute gehen und lachen immer wieder ausgelassen. Sie scheinen keine Bedenken zu haben, sich falsch zu verhalten, zu wenig Frau zu sein oder zu viel. Sie scheinen keine Angst zu haben, nicht dazuzugehören. Es kommt keine wütende Oma um die Ecke und schreit sie an. Zumindest heute nicht.

Ich bin wieder in der realen Welt angekommen, weit weg vom Stadion. Und ausnahmsweise bin ich darüber heute sehr erleichtert. Aber ich werde wieder ins Stadion gehen – und irgendwann bin ich dann vielleicht auch willkommen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • josh89 09.03.2019 09:32
    Highlight Highlight Die Damen in der Bahn haben das vielleicht nur gesagt, weil es ein Hertha-Schal war, den du getragen hast. Dann könnte ich es nachvollziehen ;-)
  • Maximilian Lösch 09.03.2019 03:50
    Highlight Highlight Für mich als Mann und Mönchengladbach fan ist jede Frau im Stadion willkommen.Fahre zu dem auch immer mit meinem Schatz ins Stadion.lg

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