International
December 12, 2019, London, England, UK: British Prime Minister BORIS JOHNSON with DILYN the dog at Methodist Central Hall to cast his vote in the 2019 General Election. Johnson is on course to secure a huge Tory majority in the Commons, according to the exit poll. London UK PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAl94 20191212rual94013 Copyright: xRobxPinneyx

Ist das schon Hund oder noch Frisur? Boris Johnson beim Verlassen des Wahllokals. Bild: imago images/ZUMA Press

Analyse

Nach der UK-Wahl: Warum das Vereinigte Königreich zerfallen könnte

Nicht nur Boris Johnson hat gewonnen, sondern auch Nicola Sturgeon. Die Chefin der schottischen Nationalisten will einen eigenen Staat – und in der EU bleiben.

Philipp Löpfe

Großbritannien nennt sich auch das Vereinigte Königreich. Beide Begriffe stehen auf wackligen Füssen. Die Zeiten als Weltmacht sind längst Nostalgie, und in Sachen Vereinigung stehen die Zeichen auf Sturm.

Nicht nur die Konservativen in London haben die Champagner-Korken knallen lassen und Boris Johnson bejubelt. 534 Kilometer weiter nördlich in Edinburgh wurde ebenfalls gefeiert. Nicola Sturgeon hat mit der Scottish National Partei 48 von 59 Parlamentssitzen errungen.

 December 8, 2019, London, London, UK: London, UK. First Minister of Scotland Nicola Sturgeon departs the BBC after appearing on The Andrew Marr Show. London UK PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAl94 20191208zafl94026 Copyright: xGeorgexCracknellxWrightx

Auch sie hat gewonnen: Nicola Sturgeon, Chefin der schottischen Nationalisten. Bild: imago images/ZUMA Press

Geteiltes Königreich

Das bedeutet, dass die Insel nun in zwei Lager geteilt ist: Auf der einen Seite ein von den Tories beherrschtes Pro-Brexit-England, auf der anderen ein Pro-Europa dominiertes Schottland.

Engländer und Schotten sind sich seit jeher nicht grün. Braveheart und Mary Queen of Scots lassen grüßen. Der deutliche Wahlsieg der Konservativen wird die Feindschaft weiter befeuern. Johnson wird nun alles daran setzen, sein wichtigstes Wahlversprechen einzulösen, nämlich den Brexit möglichst rasch über die Bühne zu bringen.

Bild

Idol der Schotten: Der Freiheitskämpfer Braveheart. Bild: imago/Prod.DB

Damit stößt er die Mehrheit der Schotten vor den Kopf. "Mitten in den Siegesfeiern könnten die Konservativen nun fürchten, dass sie zwar den Brexit gewonnen, aber das Vereinigte Königreich verloren haben", kommentiert Robert Shrimsley in der "Financial Times".

Schottische Nationalisten sind echte Europäer

Die Furcht ist berechtigt. Im September 2014 hat sich beinahe die Hälfte der Schotten in einer Volksabstimmung für einen Austritt aus dem Vereinigten Königreich ausgesprochen. Der knappe Sieg der Austrittsgegner kam nur zustande, weil der damalige Premierminister David Cameron große Zugeständnisse an die Adresse der Schotten gemacht hatte.

Der Brexit war damals noch kein Thema. Cameron wiegte sich in der Illusion, dieses lästige Referendum locker über die Volksabstimmungs-Bühne zu bringen und dann weiterzumachen. Jetzt aber herrschen völlig andere Verhältnisse: Trotz ihres Namens sind die schottischen Nationalisten vehemente EU-Befürworter.

Nicola Sturgeon hat bereits mehrmals mit einem zweiten Referendum gedroht. "Die nächsten paar Jahre werden dominiert werden von einen Zusammenbruch des Vereinigten Königreichs und dem Kampf, Schottland in der Union zu behalten", stellt Shrimsley fest.

Auch Iren fühlen sich im Stich gelassen

Nicht nur die Schotten spielen mit Austrittsgedanken. Die Tatsache, dass Johnson die Nordiren in der Frage des sogenannten Backstops (fragt nicht) mit der EU brutal im Stich ließ, hat auch in Belfast sehr schlechte Gefühle hinterlassen. Und die Religionsfrage hat selbst auf der Grünen Insel an Bedeutung verloren. Gut möglich, dass Katholiken und Protestanten die Kirche Kirche sein lassen und sich wieder zusammenschließen – was übrigens auch logisch wäre.

Sollten Schotten und Iren das Vereinigte Königreich verlassen, dann könnten selbst die Waliser auf den Geschmack kommen und es ihnen gleich tun wollen. Im Extremfall hätte Großbritannien dann nicht nur vier Fußball-Nationalmannschaften, sonder drei neue Nationalstaaten.

Das Regieren wird Johnson nicht leicht fallen. "Get Brexit done" eignet sich prima als Wahlkampf-Slogan, ist jedoch teuflisch schwierig, in die Praxis umzusetzen. Der Brexit wird nun kommen – ein zweites Referendum ist endgültig vom Tisch –, aber wie, das wird sich in zähen Verhandlungen erst zeigen müssen.

Johnson muss beide Lager bedienen

Der klare Wahlsieg hat für Johnson einen weiteren Haken. Die Tories haben nun einen Teil der traditionellen Labour-Wähler am Hals. In den Industriestädten des Nordens sind frustrierte Arbeiter und Brexit-Befürworter gleich scharenweise zu den Konservativen übergelaufen.

 December 12, 2019, London, London, UK: London, UK. Jeremy Corbyn Leader of the Labour Party leaves his home and walks to the polling Station in Islington to cast his vote in today s General Election. As the Country decides on a new political party and Prime Minister. London UK PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAl94 20191212zafl94093 Copyright: xAlexxLentatix

Hat ausgelächelt: Jeremy Corbyn. Bild: imago images/ZUMA Press

Die neue Kundschaft mit den alten Rezepten von Margaret Thatcher bedienen zu wollen, wäre keine gute Idee. Johnson muss auch sein zweites Wahlversprechen einlösen, nämlich: die gescheiterte Austeritäts-Politik der Konservativen korrigieren und massiv in die Infrastruktur investieren. Daran werden wiederum die traditionellen Tories wenig Freude haben.

Corbyn spielt keine Rolle mehr

Labour ist der große Verlierer, und das zu Recht. Wie die Linken je auf den Gedanken kommen konnten, einen Mann wie Jeremy Corbyn auf den Chefsessel zu hieven, wird auf ewig ihr Geheimnis bleiben.

Nun ist Corbyn weg. Spuren hat er keine hinterlassen. "Nur ein paar schwache Echos seiner loyalsten Anhänger sind zu hören", kommentiert John Grace im "Guardian". "Auch sie werden früher oder später realisieren, dass sie in den Wind gepisst haben."

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Interview

Brexit: IfW-Präsident warnt – "Ein No-Deal ist noch immer möglich"

Am Freitag ist der Tag der Tage. Am 31.1. um 24 Uhr treten die Briten nach jahrelangen Verhandlungen und einer schier endlosen Odyssee aus der Europäischen Union aus.

Nachdem die (ehemaligen) britischen Premierminister David Cameron und Theresa May daran gescheitert waren, einen Deal mit der EU auszuhandeln, hat es Boris Johnson im vergangenen Herbst endlich geschafft, sich mit der EU zu einigen.

Trotzdem sind noch viele Fragen ungeklärt und sollen während einer Übergangsphase bis Ende 2020 …

Artikel lesen
Link zum Artikel