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U.S. President Donald Trump attends a news conference about the latest coronavirus disease (COVID-19) developments, in the Brady Press Briefing Room of the White House in Washington, U.S. August 23, 2020. REUTERS/Erin Scott

Donald Trump am 23. September im Weißen Haus. Bild: reuters / ERIN SCOTT

Analyse

"Betrifft eigentlich niemanden": Wie Trump das Virus heruntergespielt hat

US-Präsident Donald Trump und seine Frau Melania sind positiv auf das Coronavirus getestet worden. Trump ist in Quarantäne, seit seine enge politische Mitarbeiterin Hope Hicks kurz zuvor ebenfalls positiv auf das Virus getestet worden war.

Wie sehr sich die Infektion auf Trump selbst und die USA auswirken kann, wird stark vom Krankheitsverlauf abhängen. Zwei weitere Regierungschefs bedeutender Staaten haben eine Coronavirus-Infektion hinter sich: Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro überstand sie mit einem milden Krankheitsverlauf, den britischen Premierminister Boris Johnson erwischte es deutlich heftiger – er war sogar auf der Intensivstation eines Krankenhauses.

Auf Trump treffen mehrere Faktoren zu, die sein Risiko einer schweren Erkrankung erhöhen: Er ist zum einen 74 Jahre alt und ist außerdem übergewichtig. Das Risiko, schwer zu erkranken, ist bei 65- bis 74-Jährigen laut der US-Bundesgesundheitsbehörde CDC fünfmal höher als bei 18- bis 29-Jährigen. Das Risiko, an der vom Coronavirus verursachten Krankheit Covid-19 zu sterben, ist sogar 90-mal höher.

Zum anderen wurde bei Trump laut seinem damaligen Arzt Ronny Jackson 2018 ein erhöhter koronarer Kalkscore gemessen – also ein besonders hoher Kalkgehalt in bestimmten Herzgefäßen: ein Wert, der auf Herzprobleme schließen lassen könnte und somit auf ein noch höheres Risiko für Trump.

Verharmlosung von Februar bis zum TV-Duell

Sein fortgeschrittenes Alter und andere Risikofaktoren haben Trump nicht davon abgehalten, das Coronavirus bei öffentlichen Auftritten immer wieder zu verharmlosen. Einige Zitate verdeutlichen das.

Auf einer Wahlkampfveranstaltung in New Hampshire am 10. Februar etwa sagte Trump über das Virus, das in China schon mit voller Härte wütete und auch die USA bereits erreicht hatte:

"Sie sagen, dass es im April, wenn es viel wärmer wird, wie durch ein Wunder verschwinden wird. Ich hoffe, das stimmt. Die Lage hier in den USA ist großartig."

Gut zwei Wochen später, am 26. Februar, sagte er über das Virus:

"Das ist eine Grippe. Das ist wie eine Grippe."

Am 30. März erklärte Trump in einer Pressekonferenz:

"Sie wissen, dass das Virus vorbeigehen wird, wie durch ein Wunder."

Immer wieder hat Trump auch gesagt, das Virus betreffe nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung betreffe. Auf einer Wahlkampfveranstaltung im US-Bundesstaat Ohio erklärte der Präsident:

"Es betrifft ältere Menschen, Senioren mit Herzproblemen und anderen Problemen. Wenn sie andere Probleme haben, dann trifft es sie. So ist es."

Dann sagte Trump, jüngere Menschen seien fast nie betroffen (was nicht stimmt) – und fuhr wörtlich fort:

"Sie haben ein starkes Immunsystem, wer weiß es. Schauen Sie – Hut ab für die jungen Leute, die haben ein verdammt gutes Immunsystem. Aber die Krankheit betrifft eigentlich niemanden. Das ist schon ziemlich erstaunlich."

Und noch am Dienstag, während des ersten TV-Duells mit seinem demokratischen Konkurrenten Joe Biden, machte sich Trump über seinen Herausforderer lustig, weil der so oft eine Maske zum Schutz vor dem Virus trage. Trump wörtlich:

"Ich trage die Maske nicht wie er. Jedes Mal, wenn man ihn sieht, trägt er eine Maske. Er könnte 200 Fuß (ca. 61 Meter, d. Red.) entfernt von mir sprechen, er würde mit der größten Maske aufkreuzen, die man je gesehen hat."

Trump wusste es besser

Trumps Aussagen stehen in krassem Widerspruch zu den medizinischen Erkenntnissen zum Coronavirus: Es ist erheblich gefährlicher als saisonale Grippeviren, es wird selbstverständlich nicht einfach verschwinden – und regelmäßig erkranken auch junge Menschen schwer, wenn auch deutlich seltener als ältere.

Besonders gravierend ist Trumps monatelange Verharmlosung aber deshalb, weil der US-Präsident es offensichtlich besser wusste: In Gesprächen mit dem Journalisten Bob Woodward, die der für sein Buch "Rage" aufzeichnete, sagte Trump schon im Februar, dass das Coronavirus deutlich tödlicher sei als "unsere hartnäckigsten Grippeviren".

Trumps gefährliche Nachlässigkeit

Trump hat mit seiner Nachlässigkeit im Umgang mit dem Coronavirus vermutlich auch etliche Personen in seinem Umkreis gefährdet. Die "New York Times" berichtet, dass Trump und sein Umfeld schon am Mittwoch wussten, dass seine Beraterin Hope Hicks mit erheblicher Wahrscheinlichkeit infiziert war: Hicks hatte während einer Wahlkampfveranstaltung in Minnesota erste Symptome gezeigt und ging nach ihrer Rückkehr nach Washington in Quarantäne.

Trotzdem besuchte Trump laut Berichten danach weitere Wahlkampfveranstaltungen – ohne besondere Vorsichtsmaßnahme, ohne eine Gesichtsmaske zu tragen.

Laut der "Washington Post" flog Trump mit seinem Team nach New Jersey, um auf seinem Golfclub in Bedminster eine Veranstaltung für Wahlkampfspenden zu besuchen und dort eine Rede zu halten. Er soll dort in unmittelbarer Nähe von dutzenden Menschen gesessen haben, ohne eine Maske zu tragen.

Nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus wurde der US-Präsident dann positiv auf das Coronavirus getestet.

(se)

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