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Eine Rauchwolke nach der Explosion in Beirut. Bild: www.imago-images.de / Xinhua

Analyse

Experte erklärt tödliche Chemikalie – und äußert einen Verdacht

Nach den verheerenden Explosionen in Beirut mit über 130 Toten und rund 500 Verletzten ist Ursache weiter unklar. Laut den libanesischen Behörden waren am Dienstag 2750 Tonnen Ammoniumnitrat detoniert, die seit sechs Jahren ohne Vorsichtsmaßnahmen in einem Lagerhaus untergebracht waren. Die Detonation vom Dienstag steht nach unterschiedlichen Berichten in Verbindung mit dieser Substanz. Eine Untersuchungskommission soll bis zur kommenden Woche einen ersten Bericht vorlegen. Ammoniumnitrat ist ein starkes Oxidationsmittel, das zur Herstellung von Düngemittel, aber auch von Sprengsätzen verwendet wird.

Doch was hat es mit der Chemikalie auf sich? Und wie hat sie den tödlichen Unfall ausgelöst? Darüber haben wir mit einem Chemie-Experten gesprochen.

Ammoniumnitrat sei von der Gefährlichkeit her nicht vergleichbar mit beispielsweise Nitroglycerin, erklärt Professor Ulrich Abram vom Institut für Biologie und Chemie der Freien Universität Berlin watson. "Das ist auch in Düngemitteln enthalten, die Sie hier im Baumarkt bekommen. Da ist es allerdings mit anderen Stoffen vermischt."

Trotzdem gelte es gewisse Dinge zu beachten, besonders bei der Lagerung. In Deutschland sei das streng geregelt. Normalerweise wird die Chemikalie beim Lagern von Brennstoffen und Wärmequellen ferngehalten.

"Der Stoff als solcher ist nicht hochgefährlich, aber man muss beim Lagern bestimmte Vorkehrungen treffen."

So konnte es zur Explosion kommen

"Es ist ein körniges Salz", erklärt Abram weiter. "Es ist aber eine Massenchemikalie, von der man Tonnen braucht, weil es großindustriell genutzt wird. Man hätte aber nicht so viele tausend Tonnen – es sollen ja über 2000 gewesen sein – über Jahre zusammen lagern sollen." Er vergleicht es mit Speisesalz, das feucht werde und sich verbacken könne. Wenn das dann in einem großen Lager passiere, wo viel Ammoniumnitrat lagere, dann gehe eben alles hoch.

"Ammoniumnitrat zersetzt sich. Dann kann es zu einer chemischen Reaktion kommen – und das ist die Explosion."

Ob es Absicht war oder ein dummer Unfall lasse sich schwer sagen. Unfälle seien damit jedenfalls immer wieder passiert. "Das ist schon öfter vorgekommen, zum Beispiel bei der BASF vor hundert Jahren." 1921 wurden bei einem Unfall in einer Chemiefabrik des deutschen Unternehmens in Oppau 561 Menschen getötet. In einer Chemiefabrik im französischen Toulouse kamen bei der Explosion von rund 300 Tonnen Ammoniumnitrat im Jahr 2001 insgesamt 31 Menschen ums Leben. Auch bei einer Explosion in einer Düngemittelfabrik in Texas starben im Jahr 2013 15 Menschen.

Allerdings gibt es laut Abram auch Anzeichen, dass das Ammoniumnitrat nicht selbst der Auslöser gewesen sein könne. Auf den Bildern sehe man, dass es mehrere Explosionen gewesen seien und die Wolken unterschiedlich ausgesehen hätten.

"Das könnte bedeuten, dass es eine andere Ursache gab und die Explosion nur die Folge davon war, aber das ist von hier aus schwer einzuschätzen."

(mit Material von afp)

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