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SEOUL, SOUTH KOREA - MAY 02:  Turkish President Recep Tayyip Erdogan attends a meeting with South Korean President Moon Jae-in at the Presidential Blue House in Seoul on May 2, 2018 in Seoul, South Korea. Erdogan is the first Turkish leader to visit Seoul since the countries upgraded their bilateral ties to a strategic partnership in 2012.  (Photo by Pool/Getty Images)

Bild: gettyimages.de

Analyse

Erdoğan stolpert über die Lira – das könnte ihn den Wahlsieg kosten

Philipp Löpfle

Am Mittwoch hat die türkische Lira gegenüber den wichtigsten Währungen fünf Prozent, seit Beginn dieses Jahres mehr als 20 Prozent verloren. Die Inflation liegt bei 11 Prozent und die türkische Nationalbank musste die Leitzinsen von 13,5 auf 16,5 Prozent erhöhen.

"Erdogan kann vieles kontrollieren, aber nicht den Dollar."

Gonul Tul

Gleichzeitig haben allein die türkischen Unternehmen Auslandschulden in Höhe von 295 Milliarden Dollar. Die Last der Schuldzinsen wird höher, je tiefer die Lira fällt. Mit anderen Worten: Die türkische Volkswirtschaft befindet sich in einer misslichen Lage.

Nur lausige Optionen: Harvard Professor Dani Rodrik sieht schwarz für die Türkei. Bild: Judith Affolter / dani rodrik

Dani Rodrik, einer der renommiertesten Handelsökonomen der Welt und Professor an der Harvard University, hat türkische Wurzeln und kennt das Land bestens.

Er ist überzeugt, dass die Zentralbank derzeit bloß 3 Optionen hat, um den freien Fall der Lira zu bremsen. Alle sind lausig:

Die missliche Lage der Zentralbank wird noch verschärft durch die Tatsache, dass Präsident Recep Tayyip Erdoğan die elementaren Gesetzmäßigkeiten der Geldpolitik nicht wirklich begriffen hat. Er bezeichnet höhere Leitzinsen als "beides, die Mutter und den Vater von allen Übeln" und hat einst ernsthaft behauptet, höhere Leitzinsen würden zu einer höheren Inflation führen.

Turkey's President Recep Tayyip Erdogan addresses his supporters in Sarajevo, Bosnia, Sunday, May 20, 2018. Erdogan arrived in the Bosnian capital to address supporters living in Europe, ahead of snap June 24 elections in his country.(Presidential Press Service/Pool via AP)

Im Wahlkampf gibt sich Erdogan bodenständig. Bild: Pool Presdential Press Service

Gleichzeitig betont Erdoğan immer wieder, wie wichtig ihm die Unabhängigkeit der Zentralbank sei. Angesichts solchen Schwachsinns hat er jedoch das Vertrauen der Investoren verloren. Sie gehen davon aus, dass er die Zentralbank unter Druck setzt, die Leitzinsen nicht noch weiter zu erhöhen. Das bedeutet nach Adam Riese, dass der Kurs der Lira weiter fallen wird. Wer kann, bringt seine Devisen deshalb so schnell wie möglich ins Ausland.

"Die Türkei befindet sich mit allen im Clinch."

Philip Stephens

Der Lira-Crash erwischt Erdoğan auf dem falschen Fuß. Um seine Macht zu sichern, hat der Präsident vorzeitige Wahlen auf den 24. Juni angesetzt. Er erhofft sich dabei die Konsolidierung seiner bereits sehr großen Machtfülle.

Eine Panik könnte ihm nun die Wahlen versauen, denn seine Popularität hat in jüngster Zeit ohnehin gelitten.

Diktatoren neigen dazu, in Krisenzeiten die Schuld bei anderen zu suchen. Erdoğan ist keine Ausnahme. Anstatt seine Wirtschaft in Ordnung zu bringen, wettert er gegen Deutschland und die EU: "Die Europäer glauben, sie seien die Wiege der Zivilisation, aber sie haben versagt", tobte er jüngst an einer Wahlveranstaltung und pries gleichzeitig die Vorzüge des ehemaligen Osmanischen Reiches.

Vater des Wirtschaftswunders, das war einmal

Außenpolitisch bewegt sich Erdoğan auf dünnem Eis. Die Türkei ist nach wie vor Mitglied der NATO, geht jedoch auf Distanz zum Westen und flirtet mit Russland. In Syrien kämpft Erdoğan gegen die Kurden, die mit den USA verbündet sind, und ist gleichzeitig ein erklärter Feind des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, der seinerseits von Putin an der Macht gehalten wird.

In der "Financial Times" beschreibt Philip Stephens die Lage wie folgt: "Die Türkei befindet sich mit allen im Clinch. Die Beziehungen zu den USA befinden sich auf einem Tiefpunkt; mit Deutschland und Frankreich läuft es kaum besser. […] Russland ist ein Schönwetter-Kamerad, dem man nicht vertrauen kann. Seine Verhandlungen mit Israel muss Erdoğan verleugnen, und der Krieg in Syrien ist ihn sehr teuer zu stehen gekommen."

Einst galt Erdoğan als Vater des türkischen Wirtschaftswunders. Jetzt droht die Gefahr, dass er als Verursacher einer schweren Rezession dastehen wird.

Gonul Tul vom Middle East Institute in Washington erklärt deshalb in der "Washington Post": "Erdoğan kann vieles kontrollieren, aber nicht den Dollar. Seine Tendenz, alle wirtschaftlichen Entscheidungen an sich zu reißen, werden nun zu einer Belastung. Der freie Fall der Lira könnte ihn die Wahl kosten."

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