International
HANOVER, GERMANY - APRIL 24: U.S. Barack Obama greets German Chancellor Angela Merkel at the opening evening of the Hannover Messe trade fair on April 24, 2016 in Hanover, Germany. Obama met with German Chancellor Angela Merkel in Hanover earlier in the day and is scheduled to tour exhibition halls at the fair tomorrow. Hannover Messe is the world's largest industrial trade fair. (Photo by Alexander Koerner/Getty Images)

Angela Merkel und Barack Obama galten zum Ende seiner zweiten Amtszeit als enge Vertraute – das war aber nicht immer so. Bild: Getty Images Europe / Alexander Koerner

Analyse

"Ihre Augen waren groß und strahlend blau": Barack Obama mit warmen Worten für Angela Merkel

Kaum ein US-Präsident war so beliebt in Deutschland wie Barack Obama. Nur eine wollte sich dem Hype zunächst nicht anschließen: Angela Merkel. Laut den Erzählungen des US-Präsidenten mussten die beiden erst einmal warm werden. Teil 1 der watson-Serie zu Barack Obamas Memoiren.

200.000 Leute hatten sich vor der Siegessäule versammelt, um den Senator aus Chicago reden zu hören. Der ehemalige US-Botschafter John Kornblum war ebenso gebannt von dessen begnadeter Rhetorik wie Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Dicht an dicht drängten sich die Menschen, um mit ihren Kameras ein Foto vom Hoffnungsträger der Demokraten in den USA zu knipsen. Der 24. Juli 2008 war der John-F.-Kennedy Moment für Barack Obama. Kein US-amerikanischer Präsidentschaftskandidat hat es seither geschafft, die Deutschen derart für sich einzunehmen wie Barack Obama.

Nur eine war wenig begeistert vom aufsteigenden Politik-Star, der bald US-Präsident werden sollte: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Kanzlerin machte kaum einen Hehl daraus, dass sie den Rummel um den charismatischen Präsidentschaftskandidaten für übertrieben hielt. Auch ihrem engeren Umfeld und Beratern gab sie klar zu verstehen, dass sie ihn für überbewertet und einen Selbstdarsteller hielt. Zumindest erzählt das Barack Obama in seinen Memoiren. Watson hat die spannendsten Aussagen des ehemaligen US-Präsidenten über die Kanzlerin zusammengefasst.

Former US President Barack Obama speaks at a drive-in rally as he campaigns for Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden in Miami, Florida on November 2, 2020. (Photo by CHANDAN KHANNA / AFP) (Photo by CHANDAN KHANNA/AFP via Getty Images)

Bild: AFP / CHANDAN KHANNA

watson-Serie: Obamas Amerika – Alles zu seinen Memoiren "Ein verheißenes Land"

Teil 2: Barack Obama über Donald Trump.
Teil 3: Die Jagd und die Tötung von Osama bin Laden
Teil 4: Über das Leben im Weißen Haus

Aufgewachsen in unterschiedlichen Welten

Dass sie sich zunächst fremd waren, ist kaum überraschend: Die beiden Politiker könnten in ihrer Sozialisation kaum unterschiedlicher sein. Obama war 1961 als Kind einer damals noch außergewöhnlichen "mixed marriage" geboren worden, einer Mischehe zwischen einem kenianischen Austauschstudenten und einer weißen US-Amerikanerin. Es war die Zeit der Segregation in den USA. Die Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King war gerade erst im Entstehen. Obamas Eltern heirateten in einem der Bundesstaaten, in denen eine Verbindung zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe in den 1960er-Jahren überhaupt erlaubt war: Hawaii.

Barack Obama wuchs dort zunächst auf, zog dann mit seiner Familie in die indonesische Hauptstadt Jakarta, wo er die von Kapuzinern geführte "St. Francis of Assisi Elementary School" besuchte. Mit zehn Jahren kehrte Obama schließlich nach Hawaii zurück und wurde von dort an von seinen Großeltern aufgezogen. Obama studierte nach seiner Schulzeit an der renommierten Columbia University in New York City und arbeitete einige Jahre als Rechtsanwalt und für Wohltätigkeitsorganisationen, bevor er 1996 in den Senat gewählt wurde und seine politische Karriere begann. Eine Geschichte, die von sozialem Aufstieg und dem Kennenlernen verschiedener Kulturen geprägt war.

Angela Merkel hingegen war groß geworden in der DDR, im real existierenden Sozialismus der 1960er, 1970er und 1980er-Jahre. Demokratischer Protest, wie er zeitgleich im Süden der USA gegen die Rassentrennung stattfand, war in Ostdeutschland nur ferne Hoffnung. Ähnlich weit entfernt waren Auslandsreisen – oder überhaupt das Studieren an einer der Hochschulen, wenn man nicht die für das sozialistische Regime richtige politische Gesinnung an den Tag legte. In einem diktatorischen System lernte die spätere Bundeskanzlerin, sich den Gegebenheiten anzupassen und mit Pragmatik und kühlem Verstand auf das Wesentliche zu besinnen.

WASHINGTON - NOVEMBER 03:  U.S. President Barack Obama (R) meets with German Chancellor Angela Merkel (L) in the Oval Office at the White House November 3, 2009 in Washington, DC. Merkel will address a joint session of U.S. Congress later today.  (Photo by Alex Wong/Getty Images)

Hatten zunächst einen eher frostigen Start: Angela Merkel hielt Barack Obama für überschätzt und oberflächlich. Bild: Getty Images North America / Alex Wong

Die Pastorentochter und der "Zwerghahn" Sarkozy

Vernunftgeleitet, unemotional und in der Außendarstellung eher moderierend und zurückgenommen, so wurde Merkels Politikstil von vielen politischen Beobachtern beschrieben. Auch in der Corona-Krise zeigte sie sich zuletzt immer wieder als faktenorientierte Naturwissenschaftlerin, die ihre Aufmerksamkeit mehr Zahlen als Stimmungen zuwendete. Und so beschreibt sie auch Barack Obama in seinen Memoiren:

"Merkel, Tochter eines evangelischen Pastors, war in der Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen, hatte den Kopf eingezogen gehalten und in Quantenchemie promoviert. Erst nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war, stieg sie in die Politik ein und arbeitete sich in den Reihen der Mitte-rechts-Partei Christlich-Demokratische-Union mit einer Mischung aus organisatorischem Geschick, strategischem Scharfsinn und unerschütterlicher Geduld planmäßig nach oben."

Barack Obama, "Ein verheißenes Land"

Für den ehemaligen US-Präsidenten war die nüchterne Bundeskanzlerin das komplette Gegenteil zu ihrem französischen Pendant Nicolas Sarkozy, an dem der ehemalige US-Präsident kaum ein gutes Haar lässt:

"Die Unterhaltungen mit Sarkozy waren abwechselnd amüsant oder zum Verzweifeln, die Hände ständig in Bewegung, die Brust vorgestreckt wie bei einem Zwerghahn, den persönlichen Übersetzer (anders als Merkel sprach er nur begrenzt Englisch) immer an der Seite, um hektisch jede seiner Gesten und Betonungen wiederzugeben, während das Gespräch von Schmeichelei zu Gepolter zu echter Einsicht schoss und nie weit abschweifte von seinem vorrangigen, kaum verhohlenen Interesse, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen und die Lorbeeren zu ernten für alles, wofür es lohnte, Lorbeeren zu ernten. So dankbar ich war, dass Sarkozy meinen Wahlkampf schon früh begrüßt hatte (...), so wenig schwierig war zu sagen, wer von den beiden europäischen Spitzenpolitikern sich als der verlässlichere Partner erweisen würde."

Barack Obama, "Ein verheißenes Land"

In der Folge war Angela Merkel dann laut dem früheren US-Präsidenten auch sein erster Ansprechpartner, wenn er Kontakt zum alten Kontinent suchte. Deutschland war nicht nur wirtschaftlich das wichtigste Land der EU.

Man habe sich auch auf die Bundeskanzlerin und ihr Wort verlassen können, erklärt Obama. Allerdings war die Zuneigung, zumindest zu Beginn, nicht gegenseitig. Obama hatte einen schwierigen Start bei der Bundeskanzlerin, noch bevor er Präsident war: Für Angela Merkel war sein Wahlkampfauftritt in Berlin im Sommer 2008 vor 200.000 Menschen Zeichen von Obamas Selbstüberschätzung.

BERLIN, GERMANY - APRIL 05:  Former U.S. President Barack Obama and German Chancellor Angela Merkel chat moments before his departure after meeting with her at the Chancellery on April 5, 2019 in Berlin, Germany. Obama and Merkel met for over an hour.  (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Auch abseits der großen politischen Bühne noch in Kontakt: Angela Merkel und Barack Obama bei einem Treffen im April 2019. Bild: Getty Images Europe / Sean Gallup

"Eine gesunde Abneigung gegen mögliche Demagogie"

Wenn man den Darstellungen des ehemaligen US-Präsidenten folgt, war Merkel zunächst alles andere als begeistert von Obamas Talent als Redner. Trotzdem nahm Obama Angela Merkel ihre Skepsis nicht übel. Im Gegenteil: Der US-Präsident hatte mit Blick auf die deutsche Geschichte großes Verständnis für die Haltung der deutschen Bundeskanzlerin, die sich wohl auch unverkennbar in deren Mimik abzeichnete:

"Merkels Augen waren groß und strahlend blau, und sie konnten abwechselnd den Ausdruck von Frustration, Belustigung und Andeutungen von Besorgnis annehmen. Andererseits spiegelte ihre stoische Art ihr nüchtern-analytisches Bewusstsein wider. Gefühlsausbrüchen oder übertriebener Rhetorik stand sie bekanntermaßen misstrauisch gegenüber, und ihr Team gab später zu, dass sie mich zunächst skeptisch betrachtet habe, gerade wegen meiner Fähigkeiten als Redner. Ich nahm ihr das nicht übel, denn ich dachte mir, bei einer deutschen Regierungschefin war eine Abneigung gegen mögliche Demagogie vermutlich eine gesunde Einstellung."

Barack Obama, "Ein verheißenes Land"

Insbesondere ein gemeinsamer Besuch der Gedenkstätte Buchenwald mit dem Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel sensibilisierte Barack Obama für die Geschichte und das historische Vermächtnis der Bundesrepublik, wie er in seinem Buch schreibt. Der US-Präsident hatte einen persönlichen Bezug zum ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald: Einer seiner Großonkel, Charley Payne, war Mitglied der amerikanischen Infanteriedivision gewesen, die im April 1945 eines der Außenlager erreicht und mit der Befreiung begonnen hatte.

Der Besuch hat sich Barack Obama tief ins Gedächtnis eingebrannt, wie er in seinen Memoiren berichtet – und auch mehr Verständnis für die deutsche Skepsis und Abwehrhaltung gegenüber charismatischen Persönlichkeiten hervorgebracht. Mit einiger Bewunderung schreibt er über den Umgang der Bundeskanzlerin mit der deutschen Geschichte:

"Vor der Presse sprach Merkel anschließend mit so deutlichen wie demütigen Worten von der Notwendigkeit, dass die Deutschen sich der Vergangenheit erinnerten – dass sie sich der quälenden Frage aussetzten, wie ihr Heimatland solche Gräueltaten habe begehen können, und anerkannten, dass sie nun eine besondere Verantwortung trugen, sich gegen Fanatismus jeder Art zur Wehr zu setzen."

Barack Obama, "Ein verheißenes Land"

Und die Bewunderung für die Kanzlerin sollte mit der Zeit noch weiter steigen.

HANOVER, GERMANY - APRIL 25: U.S. President Barack Obama (L) and German Chancellor Angela Merkel visit the ifm electronics stand at hall 9 at the Hannover Messe industrial trade fair on April 25, 2016 in Hanover, Germany. This is likely to be Obama's last trip to Germany as U.S. president. The Hannover Messe is the world's largest industrial trade fair. (Photo by Alexander Koerner/Getty Images)

Pflegten später trotz inhaltlicher Differenzen ein vertrautes Verhältnis: Barack Obama und Angela Merkel auf der Messe Hannover während Obamas letztem Amtsjahr 2016. Bild: Getty Images Europe / Alexander Koerner

Eine gewachsene Beziehung

Es ist kein Geheimnis, dass Angela Merkel und Barack Obama zum Ende von dessen zweiter Präsidentschaft fast schon eine Art "Dream-Team" auf der politischen Bühne der Internationalen Beziehungen waren. Unvergessen die Bilder vom G7-Gipfel auf Schloss Elmau, auf denen Barack Obama und Angela Merkel eng vertraut miteinander im Gespräch zu sehen waren.

Trotz Obamas Fokus auf Asien sorgte die persönliche Beziehung zwischen den beiden Regierungschefs für ein gutes transatlantisches Verhältnis. Barack Obama lernte seine deutsche Kollegin, trotz inhaltlicher Differenzen, immer mehr zu schätzen, wie er in seinem Buch schreibt:

"Je besser ich Angela Merkel kennengelernt hatte, desto sympathischer war sie mir geworden; ich empfand sie als zuverlässig, ehrlich, intellektuell präzise und auf eine natürliche Art freundlich. Aber sie war auch konservativ veranlagt, ganz zu schweigen davon, dass sie eine kluge Politikerin war, die ihre Wählerschaft kannte. Wann immer ich ihr nahelegte, dass Deutschland mithilfe von Infrastrukturaufgaben oder Steuererleichterungen ein Zeichen setzen sollte, wies sie das höflich, aber bestimmt zurück. 'Ja, Barack, ich denke, das ist vielleicht nicht die beste Herangehensweise für uns', pflegte sie zu sagen und runzelte ein wenig die Stirn, als hatte ich etwas leicht Geschmackloses vorgeschlagen."

Barack Obama, "Ein verheißenes Land"

Auch mit den Marotten und Eigenheiten der Kanzlerin lernte Obama nach eigenen Angaben umzugehen. Die inhaltlichen Differenzen zwischen den beiden Ländern, wie die Forderung der USA nach einem höheren Beitrag Deutschlands für die NATO, wurden erst unter Obamas Nachfolger Donald Trump öffentlich heftig ausgetragen.

Das gute Verhältnis zwischen Obama und Merkel hielt indessen auch nach der Amtszeit des US-Präsidenten an. Im April 2019 besuchte er die Kanzlerin zu einem privaten Gespräch und beglückwünschte sie im Frühjahr 2020 zu ihrem gelungenen Management der Corona-Krise.

Bild

Barack Obamas Memoiren, "Ein verheißenes Land", erschienen am 17.November beim Penguin Verlag. Bild: penguin Verlag / random house

Barack Obama: "Ein verheißenes Land"

Aus dem amerikanischen Englisch von Sylvia Bieker, Harriet Fricke, Stephan Gebauer, Stephan Kleiner, Elke Link, Thorsten Schmidt und Henriette Zeltner-Shane.

1024 Seiten, mit 32 Seiten Farbbildteil.
Preis: 42,00 € (Hier erhältlich).
Am 17. November im Penguin Verlag erschienen.

Exklusiv

Um Schüler und Eltern zu entlasten: Lehrerpräsident fordert zusätzliches Schuljahr

Wie sollen die deutschen Schulen mit der Corona-Pandemie umgehen? Sind Schulen wirklich Infektionsherde? Und wie kann das Recht auf Bildung sichergestellt werden? Mit diesen Fragen muss sich momentan die deutsche Politik befassen. Eine allgemeine Maskenpflicht in Schulen gibt es noch nicht. Ebenso wenig eine einheitliche Regelung für den Fernunterricht oder das Halbieren von Klassen. Die Bund-Länder-Konferenz am Montag brachte kein nennenswertes Ergebnis.

Der Präsident des Deutschen …

Artikel lesen
Link zum Artikel