International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.

So will "Glückspilz" Macron von der WM-Euphorie profitieren

Der Weltmeistertitel der "Bleus" hat Frankreich in einen Freudentaumel gestürzt. Mittendrin feiert Präsident Emmanuel Macron. Seine Beliebtheit hat zuletzt gelitten, deshalb kommt der Triumph von Moskau für ihn gerade richtig.

Peter Blunschi / watson.ch

Das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland hat für denkwürdige Momente gesorgt. Dazu gehört das Foto von Emmanuel Macron in Jubelpose nach dem 1:0 für Frankreich (eigentlich ein Eigentor des Kroaten Mario Mandzukic). Aufgenommen wurde es sinnigerweise vom gleichen Fotografen, der sonst Russlands Präsidenten Wladimir Putin ins beste Licht rückt.

Bild

Ober-Euphoriker Macron feiert das 1:0 für Frankreich bild: ap/pool sputnik kremlin

Die Aufnahme verbreitete sich in Form von zahlreichen Memes im Internet. Hier ein paar schöne Beispiele:

Der französische Präsident ist ein großer Fußballfan. Seit Kindertagen schwärmt der im nordfranzösischen Amiens aufgewachsene Macron für Olympique de Marseille (OM), dem populärsten Fußballklub des Landes.

Noch mal die Bilder vom Finale

abspielen

Video: watson/Lia Haubner

Ein Schlüsselerlebnis war der Sieg von OM 1993 im allerersten Finale der heutigen Champions League. Captain war ein gewisser Didier Deschamps, der Frankreich nun als Nationalcoach zum zweiten Weltmeistertitel geführt hat. Der Erfolg gegen Kroatien im Endspiel von Moskau stürzte das Land in eine beispiellose Euphorie, die durch einzelne Ausschreitungen kaum getrübt wurde.

Erlösung nach schweren Jahren

Höhepunkt war die Triumphfahrt der "Bleus" am Montagabend über die Champs-Elysées in Paris. Hunderttausende jubelten den Spielern mit dem WM-Pokal zu. Der Titelgewinn der Multikulti-Truppe mit ihrem beispielhaften Teamgeist wirkt wie eine kollektive Erlösung für eine Nation, die schwere Jahre hinter sich hat, geprägt durch wirtschaftliche Stagnation und islamistischen Terror.

Sport Bilder des Tages French supporters celebrate on the Champs Elysees after the French victory during the final of the 2018 Football World Cup between France and Croatia, in Paris, France, on July 15th, 2018. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xChristophexMorinx

Die Feierlichkeiten in Paris Bild: imago sportfotodienst

Die Anschlagsserie vom 13. November 2015 in Paris hatte auch den Fußball im Visier. Einige Attentäter planten, sich im Stade de France während des Freundschaftsspiels zwischen Frankreich und Deutschland in die Luft zu sprengen. Die strengen Kontrollen verhinderten den terroristischen Super-Gau, die Islamisten zündeten ihre Sprengstoffgürtel im Umfeld des Stadions.

Die beiden Mannschaften mussten aus Sicherheitsgründen die Nacht im Stadion verbringen. Auch sportlich lieferte Frankreichs Nationalteam seit dem WM-Titel 1998 und der Europameisterschaft 2000 mehr negative als positive Schlagzeilen. Tiefpunkt war die "Meuterei" während der WM 2010 in Südafrika. Sie überschattete die Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy ähnlich wie der verlorene EM-Final 2016 gegen Portugal im Stade de France jene von François Hollande.

So grandios sieht die WM in Pixel-Optik aus

Die zehn Jahre unter den beiden glücklosen Staatschefs waren auch wirtschaftlich eine verlorene Dekade für Frankreich. Emmanuel Macron packte Reformen an und scheute nicht vor einer Konfrontation mit der kampflustigen Eisenbahnergewerkschaft zurück. Damit und mit angeblichen "Extravaganzen" enttäuschte er viele linke Wähler, die ihn als "Präsident der Reichen" kritisieren.

Popularität im Sinkflug

Macrons Popularität befand sich zuletzt im Sinkflug. Der Erfolg der Fußball-Nationalmannschaft könnte für eine Trendwende sorgen. Schon Präsident Jacques Chirac profitierte vom Titelgewinn 1998, seine Beliebtheitswerte stiegen um 14 Prozentpunkte. Meinungsforscher glauben, dass Macron ebenfalls profitieren wird, wenn auch kaum im gleichen Ausmaß.

Auf jeden Fall kommt der Triumph von Moskau zum richtigen Zeitpunkt. Einmal mehr erweist sich der 40-Jährige als Glückspilz, wie bei der Präsidentschaftswahl 2017. Macron war damals als Außenseiter gestartet und profitierte davon, dass alle ernsthaften Gegenkandidaten von ihrer Partei verschmäht wurden (Manuel Valls) oder sich selbst zerlegten (François Fillon), womit er als einzige valable Alternative zur rechtsradikalen Marine Le Pen verblieb.

Bild

Macron feiert den Frankreich-Sieg bei der WM in Russland. Bild: picture alliance

Mit Kriegsveteran in der Kabine

Nun scheint Macron erneut gewillt, die Gunst der Stunde zu nutzen. Als er nach dem Moskauer Endspiel die Mannschaft in der Kabine aufsuchte, hatte er einen Kriegsveteranen an seiner Seite, der im Antiterror-Einsatz in Mali ein Bein und einen Arm verloren hatte. Zum Halbfinal gegen Belgien in St. Petersburg hatte er einen zwölfjährigen Jungen aus der Banlieue mitgebracht.

French President Emmanuel Macron walks through the Galerie des Bustes (Busts Gallery) to access the Versailles Palace's hemicycle to address both the upper and lower houses of the French parliament at a special session in Versailles, near Paris, Monday, July 9, 2018. Macron is convening both houses of parliament to review his first year in office and lay out his plans for his mandate's next four years. (Charles Platiau/Pool via AP)

Macron auf dem Weg zu seiner Rede im Schloss von Versailles Bild: POOL Reuters

Innenpolitisch will er ebenfalls neue Akzente setzen. Noch im Juli will Macron die Chefs der 100 wichtigsten Unternehmen zu sich rufen, um von ihnen Engagement bei Ausbildung und Beschäftigung in Problemvierteln zu fordern. Und in seiner Grundsatzrede vor dem Parlament im Schloss von Versailles erklärte er, den "Sozialstaat des 21. Jahrhunderts" schaffen zu wollen.

Gut für Frankreichs Image

Mit solchen Initiativen ist die Hoffnung verbunden, die Euphorie über den Weltmeistertitel möge die Zuversicht im Land längerfristig stärken. Denn noch spüren viele Franzosen kaum eine positive Auswirkung von Macrons Reformpolitik in ihrem Portemonnaie. Fast noch wichtiger sei der Erfolg für Frankreichs Image im Ausland, sagte Frédéric Dabi vom Meinungsforschungsinstitut Ifop der Agentur Reuters: "Er verstärkt Macrons Botschaft 'France is back'."

Das wäre nötig in einer Zeit, in der die liberalen Demokratien unter Druck stehen und es an starken Führungsfiguren mangelt. US-Präsident Donald Trump betrachtet die Europäer als Gegner und turtelt lieber mit Autokraten, Bundeskanzlerin Angela Merkel ist angeschlagen, Premierministerin Theresa May durch den Brexit absorbiert, und in Italien toben sich die (Rechts-)Populisten aus.

Neue Helden braucht die Demokratie

Bleibt eigentlich nur Emmanuel Macron. Er hat in letzter Zeit mehrfach darauf hingewiesen, dass die mit der "dunklen Bedrohung" des Nationalismus konfrontierten liberalen Demokratien auf Helden angewiesen seien, um ein positives Nationalgefühl zu erzeugen. "In den 23 Spielern und ihrem Trainer, die den Weltcup nach Hause brachten, hat der glücklichste Mann der französischen Politik seine Helden gefunden", meint "The Economist" nicht ohne Pathos.

Fußballer als Helden der liberalen Demokratie? Auf den ersten Blick eine eher absurde Idee. Und doch sind vielleicht gerade die Spieler mit ihrem multiethnischen Background, die teilweise aus benachteiligten Verhältnissen stammen (Jungstar Kylian Mbappé wuchs als Sohn einer Algerierin und eines Kameruners im Pariser Vorort Bondy auf, wo die Arbeitslosigkeit bis 40 Prozent beträgt) genau die Vorbilder, die Europa in einer Zeit grassierender Flüchtlings-Hysterie braucht.

Überschätzen darf man diesen Effekt aber nicht. Der populäre Komiker Jamel Debbouze (er ist marokkanischer Abstammung) witzelte am Sonntag auf dem Fernsehsender TF1 mit Verweis auf die als "Black blanc beur" gefeierten Weltmeister von 1998: "Sie brachten den Rassismus in Frankreich zum Verschwinden ... für 48 Stunden."

Man kann nur hoffen, dass Emmanuel Macron sein Glückskonto noch nicht aufgebraucht hat.

Das war ebenfalls unvergesslich:

abspielen

Video: watson/Lia Haubner, Marius Notter

Mehr zum Weltmeister Frankreich:

Kroatien hat verloren – an der Staatspräsidentin hat es aber nicht gelegen

Link zum Artikel

Alle sind nass, nur Schirmherr Putin bleibt trocken: Das ist das Bild der WM

Link zum Artikel

Frankreich, du bist kein Weltmeister der Herzen (ist aber auch nicht schlimm)

Link zum Artikel

Er ist der Stürmer ohne Torschuss – das sind die weltmeisterlichsten Witze über Giroud

Link zum Artikel

Sie schafften es bis zu Mbappé – Die Final-Flitzer waren wohl von Pussy Riot 

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Militärdienst für die Jungs von BTS – das denken die K-Popstars darüber

Link zum Artikel

Dieses Rätsel ist so einfach, du wirst es niemals zugeben, wenn du es nicht lösen kannst

Link zum Artikel

Das? Das ist nur die wohl umfangreichste Schatzkarte aller bisherigen Zeiten

Link zum Artikel

PAOK Saloniki wird erstmals seit 34 Jahren Meister – und die Ultras drehen völlig ab

Link zum Artikel

FPÖ provoziert mit "Ratten-Gedicht" über Geflüchtete – Kanzler Kurz: "abscheulich"

Link zum Artikel

Überraschende Sex-Szene bei "Game of Thrones" – und die Fans flippen aus

Link zum Artikel

Erdbeben auf den Philippinen: Hier stürzt ein Hochhaus-Pool auf die Straße

Link zum Artikel

Sie eiferte Steve Jobs nach – und wurde zur größten Betrügerin im Silicon Valley

Link zum Artikel

Sri Lanka: Zahl der Todesopfer steigt auf 310 – Hinweise auf "Vergeltung" für Christchurch

Link zum Artikel

Journalistin macht sich über Enissa Amani lustig – deren Fans starten eine Insta-Hetzjagd

Link zum Artikel

An Hitlers Geburtstag legt die Schweiz die Nazi-Elf aufs Kreuz

Link zum Artikel

Böhmermann macht aus "GoT" die "Game of Shows" – mit Gottschalk und LeFloid

Link zum Artikel

Influencerin geht in Neuseeland baden – und wird dafür abgestraft

Link zum Artikel

Sri Lanka: Einheimische Islamisten sollen die Anschläge verübt haben

Link zum Artikel

Ukraine-Wahl: Komiker Selenskyj neuer Präsident

Link zum Artikel

"Game of Thrones": Ein beliebter Charakter lebt noch

Link zum Artikel

So instrumentalisieren rechte Ideologen den Brand von Notre-Dame für ihre Zwecke

Link zum Artikel

Diese Iranerin zog ihr Kopftuch aus und muss jetzt ein Jahr ins Gefängnis

Link zum Artikel

Hartz-IV-Sanktionen in der Schulzeit: "Ich lebte von 30 Euro im Monat"

Link zum Artikel

"Wir sind nicht bei der WM!" Club aus Brandenburg hat 5 Regeln für Helikopter-Eltern

Link zum Artikel

Bei der Hillsborough-Tragödie sterben 96 Fans – und werden dafür beschuldigt

Link zum Artikel

Vermisst und wieder aufgetaucht – 7 Fälle von Kindern, die verschwunden waren

Link zum Artikel

Der HSV wirbt mit seinen Fans – nur sind's keine Hamburger. Sondern Magdeburger!

Link zum Artikel

Weil Erdogan kam, drang die Polizei in das Büro dieses Abgeordneten ein – jetzt klagt er

Link zum Artikel

"Junge Mädchen werden hier kaputtgefickt" – Ex-Prostituierte will Sexkaufverbot erreichen

Link zum Artikel

Erstes Foto von einem Schwarzen Loch – und das Internet so 🤷‍♀️

Link zum Artikel

Findest du heraus, welche dieser traurigen Tier-Fakten stimmen?

Link zum Artikel

Die coolste Socke gehört auf den "GoT"-Thron! #TeamTyrion

Link zum Artikel

Pete wer??? Die neue Demokraten-Hoffnung ist jung, schwul und will Donald Trump besiegen

Link zum Artikel

"Finde das furchtbar!" Hamburg kämpft gegen Helikoptereltern – diese 3 Mütter machen mit

Link zum Artikel

Vorhaut-Cremes und Unten-ohne-Sonnenbäder: Die absurdesten Promi-Beauty-Tipps

Link zum Artikel

Wurden sie über Bord geworfen? Tote Kühe am Strand von Teneriffa angespült

Link zum Artikel

9 Eltern, die ihren Sinn für Humor hoffentlich weitervererben

Link zum Artikel

Frauenarzt?! Was im Rammstein-Video zu "Deutschland" keinem auffiel

Link zum Artikel

Nach dem sinnlosen Tod von Hund Sam warnt sie vor diesem Spielzeug

Link zum Artikel

19 Bilder, die dir zeigen: Es ist nicht alles, wie es scheint

Link zum Artikel

Der Tod des Patriarchats! Daenerys auf den Thron #TeamDaenerys

Link zum Artikel

Ich habe mich mit Mama & Oma über Emanzipation unterhalten – es lief anders, als erwartet

Link zum Artikel

Diese Russin ist ein Insta-Star – weil sie ihr Wald-Leben inszeniert wie eine Stadt-Ikone

Link zum Artikel

Wenn die Sonne stirbt, ist das wie ein leiser Pups

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Was wollen die "Gelbwesten"? Wir haben sie gefragt

"Wir wollen leben, nicht nur überleben": "gilets jaunes" in Paris sprechen mit watson Klartext.

In Frankreich strömten auch diesen Samstag tausende "gilets jaunes" die Straßen und ließen ihrer Wut auf Präsident Macron freien Lauf. Die Stimmung war aufgeladen, viele wollten nicht mit Journalisten sprechen. 

Auf unserem Streifzug durch Paris haben wir Paul, Yves, Claire, Mégane, Yannik, Jessica und Marc kennengelernt. Sie alle erzählen Geschichten von sozialer Ungerechtigkeit, von prekären Lebensumständen. Es sind zum großen Teil Menschen, die kaum von ihrem Lohn leben können – …

Artikel lesen
Link zum Artikel