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Viele aktuelle Entwicklungen auf der Welt sind bedenklich – zahlreiche Menschen leben unter kritischen Bedingungen (Symbolbild). Bild: Getty Images

Armut, Vermögen, Klimakrise: Graphiken zeigen, dass die Welt nicht nur besser wird

marko kovic

Angenommen, man könnte auswählen, als Durchschnittsmensch in irgendeiner Zeitperiode der bisherigen Menschheitsgeschichte auf die Welt zu kommen: Welchen Zeitpunkt sollte man rationalerweise auswählen?

Eine ziemlich gute Wahl dürfte die Gegenwart sein. Wer heute auf die Welt kommt, hat größere Chancen als jemals zuvor, die ersten paar Kindheitsjahre zu überleben, in den Genuss von Schulbildung zu kommen, nicht von Infektionskrankheiten dahingerafft zu werden, in einem demokratischen politischen System mitreden zu dürfen, und einen halbwegs geregelten und würdevollen Lebensabend zu haben.

Die Welt ist heute in mancherlei Hinsicht nicht nur besser als früher, sondern sogar so gut wie noch nie. Eine besonders neue oder überraschende Erkenntnis ist dies allerdings nicht. Bücher wie Hans Roslings "Factfulness" oder Steven Pinkers "Enlightenment Now", die den globalen Fortschritt zelebrieren, sind internationale Bestseller, und das Internet ist voll von "Die Welt wird besser"-Artikeln, die uns aufzeigen, dass unser subjektives Bauchgefühl ob des Zustands und der Entwicklung der Welt den objektiven Tatsachen oft nicht standhält.

Den massiven zivilisatorischen Fortschritt der vergangenen Jahrhunderte, dessen Früchte wir tagtäglich genießen dürfen, sollten wir durchaus würdigen. Eine gesunde Portion Fortschrittsoptimismus ist darum wichtig und richtig. Wenn differenzierter Fortschrittsoptimismus aber einem pauschalisierendem Fortschrittsglauben weicht, riskieren wir einen dreifachen Denkfehler.

Erstens wird nicht alles, was auf den ersten Blick besser zu werden scheint, auch wirklich so besser, wie man meinen könnte. Zweitens kann uns Fortschrittsoptimismus blind für die Dinge machen, die mit der Zeit schlechter geworden sind. Drittens genießen wir aktuell wahrscheinlich die Ruhe vor dem Sturm – und sind in Tat und Wahrheit so nah an der totalen Katastrophe wie nie zuvor.

Marko Kovic denkt und schreibt zu gesellschaftlichem Wandel und Technologie-bezogenen Risiken. Zu hören ist er im Podcast Denkatelier.

Die Methodenfrage, oder: Nicht alles, was besser zu werden scheint, wird auch (so) besser

Was ist "Fortschritt"? Fortschritt ist nicht ein Naturphänomen, das wir wie Bäume oder Bienen oder Bakterien direkt in der Realität beobachten können. Was Fortschritt bedeutet und wie Fortschritt gemessen wird, definieren und bestimmen einzig und allein Menschen. Dabei gibt es immer mindestens zwei grundlegende methodische Fragen zu klären: Was wird gemessen? Wie wird es gemessen? Je nachdem, was die Antworten auf diese Fragen sind, fällt das Bild über den interessierenden Sachverhalt unterschiedlich aus.

Die Bedeutung der Messmethode zeigt sich bei einem der größten Probleme überhaupt: Armut. Armutsbekämpfung ist mit guten Gründen eine globale Priorität, denn höhere Armut bedeutet weniger Glück und mehr Leid für die unmittelbar betroffene Person, für ihr Umfeld, sowie auch für ihre Nachkommen. (Die meisten armen Menschen sind nicht selbstverschuldet arm, sondern wurden in Armut hineingeboren.)

Wir müssen darum wollen, dass möglichst wenige Menschen möglichst wenig Armut erfahren.

Erfreulicherweise hat Armut in den vergangenen Jahrzehnten weltweit massiv abgenommen, wie Daten der Weltbank zeigen:

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Bild: weltbank

Der Anteil der Weltbevölkerung, der in extremer Armut lebt (ein tägliches Einkommen von weniger als 1,90 US-Dollar), ist seit 1981 von über 40 Prozent auf rund 10 Prozent gesunken. Die Grenze von 1,90 US-Dollar als Definition extremer Armut ist politisch aufgeladen und umstritten, aber das positive Bild bleibt grundsätzlich auch dann erhalten, wenn wir die Anteile der Weltbevölkerung betrachten, die weniger als 5 oder weniger als 7,50 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben.

Doch was passiert, wenn wir dieselbe Statistik in absoluten Zahlen anstatt in relativen Anteilen anschauen? Wenn wir also anschauen, wie sich die absolute Anzahl Menschen unterhalb der unterschiedlichen Armutsgrenzen verändert hat? Die Entwicklung ist nicht mehr ganz so positiv:

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Bild: weltbank

Die Veränderung bei extremer Armut ist auch in absoluter Hinsicht positiv (mit der Zeit leben immer weniger Menschen in extremer Armut), aber die absoluten Zahlen machen klar, dass heute immer noch Hunderte Millionen Menschen in erbärmlicher Armut leben. Bedenklicher ist das Bild bei den Armutsgrenzen von 5 und 7,50 US-Dollar: Trotz einer Trendwende circa ab dem Jahr 2000 lebten im Jahr 2015 mehr Menschen mit täglich weniger als 5 oder 7,50 US-Dollar als 1981.

Warum sind diese absoluten Zahlen wichtig? Bei moralischen Problemen wie Armut können wir nicht einfach das Durchschnitts-Glück oder Durchschnitts-Wohlbefinden berechnen und zufrieden sein, wenn sich dieser theoretische Durchschnittswert verbessert – wenn ich arm bin, habe ich nichts davon, wenn der theoretische Durchschnitts-Wohlstand steigt, weil es mit der Zeit mehr Menschen gab, denen es besser geht als mir. Was stattdessen zählt, ist die in der Realität relevante absolute Minimierung von Armut.

Children are forced to work on garbage collection, anti-trafficking concepts, and child labor.

Extreme Armut verursacht Leid. Bild: getty images

Das Bild der Armutsentwicklung wird zusätzlich unklarer, wenn wir die Rolle von China mitberücksichtigen. China hat in den vergangenen Jahrzehnten seit den Reformen Deng Xiaopings massive Entwicklungsschritte erlebt, die einen gewichtigen Teil der gesamten weltweiten Fortschritte bei der Armutsbekämpfung ausmachen. Das zeigt sich bereits in relativer Hinsicht:

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Bild: weltbank

Chinas Status als positiver Ausreißer bei der Armutsbekämpfung wird noch deutlicher, wenn wir die absoluten Zahlen betrachten:

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Bild: weltbank

Ein großer Teil der erfolgreichen Armutsbekämpfung der vergangenen Jahrzehnte hat in China stattgefunden. Der Trend im Rest der Welt ist deutlich weniger stark: Es gab Fortschritt, aber als Weltgemeinschaft sind wir noch weit von einer Lösung des Problems entfernt.

Ein anderes Beispiel für die Bedeutung methodischer Fragen ist die berühmte Elefantengrafik des Ökonomen Branko Milanovic. Die Elefantengrafik fasst zusammen, wie sich Einkommen in den letzten Jahrzehnten weltweit entwickelt haben. Die Elefantengrafik mit Daten von 1980 bis 2016 sieht folgendermaßen aus:

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Die Linie ähnelt der Silhouette eines Elefanten: Ganz links das gewölbte Hinterteil, in der Mitte der Rücken und ganz rechts der nach oben gestreckte Kopf und Rüssel. Diese Darstellung birgt einen überraschenden und positiven Befund. Die Einkommen der oberen 1 Prozent sind zwar massiv gestiegen, aber die zweite Gruppe, die in den vergangenen Jahrzehnten am meisten dazugewonnen hat, sind die unteren rund 50 Prozent der Weltbevölkerung. Das Einkommen jener Menschen also, die im weltweiten Vergleich sehr wenig haben, ist auffällig stark gewachsen.

Das ist eine erfreuliche Nachricht. Doch sie hat einen Haken: Auch in der Elefantengrafik werden relative Zahlen verwendet. Wie sieht das Bild aus, wenn das absolute Wachstum des Einkommens über die vergangenen Jahrzehnte berechnet wird? Ernüchternd, wie Forschende der Uni Bern anhand der Originaldaten von Branko Milanovic aufzeigen:

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Bild: uni bern

Es mag sein, dass das Einkommen der Ärmsten relativ gesehen stark gewachsen ist.

Das Problem ist aber, dass ein in relativer Hinsicht starker Anstieg von fast nichts unter dem Strich immer noch fast nichts ergibt.

Die zwei Beispiele der Entwicklung von Armut und von Einkommen bedeuten nicht, dass wir Messungen und Daten zu Fortschrittsthemen gar kein Vertrauen mehr schenken sollen. Es ist aber nützlich, solche Daten aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, damit wir uns nicht vorschnell in einen überhasteten Fortschrittsjubel hineinkaprizieren.

Die Welt wird auch schlechter

Es gibt Bereiche, in denen die Welt oder große Teile der Welt in den vergangenen Jahrzehnten tendenziell schlechter geworden sind. An dieser Stelle seien drei davon, die eine gesellschaftliche und auch emotionalen Brisanz haben, herausgepickt: Ungleichheit bei Vermögen; Erosion der Demokratie; steigendes Tierleid.

Wirtschaftliche Ungleichheit hat nicht nur mit dem Einkommen, sondern auch (und vielleicht vor allem) mit Vermögen, also mit all den Gütern, welche eine Person besitzt, zu tun. Perfekte Gleichheit bei Vermögen gab es noch nie und wird es auch nie geben, und zwar teilweise zurecht.

Wer beispielsweise spart und in eine Immobilie investiert, hat dieses Vermögen im Unterschied zu einer Person, die nur Party macht und ihr Geld aus dem Fenster wirft, wortwörtlich verdient.

Das Problem ist aber, dass jene, die bereits über größere Vermögen verfügen (und oftmals in Vermögen hineingeboren wurden), viel bessere Aussichten haben, ihr Vermögen weiter zu vermehren. Die Folge davon ist, dass das Vermögen der Superreichen weltweit wächst und wächst, während jenes der sprichwörtlichen globalen Mittelschicht stagniert:

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Die reichsten 1 Prozent der Weltbevölkerung besitzen heute rund ein Drittel des gesamten Weltvermögens. Erstaunlicherweise ist die Schweiz eines der letzten Länder, das noch eine Vermögenssteuer kennt. Deutschland, Dänemark, Schweden, Finnland und sogar Frankreich haben alle in den vergangenen Jahrzehnten die Vermögenssteuer zugunsten der Reichsten abgeschafft.

Ungleichheit mag sich akzentuieren, aber in demokratischen Ländern könnte das Pendel möglicherweise wieder in die andere Richtung schwingen, wenn der Leidensdruck für die Bevölkerung zu groß wird. Doch wie steht es eigentlich um die Demokratie selber? Mit dem Untergang der Sowjetunion gab es eine globale Explosion der Demokratie, was den Politologen Francis Fukuyama berühmterweise dazu bewegte, das metaphorische Ende der Geschichte auszurufen. Wie ist es heute um die Demokratie bestellt? Nicht universal gut, wie der Democracy Index der Economist Intelligence Unit aufzeigt:

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Ausgerechnet in Europa, der Wiege der Demokratie, erodiert diese. Ein genauerer Blick in die einzelnen Länder zeigt, dass Demokratie vor allem im Osten Europas in der Krise steckt:

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In jenen Ländern Europas also, die einst die diktatorische Unterjochung mit einem Schrei nach Freiheit und Demokratie abgelegt haben, stehen demokratische Werte und Institutionen heute unter Beschuss.

Ungleichheit mag weltweit steigen, und die Zukunft der Demokratie ist vielleicht ungewiss. Aber mindestens unseren moralischen Fortschritt kann uns niemand nehmen.

Wir anerkennen heute, dass Frauen gleichwertige Menschen sind; dass Menschen mit anderer Hautfarbe als der weißen gleichwertige Menschen sind; dass nicht-heterosexuelle Menschen gleichwertige Menschen sind; und so fort.

Unseren moralischen Kreis haben wir zudem auch auf nicht-menschliche Tiere ausgeweitet. So ist beispielsweise Tierquälerei verboten, und die meisten von uns hätten heute Mühe damit, einen Pelzmantel zu tragen. Nicht ganz in dieses Bild des moralischen Fortschritts passt allerdings der Umstand, dass die weltweite Fleischproduktion in den letzten rund 50 Jahren regelrecht explodiert ist:

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Die Menschheit konsumiert heute so viel Fleisch wie noch nie. Unserem Hunger fallen aktuell jährlich rund 60 Milliarden empfindungsfähige Tiere zum Opfer – Fische, Milchkühe und in der Eierproduktion eingesetzte Hühner nicht mitgerechnet.

Die moralische Katastrophe besteht dabei nicht bloß im Umstand, dass empfindungsfähige und intelligente Tiere ihres Lebens beraubt werden. Zusätzlich und wahrscheinlich schwerwiegender kommt hinzu, dass die meisten der heute gezüchteten Tiere kein schönes Leben vor dem Tod leben, sondern vor dem Schlachten ein qualvolles Dasein als Teil der Masse in der Massentierhaltung erleiden müssen.

Näher an der totalen Katastrophe als je zuvor

Ein Mann springt vom Dach eines 100-stöckigen Hochhauses. Nach 90 Stockwerken sagt er: "So weit, so gut!"

Ein wesentlicher Grund, warum uns Fortschritts-Storys wie jene des eingangs erwähnten Bestseller-Autors Steven Pinker so gefallen, dürfte sein, dass das Fortschritts-Narrativ etwas sehr Beruhigendes hat: Die Welt wird immer besser – und folglich haben wir das Schlimmste hinter uns. Dieser Blick durch die rosarote Fortschritts-Brille lässt aber aus, dass die Menschheit heute mit Problemen konfrontiert ist, die in nicht allzu ferner Zukunft unvorstellbar viel Schaden anzurichten drohen. Wir befinden uns aktuell lediglich in der Ruhe vor dem Sturm. Wir sind der Mann, der vom Hochhaus gesprungen ist und sich im freien Fall befindet.

Das offensichtlichste Beispiel für diese neue Kategorie von Problemen ist der Klimawandel. Klimawandel ist nicht einfach ein kleines Umweltproblem, das in gewissen isolierten Ökosystemen Schaden anrichten könnte. Klimawandel ist eine Art Totalphänomen: Eine zu starke Erwärmung der Erde könnte diese für die menschliche Spezies unbewohnbar machen.

Auf dem Spiel steht also nichts weniger als die zukünftige Existenz der Menschheit.

Das macht Klimawandel zu einem existenziellen Risiko: Ein Risiko, das die gesamthafte Existenz und positive zukünftige Entwicklung der Menschheit gefährdet.

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Der Klimawandel ist ein existenzielles Risiko. Bild: imago images / McPHOTO

Leider ist Klimawandel nicht das einzige Risiko in dieser schlimmstmöglichen Risikokategorie, denn mit unserer voranschreitenden technologischen Entwicklung entstehen laufend neue existenzielle Risiken. Von Atomwaffen über antibiotikaresistente Bakterien und Bioterrorismus bis hin zu unkontrollierbarer künstlicher Superintelligenz: Die Menschheit als Ganzes ist heute näher an einer totalen und irreversiblen Katastrophe als jemals zuvor.

Das bedeutet nicht, dass wir eine fatalistische Haltung einnehmen müssen. Existenzielle Risiken wie der Klimawandel sind zwar gigantische Herausforderungen, aber sie sind grundsätzlich menschengemacht: Das was Menschen erschaffen, können Menschen auch beeinflussen und steuern; egal, wie schlimm es ist. Wenn aber ein übertriebener Fortschrittsoptimismus der Filter ist, durch den wir die Zukunft der Menschheit sehen, kalibrieren wir unseren Risiko-Radar falsch und verpassen die Gelegenheit, den Katastrophen von morgen schon heute entgegenzuwirken.

Die Fortschritts-Denkfalle

Dr. Pangloss aus Voltaires klassischer Satire "Candide" ist der wohl berühmteste Optimismus-Trottel. Er lehrt seinen Zögling Candide, wir lebten in der besten aller möglichen Welten, obwohl die Welt, wie sich schnell herausstellt, unfassbar brutal und unfair ist (und ganz leicht weniger brutal und unfair sein könnte).

Wenn wir uns einem übertriebenen Fortschrittsoptimismus hingeben, tappen wir in eine noch gravierendere Denkfalle als Dr. Pangloss. Ein undifferenzierter Wohlfühl-Fortschrittsoptimismus verzerrt nämlich nicht nur den Blick auf den tatsächlichen Zustand der Welt. Feel-Good-Fortschrittsoptimismus verkennt auch, wie Fortschritt überhaupt entsteht:

Fortschritt gibt es dann und nur dann, wenn wir Probleme aktiv suchen, erkennen und anpacken.

Über jene, die das Schlechte in der Welt suchen und bekämpfen, sollten wir uns darum nicht lustig machen – sondern uns zu ihnen gesellen.

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