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A woman in protective gear rides a shared bicycle past a mural in Wuhan, the epicentre of the novel coronavirus outbreak, Hubei province, China February 28, 2020. REUTERS/Stringer  CHINA OUT.

Eine Frau in Schutzkleidung fährt Fahrrad in Wuhan. Bild: reuters / STRINGER

Wie effizient ein Lockdown das Virus bremst, zeigt das Beispiel China

Das Coronavirus breitet sich aus, auch in Deutschland steigen die Fallzahlen steil an. Die Bundesregierung hat gemeinsam mit den Ländern drastische Maßnahmen beschlossen. Appelle an die Bevölkerung, möglichst zu Hause zu bleiben, scheinen indes nicht die volle Wirkung zu entfalten. Dabei ist gerade das enorm wichtig – wie uns das Beispiel Chinas zeigt, wo das Virus zuerst auftrat.

China war also zuerst mit dem neuen Erreger konfrontiert. Der Ausbruch fand in Wuhan in der Provinz Hubei statt. Dort kam es zu einem extremen Anstieg der Infektionen – nicht aber in den anderen chinesischen Provinzen. Warum?

Die Antwort gibt eine – noch nicht durch Fachleute überprüfte – Studie der Universität Harvard, die Wuhan mit Guangzhou vergleicht. Beide chinesischen Städte reagierten mit massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens auf das Auftreten des Coronavirus. Der Unterschied liegt jedoch im Zeitpunkt, zu dem sie dies taten. Die Studie zeigt, welch enormen Einfluss rechtzeitig ergriffene Maßnahmen auf die Verbreitung des Virus hatten.

FILE PHOTO: Guangzhou and the Pearl river known by its Chinese name Zhujiang is seen during sunset from the Canton Tower observation deck in Guangzhou, China, September 3, 2019. REUTERS/Jorge Silva -/File Photo

Guangzhou liegt in Südchina. Die Metropole hat über 14 Millionen Einwohner. Bild: reuters / Jorge Silva

In Wuhan trat das neuartige Virus im Dezember erstmals in Erscheinung (der erste Fall konnte später auf den 17. November zurückverfolgt werden). Die Behörden konnten oder wollten allerdings erst nach mehreren Wochen erkennen, womit sie es zu tun hatten. Es dauerte bis zum 23. Januar, bis sie weitgehende Maßnahmen ergriffen; zuerst wurde Wuhan abgeriegelt, dann nahezu die gesamte Provinz Hubei unter Quarantäne gestellt. Zu diesem Zeitpunkt belief sich die Zahl der täglich neu festgestellten Fälle in der 11-Millionen-Stadt auf rund 400.

In Guangzhou dagegen verhängten die Behörden die Restriktionen bereits eine knappe Woche nach dem ersten positiven Test in der Stadt – der erste Fall in Guangzhou trat am 19. Januar auf.

Die unterschiedliche Verbreitung des Virus in den beiden Städten zeigt sich in den Fallzahlen: Zwischen dem 10. Januar und dem 29. Februar lagen in Wuhan im Durchschnitt jeden Tag 637 Corona-Patienten auf einer Intensivstation und 3454 in allgemeiner Krankenhauspflege. Während des Höhepunkts der Epidemie lagen jeden Tag im Schnitt 19.425 Corona-Patienten im Krankenhaus, von denen 9689 schwer erkrankt waren und 2087 auf der Intensivstation lagen.

In Guangzhou indes benötigten zwischen dem 24. Januar und dem 29. Februar im Schnitt 9 Patienten pro Tag intensive Pflege, 20 weitere Patienten lagen in der allgemeinen Abteilung. Als der Ausbruch seinen Höhepunkt erreichte, waren es täglich 38 Schwererkrankte und 15 Patienten auf der Intensivstation.

Extrem unterschiedliche Mortalität

Die Fallsterblichkeit lag in Wuhan bei etwa 4,5 Prozent aller Corona-Patienten. In Guangzhou waren es lediglich ca. 0,8 Prozent. Der Grund für diese massive Diskrepanz liegt gemäß der Studie darin, dass die Kliniken in Wuhan extrem überlastet waren, was dazu führte, dass Patienten nicht zum richtigen Zeitpunkt die Pflege erhielten, die sie benötigten. Zudem waren auch bei vielen Patienten, die an sich gepflegt werden konnten, die nötigen Mittel – beispielsweise Beatmungsgeräte – nicht vorhanden.

Das überlastete Gesundheitswesen in Wuhan dürfte laut der Studie nicht nur für die höhere Zahl der Toten verantwortlich sein, sondern vermutlich auch für einen Anstieg der Ansteckungen. Da zahlreiche Leute für ihre erkrankten Angehörigen kein Krankenhausbett fanden, fuhren sie mit ihnen auf der Suche nach einem Krankenhaus, das noch Platz hatte, in der Stadt herum – und verbreiteten so das Virus weiter.

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Die Millionenstadt Wuhan in der Provinz Hubei. Bild: www.imago-images.de / Chen Yehua via www.imago-images.de

Die Hauptgefahr, die vom Virus und von der von ihm verursachten Krankheit ausgeht, ist nach den Erfahrungen in China die Überlastung des Gesundheitswesens. Aus diesem Grund ist es so wichtig, die Anzahl der Ansteckungen so niedrig wie möglich zu halten – und damit auch die Anzahl der Patienten, die Krankenhauspflege benötigen.

Zum Vergleich: Der erste bestätigte Fall in Deutschland trat am 28. Januar auf. Hätten die Behörden wie jene in Guangzhou eine knappe Woche danach kompromisslose Restriktionen verhängt, hätte sich das Virus in Deutschland höchstwahrscheinlich nicht so schnell verbreiten können.

Spanische Grippe als Beispiel

Selbstredend bestimmen noch weitere Faktoren den Verlauf der Pandemie in einem Land; dazu zählen harte Fakten wie etwa die Anzahl der verfügbaren Klinikbetten, aber auch weiche Faktoren – etwa, ob man sich öfter berührt, wie schnell man üblicherweise zum Arzt geht und dergleichen. Dessen ungeachtet zeigt die Studie sehr deutlich, dass es bei der Eindämmung der Pandemie enorm wichtig ist, die Kontakthäufigkeit in der Bevölkerung und damit die Zahl der Ansteckungen zu vermindern.

Ein Beispiel, das dies illustriert, ist der Verlauf der Spanischen Grippe, die 1918 rund um den Globus Millionen von Toten forderte. Damals war die rechtzeitige Schließung von Schulen einer der bestimmenden Faktoren, die den Verlauf der Pandemie an einem Ort beeinflussten.

Epidemiologen sind sich dieser Zusammenhänge bewusst. Es ist daher kein Wunder, dass diverse Experten uns beinahe flehentlich dazu aufrufen, zu Hause zu bleiben.

(dhr/watson.ch)

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