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Bild: LaPresse via ZUMA Press / Massimo Paolone

Warum das Coronavirus Europa härter trifft als Asien

marko kovic / watson.ch

Die Coronavirus-Pandemie hat die Welt überrascht. Der Erreger und die durch ihn verursachte Krankheit Covid-19 traten erstmals im Dezember 2019 in der chinesischen Stadt Wuhan auf. Nur wenige Monate später war Sars-CoV-2 weltweit verbreitet. Die Regierungen der Welt tun ihr Bestes, um die Pandemie einzudämmen und zu bekämpfen.

Wenn wir alle gemeinsam diszipliniert die empfohlenen Verhaltensregeln wie "Social Distancing" sowie häufiges und gründliches Händewaschen befolgen, können wir dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus und der Krankheit zu verlangsamen.

Marko Kovic denkt und schreibt zu gesellschaftlichem Wandel und Technologie-bezogenen Risiken. Zu hören ist er im Podcast Denkatelier.

Ist damit die Geschichte der Coronavirus-Pandemie bereits fertig erzählt? Nicht ganz. Ein Blick auf die Entwicklung des Ausbruchs zeigt nämlich, dass Länder in Europa und Nordamerika im Vergleich zu Ländern in Ostasien offenbar deutlich mehr Mühe bekunden, die Pandemie einzudämmen. Der bisherige Verlauf der bestätigten Fälle pro 100.000 Einwohner sieht für einige europäische und nordamerikanische Länder wie folgt aus (Daten der Johns Hopkins University):

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Bild: marko kovic

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Bild: marko kovic

Der Unterschied ist erstaunlich: Die ostasiatischen Länder schaffen es bisher deutlich besser, die sogenannte Kurve an Infektionen flach zu halten, obschon der Ausbruch bereits im Januar stattfand. Sogar Südkorea, das ostasiatische Land mit dem relativ gesehen schlimmsten Ausbruch, hat die Neuinfektionen in den Griff bekommen.

In den westlichen Ländern ist das Bild umgekehrt: Es passierte bis zur zweiten Februarhälfte wenig (das Virus musste erst ankommen), dann aber schossen die Infektionen in die Höhe. In Nordamerika und dem Vereinigten Königreich ist die Welle erst am Heranrollen, aber auch in diesen Ländern ist ein starker Anstieg zu erwarten.

Warum breitet sich die Pandemie in westlichen Ländern explosionsartig aus, während ostasiatische Länder die Kurve flach halten und die Ausbreitung verlangsamen? Es gibt unterschiedliche mögliche Antworten.

These 1: Krisenmanagement geht ohne Demokratie besser

Die bisher erfolgreiche Eindämmung der Pandemie in China und in Singapur drängt die Frage auf, ob das Krisenmanagement in undemokratischen Ländern womöglich besser funktioniert als in demokratischen. Während China zentralisiert und entschlossen durchgreifen kann, gab es in Europa monatelang die übliche verwirrende und teilweise widersprüchliche Kakophonie von verantwortlichen Stimmen, die nicht unbedingt Klarheit und Sicherheit ausstrahlte.

Doch die These, dass Demokratie dem Krisenmanagement nicht zum Nutzen gereicht, ist wacklig. Einerseits zeigen die Daten, dass auch demokratische Länder in Ostasien wie Taiwan, Japan, Südkorea und Hongkong (das formal zu China gehört) sehr erfolgreich im Kampf gegen die Pandemie sein können.

Andererseits ist es sehr wahrscheinlich genau Chinas antidemokratische Gesinnung, welche es unmöglich gemacht hat, die Ausbreitung des Coronavirus im Keim zu ersticken, bevor sie überhaupt erst zu einer Pandemie wurde. China hat zu Beginn wichtige Informationen zurückgehalten, keine Maßnahmen ergriffen, reagierte auf die ersten Fälle zögerlich und war gegenüber der internationalen Gesundheits-Gemeinschaft intransparent. Insgesamt dürfte Autokratie also kein Faktor sein, der den Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie vereinfacht.

These 2: Geografie spielt eine Rolle

Japan, Singapur und Taiwan sind Inselstaaten; Südkorea ist eine Halbinsel. Das könnte rein geografisch ein Vorteil im Kampf gegen die Pandemie sein, weil der Strom an Menschen besser überwacht und, wenn nötig, abgeklemmt werden kann. Durchgangsländer wie Deutschland oder die Schweiz hingegen haben den Nachteil, mit relativ vielen Ländern relativ viele Grenzübergänge auf dem Landweg zu teilen, was die Kontrolle der Personenströme deutlich erschwert.

A reporter stands in front of a coronavirus global map of during a tour of the

Eine Karte im US-Gesundheitsministerium zeigt die Verbreitung des Coronavirus in China und Anrainerstaaten. Bild: reuters / CARLOS BARRIA

Im Prinzip ist also recht klar, warum Geografie eine Rolle spielen kann: Je schwieriger es ist, in ein Land zu gelangen, desto schwieriger ist es eben auch für infizierte Personen, in ein Land zu gelangen. In der Realität dürfte die Rolle geografischer Gegebenheiten aber durch den modernen Flugverkehr relativiert sein.

China befördert jährlich über 600 Millionen Passagiere; Japan über 120 Millionen; Südkorea knapp 90 Millionen; Singapur über 40 Millionen. Die Coronavirus-Pandemie hat sich weltweit in erster Linie wegen des regen internationalen Flugverkehrs ausgebreitet und nicht wegen Grenzübergängen auf der Straße oder Schiene.

These 3: Die ostasiatischen Gesundheitssysteme sind besser

Der Umstand, dass ostasiatische Länder die Coronavirus-Pandemie relativ gut im Griff haben, könnte darauf hindeuten, dass diese Länder allgemein über bessere Gesundheitssysteme verfügen. Diese These macht an sich durchaus Sinn: Je effektiver und effizienter ein Gesundheitssystem, desto besser sollte es universal für Herausforderungen und Krisen wie die Coronavirus-Pandemie gewappnet sein.

In einer großangelegten, internationalen Studie von 2018 zeigt sich denn auch, dass die Gesundheitssysteme in Japan, Singapur und Südkorea bei Zugang und Qualität der Versorgung mit jeweils 94, 91 und 90 von 100 Punkten zur Weltspitze gehören. Doch Taiwan erreicht nur 85 Punkte, und China ist sogar relativ weit abgeschlagen mit nur 78 Punkten. Gleichzeitig bewegen sich in dieser Studie auch westliche Länder an der Weltspitze. Die Schweiz erreicht ganze 96 Punkte, Italien 95, Deutschland und Frankreich je 92.

 Coronavirus Angst, Auswirkungen wegen des Coronavirus Covid-19 im Siegerland, Hinweisschild zum Thema Coronavirus am Eingang vom St. Marien Krankenhaus Symbolbild zum Thema Coronavirus am 15.03.2020 in Siegen/Deutschland. *** Coronavirus fear, effects because of the coronavirus Covid 19 in Siegerland, sign on the topic coronavirus at the entrance of St Marien hospital symbolic picture on the topic coronavirus on 15 03 2020 in Siegen Germany

Hinweisschild zum Thema Coronavirus am Eingang vom St. Marien Krankenhaus in Siegen. Bild: imago images / Rene Traut

Natürlich ist eine einzige Studie, so umfassend sie auch sein mag, nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn es um Gesundheitsversorgung geht. Aber grundsätzlich lässt sich wohl sagen, dass es keine Kluft zwischen der Qualität der Gesundheitsversorgung in ostasiatischen und in westlichen Ländern gibt.

Die Gesundheitsversorgung ist in Ostasien nicht kategorisch besser und teilweise sogar tendenziell schlechter als in westlichen Ländern. An der These, dass bessere Gesundheitssysteme erklären, warum ostasiatische Länder die Pandemie besser im Griff haben, dürfte also nicht viel dran sein.

These 4: In Ostasien sind Menschen für Infektionskrankheiten sensibilisiert

Das Bild der ostasiatischen Person mit einer Gesichtsmaske gehört für uns im Westen mehr oder weniger zum Repertoire der Stereotype, wenn es um Asien geht. An diesem Stereotyp ist tatsächlich etwas dran: Im Westen trägt kaum jemand öffentlich Gesichtsmasken während der Grippesaison, aber in Ostasien ist diese Form des Ansteckungsschutzes weit verbreitet; nicht zuletzt, weil die Gesichtsmaske zu einem kulturellen Symbol für Solidarität mit Mitmenschen wurde.

Christian faithful wearing masks to prevent contacting coronavirus pray during a service in Seoul, South Korea, February 23, 2020.    REUTERS/Kim Hong-Ji

Christen beten in Seoul. Bild: reuters / KIM HONG-JI

Es scheint entsprechend nicht weit hergeholt, dass die kulturelle Prägung im Umgang mit Infektionskrankheiten einen Einfluss auf den Verlauf der Coronavirus-Pandemie haben könnte. In Krisenzeiten wie der aktuellen Pandemie können ostasiatische Länder dieses kulturelle Kapital der in der Bevölkerung verankerten Verhaltensroutinen, Einstellungen und Normen mobilisieren.

In der Kultur westlicher Länder ist die Sensibilisierung für Infektionskrankheiten hingegen eher tief, und entsprechend schwierig fällt es der Bevölkerung, ihr Verhalten und ihren Tagesablauf zu verändern. Wir sind es schlicht nicht gewohnt, mit Infektionskrankheiten umzugehen und haben nun entsprechend Mühe, unser Verhalten anzupassen. Davon zeugen nicht zuletzt Leute, die auch inmitten der Pandemie unvernünftiger Weise nicht auf Party und Ausgang verzichten wollen.

These 5: Die ostasiatischen Länder haben sich vorbereitet

Wenn wir den Umgang westlicher Regierungen mit der Coronavirus-Pandemie nachzeichnen, zeigt sich im Grunde ein ähnliches Bild: Bis die ersten bestätigten Fälle auftreten, wird nichts unternommen; nachdem die Infektionen rasant zunehmen, werden erste sanfte Empfehlungen abgegeben; nachdem die Infektionen ungebremst in die Höhe schießen, werden konkretere Maßnahmen wie Einreisekontrollen und ein "Lockdown" eingeführt. Das Ganze ist vor allem reaktiv und wirkt planlos.

Im Gegensatz dazu haben ostasiatische Länder schneller und proaktiver gehandelt und Strategien genutzt, die sie bereits Jahre vorher erarbeitet hatten. In erster Linie haben die ostasiatischen Länder sofort strikte Einreisekontrollen eingeführt, diagnostische Tests entwickelt und ein zuvor erarbeitetes System zur Identifikation und Isolierung infizierter Menschen aktiviert und umgesetzt. Zudem haben die ostasiatischen Länder anders als die westlichen Länder "Social-Distancing"-Maßnahmen nicht erst dann obligatorisch eingeführt, als es bereits zu spät war.

Warum waren die ostasiatischen Länder im Gegensatz zu westlichen Ländern verhältnismäßig gut vorbereitet? Sie haben, anders als wir im Westen, die Lehren aus der SARS-Epidemie 2002/2003, der Schweinegrippe-Pandemie 2009 und der MERS-Epidemie 2015 gezogen. Rein statistisch war eine neue Epidemie oder Pandemie garantiert, und ebenso garantiert war, dass die Menschheit nicht immer Glück haben wird wie in den vergangenen Fällen.

Employees from a disinfection service company sanitize a shopping district in Seoul, South Korea, February 27, 2020.   REUTERS/Kim Hong-Ji

Gefährdung durch Virus-Epidemien wird in asiatischen Ländern nicht nur theoretisch gedacht. Bild: reuters / KIM HONG-JI

Die ostasiatischen Länder haben die Risiken neuartiger Infektionskrankheiten, welche zu Epidemien und Pandemien werden können, also nicht nur in der Theorie erkannt, sondern in den letzten rund 15 Jahren ganz praktisch und konkret in den Aufbau von Strategien, Systemen und Kapazitäten investiert, mit denen das Schlimmste abgewendet werden soll. Westliche Länder hingegen wurden von der Coronavirus-Pandemie kalt erwischt und reagieren nun ad hoc und ohne klaren Plan, um zu retten, was zu retten ist.

Es ist natürlich nicht so, dass westliche Regierungen und Verwaltungen sich der Gefahr von Epidemien und Pandemien nicht bewusst wären. Aber umfassende bürokratische Trockenübungen wie zum Beispiel der Nationale Pandemie Plan für Deutschland bringen offensichtlich wenig, wenn im Ernstfall das Chaos regiert.

Theoretische Lagebeurteilungen und Arbeitspapiere und Evaluationen sind schön und gut, aber die ostasiatischen Länder demonstrieren, dass frühzeitig eben auch Nägel mit Köpfen gemacht werden müssen, um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Risikomanagement bedeutet, nicht nur zu wissen, dass es Risiken gibt, sondern darüber hinaus auch aktiv etwas zu unternehmen, um die Risiken zu senken.

Die frühzeitige Vorbereitung in Ostasien und die mangelnde Vorbereitung im Westen zeigt uns also etwas, was wir eigentlich schon längst wissen müssten: Mit dem Zusammennähen des Fallschirms können wir nicht erst dann beginnen, wenn wir schon aus dem Flugzeug gesprungen sind.

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