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President Donald Trump speaks with reporters on the South Lawn of the White House as he departs on Marine One, Thursday, May 14, 2020, in Washington. Trump is en route to Allentown, Pa. (AP Photo/Alex Brandon)

Bewaffnete Demonstranten bei einer Anti-Corona Demo in Jefferson City, Missouri Bild: ap / Alex Brandon

Donald Trumps neue Hetzjagd gegen die Eliten

Nicht nur die Deutschen haben ihren Corona-Experten, dem sie in der Krise trauen, sondern auch die USA. Doch Donald Trump knöpfte sich den jüngst vor. Das passt in Trumps Verhaltensmuster. Der Präsident streitet sich mit seinen Epidemie-Experten, legt sich mit China und der WHO an und heizt die militanten Demonstrationen gegen den Lockdown an.

Philipp Löpfe / watson.ch

Marc Thiessen ist das konservative Feigenblatt auf der Meinungsseite der "Washington Post". Regelmäßig darf er dort Loblieder auf Trump und seine Regierung singen. In seiner jüngsten Kolumne zerstreut Thiessen Bedenken, das Coronavirus könnte die Wiederwahl Trumps verhindern. Im Gegenteil:

"Wenn die Berichte über die Pandemie geschrieben werden, dann werden die Eliten schlecht aussehen. Warum befindet sich Amerika heute in einem Lockdown? Weil 15 Jahre lang alle Warnungen ignoriert wurden, und das Establishment es versäumt hat, sich darauf vorzubereiten."

Nicht etwa die Trump-Regierung habe versagt. Es sei der Elite-Sumpf in Washington, der die Amerikaner im Stich gelassen, ja gar den Chinesen ausgeliefert habe, so Thiessen, und gibt dann noch einen drauf:

"Nun sehen die Amerikaner, wie die gleichen Eliten ihr Leiden ignorieren und stattdessen darauf bestehen, dass drakonische Lockdown-Regeln eingehalten werden müssen, welche die Menschen an den Rand des Ruins bringen."

Trump gegen den amerikanischen Drosten

FILE - In this April 13, 2020 file photo, Dr. Anthony Fauci, director of the National Institute of Allergy and Infectious Diseases, speaks about the coronavirus in the James Brady Press Briefing Room at the White House in Washington. (AP Photo/Alex Brandon)

Anthony Fauci ist so etwas wie der amerikanische Christian Drosten. Bild: ap / Alex Brandon

Zumindest was den Präsidenten betrifft, liegt Thiessen nicht falsch. Trump hetzt immer heftiger gegen die Elite. So greift er neuerdings seinen Epidemie-Spezialisten Dr. Anthony Fauci frontal an.

Fauci hatte sich anlässlich eines Senat-Hearings kritisch zu einem überhasteten Lockdown und einer voreiligen Öffnung der Schulen geäußert. "Wir müssen vorsichtig sein und uns nicht einbilden, Kinder seien komplett immun", so Fauci.

Das steht im Widerspruch zur Wir-wollen-die-Wirtschaft-ankurbeln-koste-es-was-es-wolle-Botschaft des Weißen Hauses. Trump reagierte denn auch umgehend: "Mich hat diese Antwort überrascht", erklärte er. "Sie ist nicht akzeptabel, vor allem, was die Schulen betrifft."

Trump widersetzt sich Experten

Ins Feuer der präsidialen Kritik gerät auch das Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Dort sind die besten Epidemiespezialisten am Werk. Ihre Ratschläge für eine vorsichtige Aufhebung des Lockdowns sind jedoch schubladisiert worden, weil sie dem forschen Vorgehen des Präsidenten widersprechen. "Sie werden nie das Tageslicht sehen", so ein Insider.

Schließlich hat Trump auch Dr. Rick Bright, seinen Spezialisten für Impfungen, kalt gestellt. Dieser hatte sich geweigert, Hydroxychloroquin als Wundermittel anzupreisen. Der Präsident hingegen hat für dieses Malariamedikament die Werbetrommel geschlagen, die Gesundheitsbehörde FDA hingegen warnt davor.

Auch Rechte und Fox News hetzen gegen Fauci

Rechtsextreme Spinner verbreiten schon länger Verschwörungstheorien gegen Fauci. Zunehmend stimmt jedoch auch Fox News in diesen Chor ein. Vor allem Tucker Carlson wettert wie Thiessen ebenfalls gegen die Eliten und stellt Faucis Legitimation in Frage, wenn auch noch verhalten, denn die überwiegende Mehrheit der Amerikaner vertraut nach wie vor dem kleinen Mann mit den silbrigen Haaren.

Nicht überraschenderweise stimmen Trumps Handlanger in der Republikanischen Partei in die Anti-Eliten-Hetzkampagne ein. Das führt regelmäßig zu grotesken Situationen. So haben sich eine Gruppe von Abgeordneten der Grand Old Party (GOP) entgegen den Weisungen nicht per Video-Konferenz, sondern persönlich in einem Konferenzraum beraten, ohne Masken selbstverständlich.

Bewaffnete Demonstranten verteidigen Geschäfte

Anstatt Maßnahmen gegen die Coronakrise zu diskutieren, haben sie über das Impeachment und das Schicksal des ehemaligen Sicherheitsberaters Michael Flynn gejammert.

Das Verhalten der GOP-Abgeordneten ist lächerlich, dasjenige der militanten Demonstranten nicht. Angestachelt vom Freispruch für die Coiffeuse Shelley Luther verteidigen in Texas Männer mit halbautomatischen AR-15 Gewehren andere Geschäftsinhaber – etwa Tattoo- und Nagelshops –, die sich über die Lockdown-Regeln hinwegsetzen. Und dies, obwohl der konservative Gouverneur Greg Abbott Restaurants, Shopping Malls und anderen Läden bereits erlaubt hat, ihre Geschäfte wieder zu öffnen.

Im Bundesstaat Wisconsin haben derweil konservative Richter einer Klage republikanischer Parlamentarier stattgegeben und die Lockdown-Maßnahmen des demokratischen Gouverneurs für verfassungswidrig erklärt. Dabei gibt es in Wisconsin mehr als 10.000 Covid-19-Fälle.

Verschiedene Restaurants und Bars haben umgehend ihre Türen geöffnet. Die hart errungenen Früchte des Lockdowns sind in Gefahr. Gouverneur Tony Evers erklärt niedergeschlagen: "Der Staat befindet sich in einem Chaos. Die Menschen werden krank werden. Die Republikaner sind dafür verantwortlich."

China und WHO sollen verantwortlich sein

Auch gegenüber China und der Weltgesundheitsorganisation WHO schlagen Trump und seine Handlanger immer schrillere Töne an. Er macht beide für die Coronakrise verantwortlich und hat deswegen die finanzielle Unterstützung an die WHO eingestellt.

Wie weit diese Kritik berechtigt ist, darüber lässt sich streiten. Doch Trumps Haltung ist stumpfsinnig: "Man stellt beim Löschen eines Brandes nicht das Wasser ab, selbst wenn man den Feuerwehrmann nicht mag", erklärt dazu WHO-Stabschef Bernhard Schwartländer.

Trumps Hetze gegen Eliten und Wissenschaft verwandelt die USA zunehmend in eine Sekte, welche auf ein rettendes Ufo wartet. Das könnte verheerend sein, wenn es dereinst reale Hilfe gibt.

Der "New-York-Times"-Journalist Kevin Roose beobachtet die Anti-Impfbewegung seit Jahren. Erschreckt stellt er fest, dass sie inzwischen weit mächtiger geworden ist als bisher angenommen. Besorgt fragt er sich deshalb: "Was, wenn es einen Covid-19-Impfstoff gibt – und die Hälfte des Landes sich weigert, ihn zu nehmen?"

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