International
Abstract TV manipulation and brainwash backdrop with people and shadows

Bild: iStockphoto/Raymond serrato/watson montage

Ray jagt Lügner im Internet – und warnt vor der WhatsApp-Gefahr bei EU-Wahlen

Anfang April leitet ein Bekannter eine Sprachnachricht an Ray Serrato weiter. Eine fremde Stimme spricht darin von einer Vergewaltigung und einer toten Frau am Stausee in Bagenz, Lausitz. Zwei Flüchtende seien beteiligt gewesen, behauptet die Stimme weiter.

Als sie wieder verstummt, muss der 35-jährige Serrato erst einmal schlucken. Die lokale Polizei hatte tatsächlich zuvor mitgeteilt, dass sie wegen eines Zwischenfalls in einer nahegelegenen Jugendherberge ermittle. Serrato selbst kommt seit Jahren zu Besuch an den Stausee. "Meine eigene Hautfarbe ist wohl die dunkelste, die ich je in der Gegend gesehen habe", erzählt er watson. Irgendwas, so habe er sofort vermutet, konnte an dieser Geschichte mit den Flüchtenden nicht stimmen.

Es ist das Misstrauen eines Profis. Serratos Beruf besteht darin, Lügner im Internet zu jagen. Er ist seit Jahren Social-Media-Analyst, hat für "UN Human Rights" gearbeitet und für die Bürgerrechtsorganisation "Democracy Reporting". Gerade durchkämmt der Wahl-Berliner für die Aktivisten-Plattform "Avaaz" die Weiten von Facebook. Vor der Europawahl sucht er nach systematisch aufgebauten Lügner-Accounts und Desinformations-Kampagnen, die nur einen Zweck haben: Menschen zu manipulieren.

Die Angst vor solchen Falschinformationen ist allgegenwärtig vor der Europa-Wahl.

Geheimdienste, Parlamentarier und Medien fürchten vor allem eine Einflussnahme Russlands auf den Wahlkampf. Erst im vergangenen September hatten sich Facebook, Google, Twitter und Mozilla deshalb sogar freiwillig gegenüber der EU zu einem Verhaltenskodex verpflichtet. Man wolle versuchen, "Fake News" vor den Wahlen aus den sozialen Netzwerken herauszuhalten.

Experten wie Ray glauben allerdings, dass der eingeschränkte Blick auf Russland die Verantwortlichen blind für andere Probleme macht. Auch rechtsextreme Kräfte innerhalb der Länder machen gezielt Stimmung. Kleine radikale Gruppen, zo zeigen auch Untersuchungen des Rechercheverbunds Investigate Europe, haben ihre Einflussmöglichkeiten über Social-Media ebenso gut begriffen wie die gefürchteten Troll-Armeen von Wladimir Putin.

Auf diese Weise kommt es auch in Bagenz zu Gewalt

Dort dauert es nicht lange, bis die Stimme aus der Sprachnachricht auch die geschlossenen Facebook-Gruppen der Region erreicht. Unter den Usern entwickelt sich die Geschichte um die angeblichen Täter schnell weiter. Auf einmal hatten sie sich angeblich auch noch der Polizei widersetzt und seien geflohen. Rechte "Alternativ-Medien" springen ohne zu hinterfragen auf diese Nachricht auf und heizen die Debatten weiter an. Schließlich kippt die Stimmung vor Ort.

Mitte April, gegen 22 Uhr, nähern sich Vermummte mit Baseballschlägern und Zaunlatten jener Jugendherberge, in der die Polizei zuvor ermittelt hatte. Sie werfen Pyrotechnik auf das Gelände. Augenzeugen berichten von lautem Gebrüll: "Ausländer raus", bevor die Gruppe wieder abzieht. Die Polizei wird später sieben Tatverdächtige im Alter zwischen 18 und 26 Jahren festnehmen. Verletzt wurde zum Glück niemand. Kurze Zeit später schickt die Polizei eine Pressemeldung raus, um dem Spuk ein für allemal ein Ende zu machen. Darin steht, dass es zwar eine Vergewaltigung gegeben habe, aber keine tote Frau. Außerdem ermittle man gegen unbekannt, weder aber habe es Ausländer in der Jugendherberge gegeben, noch hätten sich Flüchtende der Polizei widersetzt.

Die Wahrheit bleibt einfach wie erschreckend: Mit einer anonymen und gelogenen Sprachnachricht hatte ein Unbekannter eine kleine Massenpanik mit anschließendem Rechten-Mob losgetreten.

"In anderen Fällen kann so eine Situation durchaus eskalieren", erklärt Serrato. Er überprüft solche Entwicklungen auf Facebook ständig, um sie dann der Plattform zumindest zu melden:

"In vielen Fällen fällt bei der Analyse auf, dass diese Dinge automatisch zu bestimmten Uhrzeiten und mit bestimmten Rhythmen ablaufen", sagt er. Dann sei ihm klar: Hier macht jemand gerade gezielt und oft auch automatisch Meinung. "Verdächtiger Traffic", nennt Serrato das. Meistens hätten die Inhalte mit Flüchtlingspolitik zu tun, oft auch mit angeblichen Verfehlungen der EU oder der "etablierten" Parteien.

Der Migrationspakt zeigte, wie groß eine Lüge auf diese Weise werden kann.

Hinter dem heftigen Streit um den Migrationspakt im vergangenen Jahr steckt genau so eine Falschinformations-Maschine, wie Serrato sie beschreibt. Mit ihrer Hilfe stilisieren rechte Gegner das Abkommen zum Großangriff auf den Nationalstaat hoch, ohne je einen tatsächlichen Beleg dafür vorlegen zu können.

Der UN-Migrationspakt

ist ein Abkommen, bei dem sich die Unterzeichnerstaaten unverbindlich zum Schutz von Migranten vor Verfolgung und Diskriminierung verpflichten. Es geht dabei auch um eine Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Fluchtursachen und illegaler Migration.

Laut "Tagesspiegel" wird der Streit damals gezielt befeuert. Ausgang hatte er demnach im Büro des AfD-Abgeordneten Martin Hebner, dessen Mitarbeiter zum ersten Mal in einem Beitrag in der rechtskonservativen Zeitung "Junge Freiheit" zum Angriff gegen den Pakt ausgeholt hatte. Als dann der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner auf YouTube zum faktenlosen Widerstand aufruft, explodiert das Thema viral.

Serrato hat diese Verbreitung gemessen und spricht von einer regelrechten Flut von Falschmeldungen in Bezug auf den Migrationspakt. Aber genau wegen dieser Welle fangen Medien und Politiker an, auf das Thema aufzuspringen. Sie adeln es damit zur relevanten Debatte. Die Folgen: Österreich und Ungarn unterzeichnen das Abkommen nicht. In Belgien zerbricht die Regierung über dem Streit.

Die Lügen-Maschine läuft noch immer, und sie entwickelt sich

Seitdem hat sich nichts geändert. Gerade erst, kurz vor den spanischen Wahlen vom vergangenen Sonntag, registrierten Serrato und seine Kollegen bei Avaaz dort einen massiven Anstieg von Falschmeldungen, die sich vor allem gegen den Ministerpräsidenten Pedro Sanchez richteten.

Das Besondere: Im Gegensatz zum Beispiel aus Bagenz verteilten sich die "Fake-News" nicht weiter auf Facebook, sondern sie blieben Teil von privaten WhatsApp-Gruppen und Chats.

In Spanien waren dafür drei große verdeckte Netzwerke verantwortlich, die WhatsApp laut Avaaz erst nach einigem Hin und Her endlich offline nahm. Sie alle transportierten rechtes Gedankengut – die Urheber verteilten sich auf zahlreiche Großgruppen und hatten dort begonnen, ihre Lügen zu verbreiten. Von dort teilten sie dann Privatpersonen weiter an Freunde und Familien.

"Das Problem ist augenscheinlich: Es ist wesentlich schwieriger, die Verbreitung von Unwahrheiten auf WhatsApp zu kontrollieren als auf Facebook", erklärt Serrato. Der Grund: Es gibt keine Öffentlichkeit – die Lügen verteilen sich im Privaten, erreichen ihre Ziele über vertrauenswürdige Bekannte und bekommen so Legitimität. Ihr Ursprung ließe sich kaum nachvollziehen, sagt Serrato.

"Geschichten, wie die von der toten Frau im Stausee, können sich ungehindert verbreiten, ohne dass sie eine Polizei oder sonstwer klarstellen könnte", sagt Serrano. Sie schafften Stück für Stück ein Klima der Unsicherheit. Die EU fürchte sich vor gesteuerten Kampagnen. Gefährlicher seien aber jene, sagt der Lügenjäger, die im Privaten und von alleine viral gingen.

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