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Interview

"Ich würde es wieder tun" Wie diese Whistleblowerin versuchte, den Irakkrieg zu stoppen

Katharine Gun ging einem monotonen Job nach. Scheinbar. Dessen Inhalt: Staatsgeheimnisse. Eines Tages stolperte sie über eine skandalöse E-Mail. Was dann geschah, wurde jetzt unter dem Titel "Official Secrets" verfilmt.

Simone Meier / watson.ch

Katharine Gun ist Whistleblowerin. Und Spionin. Wobei Ersteres stimmt und Letzteres nicht ganz korrekt ist. Und sowieso beides in der Vergangenheit liegt. Denn am 31. Januar 2003 entdeckte Gun, die damals für den britischen Nachrichtendienst GCHQ (Government Communications Headquarters) arbeitete, die E-Mail eines NSA-Angestellten. Er bat den GCHQ um Hilfe bei der Überwachung einiger Staaten, die zu den Vereinten Nationen gehörten. Sie sollten erpresst werden, um so eine sichere Unterstützung der amerikanischen Invasion in den Irak durch die UN zu garantieren.

Gun spielte die Mail dem "Observer" zu. Der Journalist Martin Bright publizierte sie. Und Guns Leben wurde für einige Monate zur Hölle. Sie wurde verhaftet, überwacht, schikaniert und angeklagt – doch zur Überraschung aller wurde die Anklage am ersten Tag des Prozesses in allen Punkten fallen gelassen. Denn was Gun entdeckt hatte, war ganz einfach wahr. Und ließ sich durch nichts entkräften.

Sie waren eine Spionin und Whistleblowerin. Das klingt einigermaßen glamourös. Ich befürchte, man muss sich das ganz anders vorstellen, oder?
Katharine Gun: Naja, richtige Spione sind immer auf Reisen und müssen dauernd ihre Identität wechseln, darin würde ich komplett versagen. Sowas macht man beim MI6. Beim GCHQ ist es sehr langweilig. Meine Berufsbezeichnung lautete Übersetzerin. Ich konnte gut Chinesisch und hatte deshalb einen angenehm bezahlten Job mit guten Sozialleistungen, bei dem ich vornehmlich überwachte Telefongespräche übersetzte. In weitere Details darf ich nicht gehen, bei meinem Arbeitsantritt hatte ich mich zu lebenslänglichem Stillschweigen verpflichtet. Aber ich wäre technisch nicht in der Lage, ein Spionagenetzwerk aufzubauen, falls Sie das meinen.

Und was machen Sie jetzt?
Ich lebe mit meinem Mann in der Türkei, habe Kinder, bin Hausfrau. Es ist ein sehr ruhiges, einfaches Leben, in dem sich vieles wiederholt. Das hier fühlt sich gerade wie ein Job-Interview an ...

Naja, es ist ihr Job, für den Film "Official Secrets", der ihre Geschichte erzählt, rumzureisen und Werbung zu machen.
Ich habe mich freiwillig dafür zur Verfügung gestellt. Das ist aufregend! Und erschöpfend. Aber ich genieße es.

Trailer zu "Official Secrets"

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Video: YouTube/KinoCheck

"Official Secrets" heißt der Film von Gavin Hood mit Keira Knightley als Katharine Gun. Und mit ein paar fabelhaften britischen Herren an ihrer Seite: Ralph Fiennes, Matt Smith, Rhys Ifans, Matthew Goode. Ein guter Film. Schnörkellos, unsentimental, spannend. Keine Heroisierung seiner Heldin.

Sind Sie zufrieden damit?
Es ging mir nicht immer so schlecht, wie das im Film den Anschein macht. Schließlich erzählt er ein gutes Jahr im Zeitraffer. Es gab Zeiten, in denen ich mich vergnügen konnte. Ich habe zum Beispiel einen sehr entspannten Sommer mit meinen Eltern verbracht.

Okay, das macht Keira Knightley wirklich nicht.
Wie groß der Druck wirklich gewesen war, merkte ich erst, als die Anklage fallengelassen wurde. Da war plötzlich eine irre Erleichterung.

Was sagten eigentlich Ihre Eltern zu Ihrer Karriere als Whistleblowerin?
Meine Eltern leben in Taiwan, wo ich auch aufgewachsen bin. Einmal die Woche telefonierten wir und sie fragten: "Wie geht's?" Ich sagte: "Ich habe da ein paar Probleme." Mehr durfte ich über meinen Job ja nicht sagen. Wenig später las mein Vater online den "Observer" und da stand, im Falle des GCHQ-Leaks sei eine 27-jährige Frau verhaftet worden. Als wir wieder telefonierten, sagte er: "Wir wissen, dass du es warst. Gut gemacht!"

Dachten Sie wirklich, Sie könnten die Invasion in den Irak und damit einen Krieg stoppen, als Sie das NSA-Memo der Presse übergaben?
Ich habe es nicht direkt ausgehändigt, ich gab es einer Freundin, die in der Antikriegsbewegung tätig war und sie trat in Kontakt mit dem "Observer". Anders als im Film, wo "ich" sie danach noch einmal wiedersehe, war uns im echten Leben klar, dass wir uns nach der Übergabe nie mehr treffen konnten. Und ja, ich glaubte daran. Ich wollte Menschenleben retten. Irakische Zivilbevölkerung, Soldaten ... Leider hatte das überhaupt keinen Einfluss auf den Lauf der Geschichte. Kein einziger britischer Politiker hat sich vor Tony Blair gestellt und gesagt: "Wir können nicht einfach einen Krieg im Irak herbeistimmen, nur weil wir einen wollen!"

Fühlten Sie sich jemals als Heldin? Whistleblower sind ja sowas wie die größten Helden unserer Zeit, weil sie sich dem Drang der Mächtigen, die Bevölkerung zu belügen, zu betrügen, zu manipulieren, widersetzen.
Nein. Als das Memo publiziert wurde, war mir klar: Ich muss mich stellen.

Die Stelle im Film, als Keira Knightley sagt: "It was me, I did that."
Ja. Ich hatte es ja nicht nicht getan. Es war nicht so, dass ich dachte: "Geschieht euch recht, ich tat nur, was getan werden musste! Ihr seid mir was schuldig!" Ich fühlte mich entsetzlich. Ich stellte mir vor, wie ich weiterhin beim GCHQ arbeiten und lügen und lügen und lügen würde. Sowas schaffe ich nicht.

Was war das Schlimmste? Die Überwachung? Die Verunsicherung? Die Angst, dass Ihr Mann abgeschoben wird?
Dass mein türkischer Mann nur knapp einer Abschiebung entging, war schrecklich. Im Film sieht es aus wie eine Vergeltungsmaßnahme, das war's allerdings nicht, ein Zufall, der ganz normale Gang eines Verfahrens. Das Schlimmste war, als mir klar wurde, dass ich mich stellen muss. Ich hatte keine Ahnung, was danach geschehen würde. Und dann kam diese gespenstische Phase, während der es noch keine Anklage gab, während der ich aber eigentlich in Haft war und Monat für Monat wieder auf Kaution frei gelassen, überwacht und verfolgt wurde. Bis die Anklage endlich kam, dauerte es acht zermürbende Monate.

Für mich als Journalistin ist es ungemein tröstlich zu sehen, wie gut die Jungs vom "Observer" im Film ihren Job machen. Wie gründlich sie recherchieren, welchen wahnsinnigen Aufwand sie betreiben, um Ihre Information zu verifizieren. Hatten Sie gewusst, was genau hinter den Enthüllungsartikeln steht?
Keine Ahnung! Ich wollte ja anonym bleiben, deshalb hatte ich keinerlei Kontakt zur Redaktion. Ich habe erst jetzt dank des Films realisiert, was sie im Hintergrund alles unternommen und aufs Spiel gesetzt hatten.

Ein peinlicher Fehler geschieht allerdings, als der "Observer" das NSA-Memo publiziert: Eine Mitarbeiterin lässt das übliche Rechtschreibprogramm über den zitierten Inhalt des Memos laufen und das korrigiert das amerikanische Englisch des Originals zu britischem Englisch. Was dazu führt, dass Amerika die Echtheit von Martin Brights Recherche bestreitet. Sie droht, wirkungslos als Witz zu verpuffen.

Fühlen Sie sich Whistleblowern wie Edward Snowden und Chelsea Manning verbunden?
Ja, absolut. Ich habe sie noch nie gesehen, ich habe sie noch nie gesprochen, aber es geht um die absurde Unverhältnismäßigkeit der Vergeltungsmaßnahmen. Chelsea Manning enthüllte eine Serie von Kriegsverbrechen, darauf sollte die Aufmerksamkeit sein, nicht auf ihr. Und bei Ed Snowden sollte die Aufmerksamkeit den Lügen der amerikanischen Regierung gelten, nicht ihm. Alles ist verkehrt, die Folgen für die beiden sind Verfolgung und die Verhinderung eines normalen Lebens. In einer idealen Welt dürfte das nicht sein.

Würden Sie es wieder tun?
Wenn ich die Folgen kennen würde? Nein, sicher nicht. Aber wenn ich sie nicht erlebt hätte: Klar, natürlich würde ich es wieder tun. Einen Krieg mittels beeinflusster Abstimmungsresultate durchzuführen ist illegal und unmoralisch.

"Official Secrets" läuft ab dem 21. November im Kino.

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