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LOS ANGELES, CALIFORNIA - MARCH 04: Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden speaks while standing with supporters at a campaign event at the W Los Angeles hotel on March 4, 2020 in Los Angeles, California. Biden is coming off a strong Super Tuesday performance while former New York City Mayor Mike Bloomberg announced today he is suspending his campaign. (Photo by Mario Tama/Getty Images)

Noch vor Corona: Trump-Herausforderer Joe Biden (m.) während einer Wahlkampfveranstaltung Anfang des Jahres. Bild: Getty Images North America / Mario Tama

Interview

Experte: So kann Joe Biden Donald Trump schlagen

Joe Biden liegt in den Umfragen vorne. Mehr als zehn Prozentpunkte trennen ihn im Schnitt von Amtsinhaber Donald Trump. Ein stattlicher Vorsprung – sollte man meinen. Denn Trumps vergangene Herausfordererin, Hillary Clinton, lag 2016 ebenfalls in den Umfragen vorne.

Es wird also aller Voraussicht nach ein spannendes Rennen, das sich Demokrat Joe Biden mit US-Präsident Donald Trump liefern wird. Unklar ist auch weiterhin, wer die "Running Mates", also die Kandidaten für das Amt des Vize-Präsidenten von Joe Biden und Donald Trump sein werden.

Christian Hacke ist Experte für US-, Außen- und Sicherheitspolitik. Er analysiert für watson, welche Qualitäten ein guter Bewerber um das Präsidentenamt mitbringen muss und was Herausforderer Joe Biden tun muss, um Donald Trump aus dem Amt zu jagen.

"Wenn Joe Biden einen schwarzen oder progressiven Politiker nimmt, schwinden seine Wahlchancen."

watson: Herr Hacke, was für einen Präsidenten wünschen sich die Amerikaner?

Christian Hacke:
Sie dürfen nicht vergessen, dass die Amerikaner ein anderes Verständnis von Politik und Führung haben als wir Europäer. Für viele Amerikaner ist es wichtig, dass da ein echter Kerl, ein Macher an der Spitze der USA steht. Doch Joe Biden wirkt in seinem Keller, aus dem er seine Wahlkampfreden während des Lockdowns gesendet hat, einfach zu alt und zu zaghaft. Er müsste viel kraftvoller, couragierter und mitreißender diese "fake" Politik von Donald Trump entlarven. Allein schon Trumps Flucht in den Keller des Weißen Hauses bei den Demonstrationen hätte genügend Anlass geboten, um diesen Mann in seiner Lächerlichkeit und Feigheit bloßzustellen.

Donald Trump erwähnt auch immer wieder Bidens hohes Alter, dabei ist er selbst gerade mal drei Jahre jünger und damit älter als alle anderen Präsidenten der US-Geschichte bei ihrer ersten Amtszeit...

Ja, aber er wirkt nicht so. Donald Trump inszeniert sich immer noch als vital, kräftig und viril. Dass er nicht mehr der Jüngste ist, hat man gesehen, als er fast auf einer Rampe ausgerutscht wäre oder zwei Hände benötigte, um ein Glas Wasser zu trinken. Aber er selbst versucht, in der eigenen Inszenierung betont jugendlich zu wirken, und das gelingt ihm – im Gegensatz zu Joe Biden – immer noch ganz gut, trotz steigenden Alters.

Was könnte Joe Biden tun, um diese Wahl zu gewinnen?

Er muss sich jemanden als "Running Mate", also als mögliche Vize-Präsidentin suchen, die auch bei konservativen Kreisen anschlussfähig ist. Wenn er eine schwarze oder progressive Kandidatin nimmt, schwinden seine Wahlchancen. Denn Wähler aus diesen Lagern werden sowieso Demokraten wählen. Biden muss Stimmen in der Mitte und im konservativen Milieu holen, um zu gewinnen. Deshalb wäre zum Beispiel die Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer, eine exzellente Empfehlung.

DETROIT, MICHIGAN - MARCH 09: Sen. Kamala Harris (L) (D-CA), Sen. Cory Booker (R)(D-NJ), and Michigan Governor Gretchen Whitmer join Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden on stage at a campaign rally at Renaissance High School on March 09, 2020 in Detroit, Michigan. Michigan will hold its primary election tomorrow.  (Photo by Scott Olson/Getty Images)

Würde Joe Biden (2. v. l.) laut Christian Hacke viele konsevative Wähler bringen: Michigans Gouverneurin Gretchen Whitmer (2. v. r.). Bild: Getty Images North America / Scott Olson

Sie hätte große Chancen, Wähler von den Republikanern abzuziehen. Ansonsten hängt aber auch viel davon ab, wie sich die Umstände bis November entwickeln. Der Liberalismus ist in den USA noch nicht tot. Das Engagement und die Kritik der Zivilgesellschaft an Trump ist beeindruckend. Vielleicht erneuert und befreit sich Amerika von der katastrophalen Präsidentschaft der vergangenen vier Jahre.

Wenn wir schon auf die Umstände zu sprechen kommen: Zunächst waren Orte vom Coronavirus betroffen, die für Trump-Unterstützer eher weit weg schienen wie New York. Nun breitet sich das Virus aber auch rasant in den ländlicheren Regionen aus, wo viele von Trumps Anhängern beheimatet sind. Könnte das noch eine Rolle bei der US-Wahl spielen?

Das ist definitiv ein Faktor. Bislang hat Corona sich in Gegenden ausgewirkt, die Trumps Wählern mehr oder weniger egal waren und viele haben sich wohl auch gedacht, dass Corona nicht so schlimm ist, weil es vornehmlich die schwarze Bevölkerung trifft. Des Weiteren dürfen Sie auch nicht vergessen, wie verbreitet Rassismus in den USA ist. Trump sieht sich also mit einer dreifachen Krise konfrontiert, die seine Präsidentschaft gefährdet.

"Donald Trump schminkt dieses alte weiße Amerika verbal nochmal so richtig auf."

Was meinen Sie mit "dreifacher Krise"?

Corona, Wirtschaft und Rassismus. Trump hat in allen drei Bereichen total versagt. Er hätte eigentlich nur auf seine Experten hören und ordentliche Maßnahmen in der Pandemie-Bekämpfung durchsetzen und die Nation nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd mit einer gefühlvollen Rede wieder einen müssen. Stattdessen vertieft er die Spaltung des Landes weiter und versucht, die Verantwortung für Corona auf China zu schieben.

Warum macht er das?

Trump bedient hier einfach brutal konsequent seine eigene rassistische Klientel. Das Problem mit rassistisch motivierter Polizeigewalt wird umgedeutet in die Gefahr durch linksextreme Plünderer und am Coronavirus sind die Chinesen schuld. Das ist seine Möglichkeit, die Dinge für seine – meist doch eher ungebildeten – Wähler zu erklären.

PITTSBURGH, PA - JULY 04: A group of Trump supporters along the Allegheny River North Shore pose for photos while waiting for boats taking part in a boat parade for the re-election of President Donald Trump  to pass by on July 4, 2020 in Pittsburgh, Pennsylvania. Roughly 30 boats and a group of 50 supporters along the shoreline showed up for the event though over 10,000 people had signed up online for the event. (Photo by Jeff Swensen/Getty Images)

Trump-Supporter bei einer Trump-Rally am 4. Juli in Pitsburg. Bild: Getty Images North America / Jeff Swensen

Reicht das aus, um Wahlen zu gewinnen?

Das ist schwierig zu sagen. Aber Rassismus ist in den USA immer noch sehr anschlussfähig in den weißen Milieus. Viele Weiße denken sich auch im Fall von George Floyd, dass das ein vorbestrafter Krimineller war, bei dem es nicht so schlimm ist, wie wenn ein junger weißer Vorzeigestudent ums Leben kommt. Und man darf nicht vergessen: Viele Weiße fühlen sich von den "Black Lives Matter"-Protesten bedroht und lehnen es ab, dass Statuen von George Washington oder John Wayne umgestürzt werden. Das geht selbst gemäßigten Weißen zu weit.

Und da holt Donald Trump Pluspunkte?

Mit seiner Rede vor dem Mount Rushmore am Nationalfeiertag hat er vielen Amerikanern aus der Seele gesprochen, indem er an diesen Gründungsmythos der USA appellierte. Denn Ikonen wie John Wayne gehören einfach immer noch zum amerikanischen Selbstverständnis und das nutzt Donald Trump gnadenlos aus. Hier erscheint er fast als Magier des American Dream, den noch viele gerne träumen, der aber schon lange ausgeträumt ist. Vom Tellerwäscher zum Millionär ist heute eher in China als in den USA realisierbar.

China überholt die letzte verbliebene Supermacht…

Das scheint so. Die Idee von "Make America Great Again" hat deshalb etwas von einer alternden und enttäuschten Hollywood-Diva, die sich nicht damit abfinden kann, dass sie ihre besten Jahre hinter sich hat. Donald Trump schminkt dieses alte weiße Amerika verbal nochmal so richtig auf. Aber keine alte Diva schminkt sich freiwillig ab. Darin liegt die letzte Chance oder vielleicht die letzte Illusion der Trump-Anhänger.

Sahra Wagenknecht überrascht bei "Maischberger" mit Lob für Donald Trump

Die USA haben gewählt, aber noch weiß niemand, wer gewonnen hat. Fest steht: Joe Biden ist mit über 70 Millionen Stimmen der amerikanische Präsidentschaftskandidat mit den meisten Stimmen überhaupt. Gewonnen hat er damit aufgrund des amerikanischen Wahlsystems noch nicht. Denn da geht es um die Mehrheit in den jeweiligen Bundesstaaten und den damit verbundenen Stimmen der Wahlmänner. Donald Trump hatte sich noch während der laufenden Auszählungen als Sieger ausgerufen und einen Gang zum …

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