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NEW ORLEANS, LA - DECEMBER 27:  Cheerleaders for the New Orleans Saints perform during a game against the Jacksonville Jaguars at the Mercedes-Benz Superdome on December 27, 2015 in New Orleans, Louisiana.  (Photo by Chris Graythen/Getty Images) Davis Bailey

Bild: Getty Images North America

"Wir sind wie Menschen zweiter Klasse", sagt die Anführerin des US-Cheerleader-Aufstands

09.05.18, 09:45
Julia Dombrowsky
Julia Dombrowsky

Ein schneeweißes Lachen und die Beine in der Luft  – so kennt man Cheerleader, die bei US-Footballspielen das Publikum in Pausen unterhalten. Doch die gute Laune täuscht.

Hinter den Kulissen sieht es düster aus, was die Arbeitsrechte der Pom-Pom-Frauen angeht – und einigen reicht es jetzt.

In der National Football League (NFL) herrscht der Aufstand der Cheerleaderinnen, angeführt von Bailey Davis, die im Januar bei den New Orleans Saintsations wegen eines Instagram-Posts gefeuert wurde.

Die 22-Jährige hat daraufhin die NFL wegen Diskriminierung angezeigt, eine Bürgerrechtsklage bei der "Equal Employment Opportunity Commission" eingereicht und eine ungeahnte Welle los getreten: Immer mehr US-Kolleginnen meldeten sich zu Wort. Sie beklagen sich über absurde Regelwerke, sexuelle Ausbeutung und miese Bezahlung.

Bailey Davis im Kampagnen-Shirt

Bailey Davis

"Level the playing field" meint, dass alle dieselben Voraussetzungen brauchen, um einen fairen Kampf zu ermöglichen. Bild: privat

Watson.de sprach mit der Gallionsfigur der Cheerleader-Rechte über die Zwei-Klassen-Gesellschaft im American Football.

Was Bailey Davis sagt

watson.de: Du hast drei Jahre lang bei den Saintsations die Footballmannschaft der New Orleans Saints angefeuert. Wie kamst du zum Cheerleading?

Bailey Davis: Ich bin mit den Saintsations groß geworden. Schon meine Mutter war in dem Team, sie ist heute Coach. Als ich ein kleines Mädchen war, bin ich durch die Wohnung getanzt. Ich wollte unbedingt Cheerleader sein und natürlich nur für die New Orleans Saints! Die Mädchen dort waren meine besten Freundinnen, meine Familie. Und ich habe drei Jahre hingenommen, was das Regelwerk des Vereins vorsah, nur weil ich die Mannschaft liebe.

Bailey kommt aus einer Cheerleader-Familie (hier mit Mama Lora)

Welche Regeln meinst du damit?

Im Regelwerk ist festgelegt, dass wir zu den Spielern null Kontakt haben dürfen. Gar nicht! Ich darf nicht auf dieselben Partys wie Footballer oder in dieselbe Bar. Wenn ich mit meinen Eltern in einem Restaurant essen war, habe ich oft gedacht: Hoffentlich kommt jetzt kein Spieler rein – denn dann hätte ich den Raum verlassen müssen. Aufstehen, das Essen liegen lassen und wortlos gehen. Natürlich ich, nicht er! Egal, ob ich vor ihm da war oder gerade mit zwanzig Leuten Geburtstag feiere. Das sitzt einem jedesmal im Nacken, wenn man was Schönes macht.

Ist dir das denn passiert?

Mehrmals sogar! Man versucht es zu verhindern, aber das ist kompliziert. Gerade bei Auswärtsspielen will man in Stadionnähe ausgehen. Die Cheerleader mussten sich aber immer danach richten, was die Spieler tun. Ich musste auch schon Bars verlassen, weil ich einen Spieler erkannt habe. Das ist das komischste Gefühl. Man schließt die Tür beim Rausgehen hinter sich und denkt: Warum können die hingehen wohin sie wollen, und wir müssen weichen?

Der Verein, den wir anfeuern, behandelt uns damit wie Menschen zweiter Klasse. Das ist Mobbing.

Trotzdem hast du erstmal weiter gearbeitet.

Ja. Ich hatte mich damit abgefunden. Aber dann gab es Ende letzten Jahres eine neue Änderung, dass wir selbst in sozialen Netzwerken aufpassen sollen. Auf dem Spielfeld wurde mit unseren Körpern angegeben, aber online sollten wir uns bedecken. Wir durften uns nicht in den Uniformen posten oder zu sexy. Und natürlich sollten wir auch dort nicht mit Footballspielern "befreundet" sein. 

Warum ist das problematisch?

Soziale Netzwerke sind das Forum, über das man sich heutzutage vermarktet. Ohne Instagram und Co. hast du kein Profil, kein Publikum und das heißt auch – keine Jobs. Ich bin Tanzlehrerin, ich muss mich promoten. Das ist nicht einfach Eitelkeit, das ist meine Wirtschaftsgrundlage. Das Bittere daran: Footballspieler können sich natürlich zeigen, wie sie möchten, ob in Unterhose, beim Spiel oder mit Sponsoren.

Hauptberuflich ist sie Tanzlehrerin

Arbeiten die meisten Cheerleader denn nicht Vollzeit?

Offiziell nicht. Es wird als Parttime-Job bezahlt und geprobt wird nur zweimal die Woche acht Stunden. Aber damit ist es ja nicht getan: Um fit zu bleiben, trainieren wir jeden Tag, leben gesund, achten auf uns. Dazu reist man durchs ganze Land und ist viel von zuhause weg. Man muss sich dem sehr hingeben, wenn man es professionell macht.

Du hast dich auf Instagram in Unterwäsche gezeigt und wurdest daraufhin im Januar aus dem Team geworfen. Außerdem wurde dir vorgeworfen, du seist auf derselben Party wie ein Footballer gesehen worden. Stimmt das?

Nein. Ich bin an dem besagten Abend gar nicht ausgegangen. Und ich finde immer noch, dass es mein gutes Recht ist, mich auf Instagram zu zeigen, wie ich will. Bei Spielen hatte ich doch oft auf Wunsch des Vereins viel weniger an...

Watson Bailey Davis

Bild: www.instagram.com/jacalynbailey

Du hast dem NFL ein Angebot gemacht, für genau einen Dollar den Rechtsstreit beizulegen – solange sie nur mit dir sprechen und ihr Regelwerk überarbeiten. Was versprichst du dir davon?

Mir geht es um Selbstbestimmung. Ich glaube, es ist an der Zeit. Ich möchte weder zurück in meinen Beruf als Cheerleader, noch Entschädigungszahlungen. Ich will, dass sich die Regelwerke ändern, die uns Frauen massiv einschränken. 

Es gibt im Football eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Gut zu sehen, dass sich immer mehr Mädchen dagegen wehren.

Gab es viel Gegenwind, als du die NFL angezeigt hast?

Absolut. Für mich war es sehr hart zu erleben, wie sich meine Vereinskollegen abgewendet haben. Die sehen mich als Nestbeschmutzer und sagen, ich würde sie in schlechtes Licht rücken. Das tut weh. Denn ich liebe das Team noch immer, ich habe auch nichts gegen Football. Langfristig glaube ich aber, dass sich nur etwas ändert, wenn man sich wehrt.  

Was meinst du, warum die Cheerleader lange nicht ernst genommen wurden?

Uns Cheerleadern hängen gewissen Klischees nach. Stereotype, die uns im Weg stehen.

In der High School werden wir noch als Athleten wahrgenommen und gefördert, aber als Profi kriegt man plötzlich keinen Respekt mehr. Es ist ungerecht. Unter meinen Kolleginnen waren Zahnärzte, Anwältinnen und dreifache Mütter. Toughe, clevere Frauen. Ich selbst habe auch studiert. Klar, tragen wir sexy Klamotten, aber wir sind auch Sportler und sollten dieselben Rechte haben wie alle anderen.

Was ihre Anwältin sagt

watson.de: Sie vertreten nicht nur Bailey, sondern auch weitere Cheerleader. Gibt es jetzt einen NFL-Aufstand?

Sara Blackwell: Ja. Und das ist gut so. Es brodelt in der Branche und es wurde auch Zeit! Meinen Klientinnen geht es zwar ,nur' um faire Regelwerke, aber in vielen anderen Cheerleader-Teams gibt es auch Probleme mit der Bezahlung und sexueller Belästigung – das sind wirklich keine Kleinigkeiten mehr.

Was macht Baileys Fall für sie interessant?

Dass beim Football mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Mädchen werden zu Veranstaltungen in enge Kostümen gesteckt, dürfen selbst aber nicht entscheiden, wie sie ihren Körper in sozialen Netzwerken zeigen... Dann die Tatsache, dass Cheerleader einen Raum verlassen müssen, sobald ein Football-Spieler auftaucht. Der Verein bestimmt also jederzeit, was mit dem Körper der Tänzerinnen passiert. Ist doch unglaublich! Dann wand sich auch noch eine Cheerleaderin von den Miami Dolphins an mich: Sie darf nicht mehr arbeiten, weil sie einen christlichen Spruch gepostet hatte. Die Spieler beten aber auf dem Feld oder küssen Kruzifix-Ketten.

Es gibt kein anderes Wort dafür als: Diskriminierung.

Warum gibt es eigentlich dieses Kontaktverbot zwischen Spielern und Cheerleadern?

Die Vereine sagen, um die Mädchen zu ,beschützen'. Dieses Argument halte ich für albern. Wenn es eine Richtlinie für die Frauen wäre, müssten dann nicht die Spieler weichen? Für mich ist das menschlich und juristisch simpel: Es ist unrechtmäßig, wenn eine Gruppe sich nicht frei bewegen kann. Ich bin gespannt, ob die NFL bereit ist, mit uns zu sprechen und einheitliche, faire Regelwerke für Cheerleader auszuarbeiten. Das ist alles, was wir möchten.

In diesem Kostüm trat Bailey (re.) bei einem Spiel auf

Haben Sie das Gefühl, die Öffentlichkeit steht auf Seiten der Frauen? 

Die Medien unterstützen uns, aber es gibt jede Menge böse Stimmen. Die meisten sagen: ,Die wusste doch, worauf sie sich einlässt. Selber Schuld.' Das Argument verstehe ich nicht. Gelten für Cheerleader nicht dieselben Rechte wie für andere Menschen? Faire Bezahlung, Schutz vor sexueller Belästigung, gleichberechtigte Behandlung? 

Nur weil etwas lange hingenommen wurde, ist es noch lange nicht in Ordnung.

Update: NFL-Funktionär Roger Goodell hat einem Gespräch mit Bailey Davis und ihrer Anwältin inzwischen zugestimmt. Ob die Regelwerke der Vereine geändert werden könnten, hat er noch offen gelassen.

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