International
Bild

Fast 100 Tage war Florian Reber mit seinem Fahrrad unterwegs, um verschiedene vom Klimawandel betroffene Gebiete zu erkunden. Bild: florian reber

Klimawandel: 10 Menschen, die die Folgen bereits im Alltag spüren

Der Schweizer Florian Reber ist mit dem Fahrrad durch die Alpen und die Rocky Mountains geradelt und hat mit Dutzenden Menschen gesprochen. Sein Ziel: den Klimawandel dokumentieren. Das sind seine zehn Geschichten.

Reto Fehr / watson.ch

Florian Reber sattelte im Herbst 2018 und Sommer 2019 sein Fahrrad. Erst radelte er in 27 Tagen durch die Alpen, dann in 71 Tagen durch die Rocky Mountains. Sein Ziel auf den 8200 Kilometern und rund 100.000 Höhenmetern war: Menschen treffen, die den Klimawandel hautnah miterleben – und sie von ihren Problemen erzählen lassen – aber auch von ihren Lösungen.

Sein Projekt hat er unter dem Titel "Tales of Change" dokumentiert. Für watson hat Florian Reber 10 Menschen und ihren Kampf gegen den Klimawandel herausgepickt.

quelle: watson.ch

Die Bienenzüchterin in Slowenien

Bild

Die Situation:

"In Slowenien gibt es rund 10.000 Imker, nirgendwo sonst gibt es mehr Bienenzüchter pro Einwohner. Und kein Volk hat eine engere und emotionalere Beziehung zu den Bienen als die Slowenen. Imker wie Danijela arbeiten in Harmonie mit der Natur – doch auch in Slowenien sind die Bienen zunehmend bedroht. Den Insekten setzen auch hier Pestizide und der Einsatz anderer Chemikalien in der Landwirtschaft und in privaten Gärten zu. Veränderte Landnutzung führt zum Verlust der Artenvielfalt bei Wildblumen und setzt somit den Bienen zu. Und dann ist da noch der Klimawandel. Das Problem: Es wird immer öfter früher Frühling. Die Blumen blühen dann jeweils schon vor dem 'Erwachen' der Bienen."

Bild

Bild: florian reber

Die Folge:

"Kommen die Bienen schließlich aus ihrer Wintertraube, finden sie wenige oder keine Nahrung, die Zucht wird schwieriger und Wildbienen sind dadurch gefährdet. Zudem setzen extreme Wetterbedingungen den Insekten zunehmend zu. Einheimische Imker wie Danijela sehen die Lösung beim Pflanzen von einheimischen Wildblumen und im Verzicht auf Pestizide, Herbizide und Fungizide auch im privaten Garten. Oder wie es Danijela ausdrückt: Mehr Wildnis, dafür weniger englischer Garten."

Apfelbauer im Vinschgau

Bild

Die Situation:

"Ich traf Armin Ende Oktober in Prad im Vinschgau. Er war gerade dabei, die vom Sturm überfluteten Felder zu pflegen. Dass Äpfel überhaupt im Vinschgau wachsen, ist unter anderem dem Klimawandel zu verdanken. Bis vor 20 Jahren wurde hier vor allem Roggen angepflanzt. Mit dem wärmeren Klima expandierten auch die Apfelplantagen, getrieben von wohlhabenden Bauern aus Meran und Bozen. Sie kauften den lokalen Bauern relativ einfach die Parzellen im Vinschgau weg. Der Apfelanbau war weniger arbeitsintensiv und lukrativer als der Roggenanbau. Aber mit der Ausbreitung der Apfelplantagen kam auch der Konflikt: Es regte sich Widerstand gegen den weit verbreiteten Einsatz von Pestiziden, vor dem es in dem engen und windgeprägten Tal praktisch kein Entrinnen gibt. Die Bevölkerung in Mals entschied sich für eine pestizidfreie Landwirtschaft, wurde aber vom Bozener Verwaltungsgericht zurückgepfiffen."

Bild

Eine Apfelplantage im Vinschgau. bild: florian reber.

Die Folge:

"Immer mehr Bauern wie Armin sehen die Probleme und überlegen sich, auf Bio umzusteigen. Allerdings glaubt Armin, dass es nicht getan ist, wenn man nur auf die Landwirtschaft den Finger hält. Das ganze Tal müsse 'grün' werden: der Tourismus, der Verkehr, alles. Einfach ist dies nicht, aber Armin sagt: 'Wir müssen miteinander reden und eine Lösung über alle Sektoren hinaus finden. Wir müssen zusammenarbeiten, nicht gegeneinander'."

Selbstversorger im Safiental

Bild

Die Situation:

"Die Hungers sind Bauern und Selbstversorger. Christian führt ein Wettertagebuch seit den 1970ern. Daraus geht hervor: Früher gab's noch Schnee im Juni und das Eisklettern an den Gletscherfällen war häufiger möglich. Heute blüht alles früher und es hat deutlich mehr Mücken. Auch die Föhngrenze bewegte sich weiter nach unten ins Tal, dafür wachsen Bäume bis in merklich höhere Lagen, die Waldgrenze steigt also.

Und schließlich: Im Sommer 2018 hat der vor 30 Jahren gepflanzte Nussbaum in Hungers Garten zum ersten Mal geblüht – auf rund 1600 Metern über Meer ist dies bemerkenswert. Normalerweise wachsen über ca. 800 Meter über Meer keine Nussbäume in den Alpen."

Bild

Der erste mit Solarstrom betriebene Skilift der Welt im Safiental. bild: florian reber

Die Folge:

"Die Folge bezieht sich hier nicht direkt auf den Wandel, sondern zeigt vielmehr Möglichkeiten auf, wie sich die Menschen vor Ort Gedanken machen, um Energie zu sparen und den Klimawandel aufhalten zu können.

So steht im Safiental seit 2011 der bisher einzige Solarskilift der Welt. Er ersetzte damals seinen 41-jährigen Vorgänger. Der Skilift produziert 15 Mal mehr Strom, als er selbst benötigt, und wird dadurch zur (kleinen) Einkommensquelle für die Gemeinde."

Bergführer/Pistenkontrolleur in Chamonix

Bild

Die Situation:

"Nach dem Hitzesommer vergangenes Jahr bröckelte es rund um Chamonix im Montblanc-Massiv. Zwei ikonische Kletterrouten sind durch Felsstürze wegen des schmelzenden Permafrosts jetzt passé. Beim einen Ereignis waren zwei Bergsteiger noch kurz zuvor auf der Route unterwegs. Sie hörten dabei sonderbare Geräusche, weit innen vom Felsen kommend. In der Nacht donnerte die Felswand auf den Gletscher."

Bild

Blick von Chamonix hinauf zum Aiguille du Dru im Montblanc-Massiv. Bild: florian reber

Die Folge:

"Am Montblanc wird es gefährlicher, wegen der sich ändernden Eis- und Gletscherwelt. Beispielsweise öffneten sich im Sommer 2018 am höchsten Berg der Alpen auf über 4600 Metern auf einmal Gletscherspalten, die es sonst noch nie gab. Durch solche Ereignisse müssen teilweise neue Routen mit neuen Gefahren begangen werden. Schwieriger machen es laut Loïc auch die zahlreichen Touristen, die einmal auf dem Montblanc stehen wollen. Zusammenfassend steigt für ihn als Guide mit dem Klimawandel auch das Berufsrisiko."

Langjähriger Präsident vom Rat der Haida Nation

Bild

Die Situation:

"Guujaaw ist ehemaliger Präsident des Rats der Haida Nation in Kanada. Er erzählte mir Folgendes: 'Unsere ganze Kultur der Haida Nation ist verbunden mit der Natur, alles baut auf ihr auf. Vor drei Jahren erlebten wir hier die erste Dürre, im letzten Jahr die erste Winterdürre. Das gab es vorher nie. Die Shallon-Scheinbeere – eine der widerstandsfähigsten Pflanzen, die wir kennen – stirbt aus. Ich sehe den Wandel überall.'"

Das ist die Haida Nation

Die Haida Nation ist eine der einflussreichsten "First Nations" in Kanada. Die rund 5000 Stammesmitglieder leben hauptsächlich auf Haida Gwaii, einer Inselgruppe vor der Küste von British Columbia (nördlich von Vancouver). Nur noch wenige hundert Leute sprechen Haida. Das Volk lebt sehr naturverbunden.

Bild

Haida Gwaii vor der Küste Kanadas. Bild: florian reber

Die Folge:

"Guujaaw sagt: 'Während die Haida Nation naturverbunden lebt, sind viele Menschen in Gegenden aufgewachsen, die von Menschen erbaut wurden. Sie haben den Kontakt zur Natur verloren. Sie sind dann nicht so direkt betroffen wie wir, wenn in der Natur Tiere oder Pflanzen leiden und aussterben. Es freut mich, dass Klimademonstrationen zugenommen haben, aber viele können sich die Teilnahme auch aus finanziellen Gründen nicht erlauben – sie haben dringendere – alltägliche – Probleme zu lösen.

Als Individuen sind Menschen fürsorgende, liebevolle Geschöpfe, aber in der Gruppe gerät alles außer Kontrolle. Es ist nicht mehr menschlich, sondern geht nur um den Profit.'"

Künstlerin in British Columbia

Bild

Die Situation

"Der Frühling 2019 war in Penticton außergewöhnlich trocken. Viele fürchteten sich darum vor einem nächsten Sommer mit vielen Waldbränden, wie dies in den vergangenen drei Jahren der Fall war. Als ich da durchradelte, sah ich in der Stadt dieses riesige Mural (Wandmalerei)."

Bild

Das Mural von Laura in Penticton. Bild: florian reber

"'Die Umwelt liegt in unseren Händen' steht da. Ich fand das super. Weil die Künstlerin ihre E-Mail-Adresse auf dem Kunstwerk hinterließ und ich mehr erfahren wollte, meldete ich mich bei ihr."

Die Folge

"Die Künstlerin Laura erklärte mir ihren Beweggrund so: 'Ich malte das Mural als Folge der schlimmen Feuer, die wir hier in den vergangenen Jahren hatten. Ursprünglich wollte ich meinem Ärger freien Lauf lassen. Aber ich kam davon ab, weil ich keine Schuldgefühle rüberbringen wollte, sondern ein positives Bewusstsein.

Ich will damit auch zeigen, was Kunst in der Klimadebatte bewirken kann. Sie schafft Aufmerksamkeit und bringt Menschen dazu, nachzudenken. Trotz der heute schnelllebigen Zeit finde ich, dass der Impact als Mural größer ist, als wenn ich das nur auf Social Media geteilt hätte. Denn so bleibt es für eine lange Zeit sichtbar und die Leute werden immer wieder damit konfrontiert. Das wäre im schnelllebigen Internet nicht möglich.'"

Wasserökologe im Glacier National Park

Bild

Die Situation:

"Chris untersucht Jungforellen im Glacier National Park, ich konnte ihn einen Tag lang begleiten. Der Klimawandel macht den einheimischen Forellen zu schaffen. Dazu kommt die starke Durchmischung mit invasiven Forellen, was sie weniger widerstandsfähig macht. Und in wärmer werdenden Gewässern scheinen sie schlechter überleben zu können.

Auch betroffen dadurch ist der Tourismus. Montana ist ein Mekka für Fliegenfischer, sie kommen aus der ganzen Welt hierher. Allerdings kann dies zu Stress bei den Tieren führen und darum müssen teilweise ganze Flussabschnitte zum Schutz der Forellen gesperrt werden. 2016 waren dies beispielsweise 300 Kilometer des Yellowstone Rivers."

Bild

Unterwegs im Glacier National Park, wo der Klimawandel den einheimischen Forellen zu schaffen macht. Bild: florian reber

Die Folge:

"Es gibt zwei Punkte zu beachten. Der eine ist der Artenschutz. Hier braucht es innovative Maßnahmen. Zum Teil werden im Rahmen von 'climate-informed conservations' Fischbestände in höher gelegene, kältere Flüsse und Seen umgesiedelt.

Der andere Punkt betrifft den Tourismus. Dieser bringt der Region Montana rund 7,1 Milliarden US-Dollars jährlich und bietet 71.000 Jobs. Wenn du jetzt Flussabschnitte sperren musst, trifft es diesen Wirtschaftssektor in der Region hart."

Feuerwehrmann in Colorado

Bild

Die Situation:

"Waldbrände sind in weiten Teilen Nordamerikas ein Bestandteil des Ökosystems. Die Intensität und Häufigkeit hat sich aber massiv erhöht. Chris bekämpfte sein erstes Feuer im Jahr 1989. Einer der erfahrenen Feuerwehrleute sagte damals, dies wäre ein 'Einmal-in-der-Karriere-Feuer', also eines der größten, das er sehen werde. Aber eigentlich erlebte Chris seither jährlich ein noch größeres Feuer.

Der Klimawandel ist aber nicht der einzige Grund für diese Veränderung. Es gibt mindestens noch zwei weitere: Mehr Leute ziehen in Gegenden, in welchen Feuer wüten können. Dazu werden Brände heute intensiver bekämpft, weil Privatbesitz schneller betroffen ist. Weil wir so natürliche Feuer unterbinden, nehmen wir diesen Aspekt dem Ökosystem weg."

Bild

Bild: julian reber

Die Folge:

Chris erklärte mir: "Als ich vor 30 Jahren Feuerwehrmann wurde, konnte man die Feuersaison in Colorado ziemlich genau vorhersagen (ca. Ende April bis Oktober). Heute haben wir das ganze Jahr durch Waldbrände. Auch die Art der Brände verändert sich. Beispielsweise gibt es heute große Feuer schon früh im Jahr und sie dauern über einige Wochen. Früher dauerten die ersten Brände im Jahr meist nur einen Tag, die großen Feuer kamen später in der Saison.

Für mich braucht es zwei Maßnahmen. Erstens: Wir sollten Feuer wieder mehr zulassen, um der Umwelt zu helfen. Und zweitens: Viele Zuzügler wissen nicht, was es heißt, in einer Feuerökologie zu leben. Wir müssen sie entsprechend informieren und ausbilden."

Tourismus und Klimawandel im Yellowstone Nationalpark

Bild

Die Situation:

"Ann erzählte mir, dass der Bergkieferkäfer sich in den vergangenen zehn Jahren massiv ausbreitete. Eigentlich wäre er Bestandteil eines ausgeglichenen Ökosystems. Aber mit dem Klimawandel sind die Winter nicht mehr kalt genug, um die Larven abzutöten, so gewann er die Überhand. In den Rocky Mountains sind fast alle höher gelegenen Kieferwälder betroffen."

Bild

Vom Bergkieferkäfer befallene Wälder am Togwotee Pass in Wyoming. bild: florian reber

Die Folge:

"Weniger oder kranke Kieferbestände schaden den Bären. Die Kerne der Kiefer boten Grizzlies fett- und proteinreiche Nahrung für ihren Winterschlaf. Jetzt müssen sie sich diese in tieferen oder von Menschen bewohnten Gebieten suchen. Grizzlies haben ein gutes Gedächtnis. Finden sie die Nahrung nicht mehr am gleichen Ort, wie im Jahr zuvor, ziehen sie weiter. Wir werden also in Zukunft die Bären in Gebieten finden, wo sie früher nicht heimisch waren. Das führt zu neuen Realitäten und Konfliktpotential."

Ranching und Nachhaltigkeit im Paradise Valley

Bild

Die Situation:

"Vern will zeigen, dass man auch Gewinn machen kann, wenn man MIT der Natur arbeitet. Die Überdüngung ist in seiner Gegend vor allem flussabwärts ein Problem. In Montana ist die Bodenversauerung durch übermäßigen Pestizidgebrauch ein großes Thema. Schlechter Boden lässt natürlich den Ertrag sinken."

Bild

Vern versucht im Paradise Valley nachhaltige Landwirtschaft beliebt zu machen. Bild: florian reber

Die Folge:

"Vern ist überzeugt, dass die Bodengesundheit wieder verbessert werden muss. Er sagt: 'Bauern, die weg kommen von chemischen Düngemitteln, steigern ihren Ertrag und haben tiefere Kosten. Zudem tun sie etwas Gutes für die lokale Umwelt und das globale Klima. Es ist also eine Win-Win-Win-Win-Situation. Die Landwirtschaft kann eine umfassende Lösung für den Klimawandel und die nachhaltige Entwicklung sein.'

Wenn Vern aber Bauern vom nachhaltigen Arbeiten überzeugen will, lässt er das Thema Klimawandel meist weg oder erwähnt es nur kurz. 'Jeder kann den Klimawandel bekämpfen – egal was er von ihm hält', ist seine Devise."

Viel Urlaub, wenig CO2: So gehts!

Play Icon
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Fotograf postet dieses Trump-Foto – die Reaktionen sind großartig

US-Präsident Donald Trump war gerade von Charlotte im Bundesstaat North Carolina wieder beim Weißen Haus angekommen, als ein Fotograf des Weißen Hauses abdrückte. Das Bild wurde schließlich auf Twitter von der Seite "White House Photos" veröffentlicht.

Es scheint, als ob der Präsident seine Haare streng zurückgegelt hätte, wobei es laut dem Weißen Haus der Wind gewesen ist, der für die Frisur gesorgt haben soll. Zudem wirkt Trumps Teint irgendwie ungleichmäßig. Doch seht selbst:

Kurze Zeit später …

Artikel lesen
Link zum Artikel