International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Bild

Seins-Fragen beim Brexit. imago-montage

Brexit: Ein wenig drin bleiben oder ganz raus, das ist die Frage

Gerhard Spörl / t-online

Ein Artikel von

T-Online

Was immer auch der Brexit für Großbritannien und Europa bedeuten mag, eines hat die Auseinandersetzung schon bewirkt: Sie hat das Land vergiftet. Sie gibt uns eine Ahnung davon, was einer alten, stabilen Demokratie widerfahren kann, wenn sie sich entlang eines fundamentalen Problems halbiert.

Was als Akt der Demokratie startete, entwickelte sich zu einem Akt der Selbstverstümmelung. Großbritannien ist Klein-Amerika, gespalten in dafür und dagegen, für den Brexit und gegen ihn. Das parlamentarische System ist gelähmt und dysfunktional. Dafür haben zuerst die Clowns gesorgt, Leute wie Boris Johnson, der mal ein kurioser Bürgermeister von London war, oder Jacob Rees-Mogg, der wie eine der skurrilen Erfindungen von Monty Python aussieht, aber leider wirklich ein reicher, gelangweilter Snob ist.

Die Clowns haben die Gullys geöffnet – und Spaß daran

Mittlerweile mischt der Mob draußen vor dem Parlament mit und bestimmt die Regeln. Er lauert konservativen Abgeordneten auf, die gegen den Brexit sind, und verunglimpft sie als Faschisten, Verräter, als Nazis. Ein prominenter Online-Kommentator, der von ganz links nach ganz rechts lustwandelte, mokierte sich über Jo Cox, eine Labour-Abgeordnete, die kurz vor dem Referendum von einem Mann ermordet wurde, weil sie gegen den Brexit war. Die Clowns haben die Gullys geöffnet und erfreuen sich auch noch daran.

Vor zweieinhalb Jahren stimmte eine winzige Mehrheit von 51,9 Prozent für den Auszug aus der Europäischen Union. Mehrheit ist Mehrheit, so ist das nun einmal in der Demokratie. Die knappe Mehrheit in einer für ein Land existenziell wichtigen Entscheidung kann aber eine Wunde aufreißen, die lange nicht mehr heilt, wenn überhaupt.

Morgen ist D-Day. Theresa May, die Premierministerin, lässt über ihren Kompromiss abstimmen, wonach Großbritannien noch einige Zeit Mitglied der Europäischen Union bleiben soll und erst nach diesem Übergang gänzlich ausscheidet. Kommt es so, wie es aussieht, lehnen ihre eigenen Parteifreunde die abgemilderte Form des Brexit im Parlament ab. Sie möchten es schärfer , sie hassen Kompromisse und verachten Theresa May, die seit dem Referendum keine besonders glückliche Figur abgab und hilflos gegen ihre destruktiven Gegner ist, was man ihr nicht einmal verdenken kann.

Verliert sie die Abstimmung, hängt vieles von der Labour Party ab, der linken Opposition. Jeremy Corbyn, ihr Vorsitzender, hat sich darauf festgelegt, einen Misstrauensantrag zu stellen, der vermutlich keine Mehrheit finden wird, womit die Absurdität sich abrundet: Die Regierungspartei verweigert der Premierministerin ihr Vertrauen und schenkt es ihr einen Tag später wieder. Warum? Weil es sonst Neuwahlen gäbe, die Labour aller Voraussicht nach gewinnen würde, was weder die Clowns noch der rechte Mob zulassen wollen.

Pragmatismus ist eine britische Errungenschaft

Das Grundübel liegt in dem grassierenden Mangel an Ernsthaftigkeit. Es war David Cameron, der damalige Premierminister, der auf die Idee verfiel, ein Referendum über die Zugehörigkeit zur EU zu halten. Er rechnete mit einer satten Mehrheit wie 1975, als das Land mit einer Zweidrittelmehrheit für den Verbleib gestimmt hatte, trotz aller Ambivalenz gegen Brüssel. Folglich ließen Cameron und seine konservative Partei die Sache einfach laufen.

Die Labour Party machte es nicht besser. Wie die Torys ist sie in Freunde und Feinde der EU gespalten, so dass die Führung sich fein zurückhält, das kennen wir von der SPD. Der Parteichef Corbyn schaute zu, erfreute sich an der Selbstzerstörung der Regierung und hoffte darauf, Premierminister nach Neuwahlen zu werden. Nur eines machte er nicht: Labour zum Fürsprecher, dass Großbritannien in der EU bleibt und schon gar nicht zum Befürworter eines zweiten Referendums über den Kompromiss, den Theresa May aushandelte.

Zu den schönen Errungenschaften, die wir den Briten verdanken, gehört der Pragmatismus. Er ist die kongeniale Denkungsart für die Demokratie, denn er berücksichtigt die Gegenargumente und behauptet nicht, er sei im Besitz der Wahrheit. Pragmatismus ist auch menschlich, indem er im demokratisch Andersdenkenden nicht den Feind sieht, geschweige denn ihm unterstellt, er untergrabe das System. Mehr oder weniger kultiviertes Verhalten ist der Normalfall, an dem wir gewöhnt sind. Gewöhnt waren, sollte ich sagen, denn der herkömmliche Pragmatismus ist bedroht, keine Frage. In Großbritannien. In Amerika. In Frankreich. In Italien. In Deutschland, wenn auch erst in den Anfängen.

Momentan hat in Großbritannien niemand die Kontrolle

Theresa May verkörpert den Pragmatismus in seiner geschwächten Form. Sie handelte den Einstieg in den Ausstieg aus und wer wollte, konnte sich denken: Die Briten bleiben drin und wer weiß, wie sie in zwei Jahren darüber denken. Vielleicht haben sie bis dahin gemerkt, dass sie wirtschaftlich, sozial und kulturell unter den Folgen des Brexits leiden und bleiben weiterhin lieber halb drin als ganz raus zu gehen.

Diesen verschwiemelten Nicht-Ausstieg wollen ihre Gegner verhindern und der Mob sowieso. So bleibt nur die Alternative, dass sich am Ende doch der May-Kompromiss irgendwie durchsetzt oder Großbritannien ohne Vertrag die Europäische Union am 29. März verlässt.

"Take back control" lautet der Schlachtruf der Brexit-Enthusiasten. Momentan hat in Großbritannien niemand die Kontrolle über den Fortgang der Dinge. Jeder denkt nur von Ereignis bis Ereignis, obwohl jeder behauptet, im Besitz von Wahrheit und Strategie zu sein. Wäre an der Zeit, dass sich irgendjemand zum guten alten Pragmatismus aufrafft. Nur wer?

Das könnte dich auch interessieren:

Warum Frauen an der Gitarre unterschätzt werden – Spoiler: Es hat mit Männern zu tun

Link zum Artikel

"Halt die Fresse, du erbärmliche Frau": Flugzeug-Crew droht 22-Jähriger mit Rausschmiss

Link zum Artikel

Zyklon "Idai": Zahl der Toten in Simbabwe auf 70 gestiegen

Link zum Artikel

Klimaschützerin Luise Neubauer: Anführerin einer wachsenden Bewegung

Link zum Artikel

19 Bilder, die dir zeigen: Es ist nicht alles, wie es scheint

Link zum Artikel

Tesla enthüllt das Model Y – so sieht es aus, und so viel kostet es

Link zum Artikel

Umstrittene Netflix-Doku zum Fall "Maddie" sorgt für Aufregung

Link zum Artikel

"Schulschwänzen nicht heilig sprechen" – Lindner schießt wieder gegen #FridaysForFuture

Link zum Artikel

Wie peinlich kann ein Sex-Date sein? Ja, lest mal dieses Jodlers Reim!

Link zum Artikel

Optische Täuschung: Künstlerin verschwindet dank Make-up in ihrer Umgebung

Link zum Artikel

Greta Thunberg in Schweden "Frau des Jahres"

Link zum Artikel

Katarina Barley: "Rabenmutter gibt's nur auf Deutsch"

Link zum Artikel

"Frauen der Mauer" von strengreligiösen Juden in Jerusalem bespuckt und beschimpft

Link zum Artikel

Wir waren mit Deutschlands bester Skaterin unterwegs. Sie ist 11 Jahre alt.

Link zum Artikel

9 Stars, denen völlig egal war, was Männer und Frauen tragen "sollten"

Link zum Artikel

In diesen Ländern haben die Frauen das Sagen (es sind immer noch zu wenige)

Link zum Artikel

Einen Tampon einzuführen erregt uns nicht und 32 weitere Wahrheiten über Frauen

Link zum Artikel

Der Tod des Patriarchats! Daenerys auf den Thron #TeamDaenerys

Link zum Artikel

"Pink Tax" für Frauen: Gleiches Produkt, gleicher Inhalt, aber teurer

Link zum Artikel

Ich habe mich mit Mama & Oma über Emanzipation unterhalten – es lief anders, als erwartet

Link zum Artikel

watson wird zur Frau! Ja, du hast richtig gelesen

Link zum Artikel

Virgin Atlantic hebt Make-up-Vorgaben auf – aber wieso gibt es die überhaupt noch?

Link zum Artikel

Sie hat alle überlebt, alleine dafür gebührt ihr der Thron #TeamSansa

Link zum Artikel

Chinesische "Harry Potter"-Fans reisten nach Sydney – sie dachten, dass dort Hogwarts sei

Link zum Artikel

#VansChallenge – Warum jetzt überall Sneaker durch die Luft fliegen

Link zum Artikel

Trumps Twitter-Feed ist verrückt? Dann schau dir mal den von Brasiliens Präsidenten an

Link zum Artikel

Die beliebtesten Länder-Slogans – erkennt ihr den Spruch eures Bundeslandes?

Link zum Artikel

Trump nennt den Apple-CEO "Tim Apple" – und die Reaktionen sind großartig

Link zum Artikel

Der Hundewurf von Straubing – und was die AfD daraus macht

Link zum Artikel

Diese Russin ist ein Insta-Star – weil sie ihr Wald-Leben inszeniert wie eine Stadt-Ikone

Link zum Artikel

So romantisch wie Fußnägelschneiden – Erster Heiratsantrag bei Jauch via Telefonjoker

Link zum Artikel

Wenn die Sonne stirbt, ist das wie ein leiser Pups

Link zum Artikel

Zitterpartie Brexit – Geht Mays Strategie schief? Und 5 weitere Fragen

Link zum Artikel

Die Oscars werden zum Queengasmus – unser Protokoll der Nacht

Link zum Artikel

Forscher stehen vor Rätsel: Was macht ein toter Wal im Dschungel?

Link zum Artikel

Darf er das? Chelsea-Torwart verweigert Auswechslung – sein Trainer tobt

Link zum Artikel

Es ist so warm in Deutschland, dass auch schon die Mücken unterwegs sind

Link zum Artikel

Grimassen und getretene Kleider – 13 Dinge, die du in der Oscar-Nacht verpasst hast

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

EU stimmt für Ende der Zeitumstellung ab 2021

Der Verkehrsausschuss des EU-Parlaments ist am Montag in Brüssel für eine wegweisende Abstimmung zur Abschaffung der Zeitumstellung zusammengekommen.

Nach dem Kompromissvorschlag, über den am Nachmittag abgestimmt wurde, werden 2021 ein letztes Mal die Uhren umgestellt.

Darüber, dass künftig nicht mehr zwei Mal jährlich an der Uhr gedreht werden soll, herrscht auf EU-Ebene weitestgehend Einigkeit. Streit gab es jedoch bislang beim Zeitplan. Die EU-Kommission hatte ursprünglich 2019 …

Artikel lesen
Link zum Artikel