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Members of Proud Boys gather for a rally in Portland, Oregon, U.S. September 26, 2020. REUTERS/Jim Urquhart

Bild: reuters / JIM URQUHART

Meinung

Was gerade bei Twitter trendet, wird die "Proud Boys" nicht freuen

Twitter: meistens nervig, manchmal wunderschön. Dort trendete am Wochenende der Hashtag #proudboys. Dahinter verbarg sich allerdings keineswegs ein hemmungsloses Abfeiern jener faschistoiden US-Miliz, der US-Präsident Donald Trump im TV-Duell mit Joe Biden mit dem Satz "stand back and stand by" quasi befohlen hatte, sich für den Tag X bereitzuhalten. Sondern das genaue Gegenteil.

In Hunderttausenden Tweets feierten Twitter-Nutzer die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern – die sie als "Proud Boys" (dt.: "stolze Jungs") bezeichneten.

Andere User nutzen die Gelegenheit des gekaperten Hashtags, und bekundeten ihrem Partner in rührenden Nachrichten die Liebe.

Dunja Hayali auch dabei

US-Musikjournalist Eric Alper tweetete unter dem Hashtag das Foto eines US-Marines in inniger Umarmung samt Kuss mit seinem Partner.

Und ZDF-Journalistin Dunja Hayali stimmte in den antifaschistischen Chor mit ein und twitterte: "Ich bin gerne Spielverderberin und mache auch mit."

Die seit 2008 offen homosexuell lebende Hayali erklärte auch gleich noch, was genau an diesem Twittertrend (noch) so schön war: "Die Proudboys sind eine rein männliche, rechtsextreme, homophobe Gruppe." Sprich, den Mitgliedern der Miliz dürfte eher wenig gefallen, was da auf Twitter am Sonntag unter ihrem Namen verbreitet wurde: ein bisschen Liebe.

Wer sind die Proud Boys?

Die Gruppe wurde 2016 vom Mitgründer und ehemaligen Kommentator von Vice Media, Gavin McInnes, als Witz in einem rechtsextremen Magazin ins Leben gerufen. Ihr Name leitet sich von dem Lied "Proud of Your Boy" aus dem Disney-Musical Aladdin ab. Die Proud Boys glauben, dass weiße Männer und die westliche Kultur bedroht seien. Ihre Ideologie beruft sich unter anderem auch auf den Verschwörungsmythos eines Völkermords an den Weißen.

Wie viele andere neurechte Gruppen berufen sie sich offiziell zwar weniger auf offen rassistische Narrative als etwa der Ku Klux Klan, sondern auf angebliche "westliche Werte". Im Ergebnis führt das jedoch zu denselben Feindbildern wie bei klassischen Rassisten und Rechtsradikalen: Muslime, Einwanderer, Frauen.

Die Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center (SPLC) stuft die Gruppierung als "Hassgruppe" ein, als islam-, einwanderungs- und frauenfeindlich sowie gewaltbereit. Mehrere Geheimdienstbehörden in den USA sehen in den Proud Boys laut dem "Guardian" eine gefährliche rassistische Organisation.

Mitglieder der Proud Boys teilen immer wieder rassistische Kommentare im Internet und nehmen an Aufmärschen rassistischer Gruppen teil. So etwa am berüchtigten Marsch von Rechtsextremen in Charlottesville im Jahr 2017. In den vergangenen Monaten traten teilweise bewaffnete Proud Boys immer wieder am Rande von Protesten der Anti-Rassismus-Bewegung Black Lives Matter in Erscheinung. Es kam zu Zusammenstößen mit antifaschistischen Aktivisten.

(pcl)

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